Sonntag, 30. Dezember 2012

Small World

"Small World" - "Je n'ai rien oublié" ist ein Film von Bruno Chiche (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 2010 und beruht auf dem gleichnamigen Roman von Martin Suter.

Konrad Lang (Gérard Depardieu) ist ein Mann Anfang Sechzig, der seit einiger Zeit Probleme mit seinem Kurzzeitgedächtnis hat. Er lebt zurückgezogen als Verwalter eines Ferienhauses der Industriellen-Familie Senn, bei denen er aufgewachsen ist und die über die Jahre immer für ihn gesorgt haben. Durch eine Unachtsamkeit setzt er versehentlich das Haus in Brand und taucht bald darauf in dem riesigen Anwesen der Senns auf.

An diesem Tag findet eine Hochzeit statt, in die Konrad hineinplatzt. Philippe (Yannick Renier), der Sohn von Konrads Jugendfreund Thomas (Niels Arestrup) und Enkel der rüstigen und dominanten Clan-Chefin Elvira (Françoise Fabian), heiratet die junge Simone (Alexandra Maria Lara). Auch Elisabeth (Nathalie Baye), die Ex-Frau von Thomas ist zu Gast. Sie war einst in beide Männer verliebt, hatte sich aber letztlich für die finanzielle Sicherheit an der Seite von Thomas entschieden.

Thomas und Elvira sind nicht sehr erfreut über Konrads Auftauchen und schieben ihn schnell in eine kleine Wohnung ab. Simone freundet sich mit Konrad an, weil sie genau wie er nicht richtig in die Familie passt, was man sie auch spüren lässt. Elisabeth freut sich über das Wiedersehen mit Konrad, doch sie muss bald feststellen, dass er an Alzheimer erkrankt ist und seine Vergesslichkeit für ihn eine Gefahr darstellt. Nach einigen Zwischenfällen entscheidet sich Elvira dazu, Konrad in einem Gästehaus auf dem Anwesen unterzubringen und sie sorgt auch dafür, dass er von einer Krankenschwester betreut wird.

Thomas kann diese großzügige Geste nicht nachvollziehen, er geht Konrad aus dem Weg, weil er nicht an sein eigenes Alter erinnert werden will. Aber Elvira hat ihre Gründe, denn Konrad kann sich immer öfter an Szenen aus seiner Kindheit erinnern, die ihr gefährlich werden können. Simone, die inzwischen feststellen musste, dass Philippe sie betrügt und sie außerdem schwanger ist, kümmert sich um Konrad und kommt dabei langsam einem wohl gehüteten Familiengeheimnis auf die Spur.

Den Roman von Martin Suter kenne ich nicht, aber der Film ist definitiv gelungen und sehr sehenswert. Die Geschichte ist spannend und gut erzählt und die Ausstattung ist sehr erlesen. Die Rollen sind durchweg sehr gut besetzt, die Schauspieler sind hervorragend. Zu Gérard Depardieu muss man ja schon fast nichts mehr sagen, aber es ist immer wieder erstaunlich, welche Zartheit und Kindlichkeit dieser doch eher bullige Mann verkörpern kann. Françoise Fabian ist brillant als eiskalte Chefin der Familie, die dafür auch über Leichen geht.

Der hübsche Yannick Renier ist als Philippe ebenso kalt wie seine Großmutter und sehr sehenswert. Nathalie Baye und Niels Arestrup spielen ebenfalls großartig und Alexandra Maria Lara ist zwar eine sehr hübsche Frau, aber meiner Meinung nach leider auch immer ein wenig langweilig.

Insgesamt gesehen kann ich diesen Film sehr empfehlen, es lohnt sich auf jeden Fall, in die Vergangenheit dieser Familie einzutauchen.

(Françoise Fabian und Yannick Renier)

The Hit List

"The Hit List" ist ein Film von William Kaufman aus dem Jahr 2011. Das Drehbuch stammt von Chad und Evan Law.

Allan Campbell (Cole Hauser) ist ein armes Schwein und hatte einen verdammt schlechten Tag. Eine sicher geglaubte Beförderung geht an einen schleimigen Kollegen (Sean Cook), sein Chef lässt nicht mit sich reden, ein Kredithai bedroht ihn und als Krönung erwischt er noch seine Frau Sydney (Ginny Weirick) zusammen mit seinem besten Freund Mike (Drew Waters). Frustriert landet Allan in einer Bar und betrinkt sich.

In der Bar lernt er den schweigsamen Jonas Arbor (Cuba Gooding Jr.) kennen, dem er sein Leid klagt. Jonas hört sich das Gejammer an, bis er schließlich bemerkt, dass Allan selbst schuld an seiner Misere ist, weil er sich alles gefallen lässt. Er müsse die Initiative ergreifen und sich wehren, sonst würden auch weiterhin alle immer nur auf ihm herumtrampeln. Der betrunkene Allan begreift nicht, worauf Jonas hinaus will, bis dieser ihm erklärt ein Profikiller zu sein. Allan soll eine Liste erstellen mit fünf Namen von Leuten, die Jonas dann für ihn töten wird.

Aus Spaß schreibt Allan tatsächlich fünf Namen auf eine Serviette. Seinen Chef, den fiesen Kollegen, den Kredithai, seinen besten Freund und seine Frau. Als Allan auf die Toilette geht, ist Jonas anschließend verschwunden und mit ihm auch die Liste. Der betrunkene Allan verbringt die Nacht in seinem Auto und hat die ganze Angelegenheit auch gleich wieder vergessen. Am nächsten Morgen kommt er verkatert in die Firma und muss erfahren, dass sein Chef in dieser Nacht ermordet wurde. Jonas hat sich an die Arbeit gemacht und arbeitet die Liste ab, wenn Allan ihn nicht aufhalten kann...

Was für eine schräge Idee, ganz ehrlich, das hört sich doch recht vielversprechend an. Ist es zum größten Teil auch, aber das letzte Drittel des Films fällt ein bisschen ab. Der viel zu brave Allan muss über sich hinauswachsen und dem genialen und durchgeknallten Killer die Stirn bieten, sonst geht es böse aus. Cole Hauser macht seine Sache ziemlich gut, aber Cuba Gooding Jr. stiehlt ihm einfach die Show. Er definiert den Begriff "cool" ganz neu und ist absolut großartig als todkranker Killer, der sich seinen letzten Auftrag selbst ausgesucht hat. Sehenswert ist auch noch Jonathan LaPaglia als Detective McKay, der Rest ist guter Durchschnitt.

Der Film, der hierzulande direkt auf DVD erschienen ist, ist ab 18 Jahren freigegeben und das nicht ohne Grund, denn es wird ordentlich geballert, Menschen werden kaltblütig ermordet und ein ganzes Polizeirevier wird zerlegt. Das Ende ist natürlich vorhersehbar und wie gesagt, das letzte Drittel schwächelt ein wenig, aber Spaß macht das ganze doch.

Also mir hat der Film gefallen, die Idee ist gut und Cuba Gooding Jr. ist ein echtes Erlebnis. Sehr empfehlenswert.

Samstag, 29. Dezember 2012

17 Mädchen


"17 Mädchen" - "17 filles" ist ein Film von Delphine und Muriel Coulin (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 2011 und gleichzeitig deren Langfilmdebüt. Die Handlung beruht auf einer wahren Begebenheit, die sich so oder ähnlich in Amerika zugetragen haben soll. Die Regisseurinnen lassen ihren in Film aber in Frankreich spielen.

In Lorient, einem Ort in der Bretagne, gab es in jenem Sommer eine Marienkäfer-Invasion, so erzählt die Stimme aus dem Off. Doch das war nicht die einzige Sensation, denn endlich war hier mal was los. Worum geht es? Am örtlichen Gymnasium wurden siebzehn Mädchen im Alter zwischen 16 und 17 Jahren schwanger und alle wollten ihre Kinder auch behalten. Eltern und Lehrer reagierten gleichermaßen entsetzt und verstört, aber die Mädchen hatten einen genauen Plan, wie ihr zukünftiges Leben aussehen sollte.

Angefangen hat alles mit Camille, die ungewollt schwanger wurde. Selbst in einer Familie ohne Vater und mit einer überforderten und meist abwesenden Mutter aufgewachsen, will Camille ihrem Kind eine gute Mutter sein und immer für das Kleine da sein. So weit, so schlecht. Da Camille den anderen Mädchen als Vorbild gilt und bereits in den höchsten Tönen von ihrem zukünftigen Leben schwärmt, entspinnt sich unter ihnen der Gedanke eines gemeinsamen Lebens mit ihren Kindern. Jetzt heißt es nur noch so schnell wie möglich schwanger zu werden, um die Utopie wahr werden zu lassen.

Das normale Leben in der eher ärmlichen Kleinstadt lässt kaum Möglichkeiten zu und der weitere Lebensweg scheint bereits vorgezeichnet, da kommt den Mädchen dieser Traum gerade recht. Die jungen Frauen wollen die Leere in ihrem Leben ausfüllen, weil sie sonst nichts haben, woran sie sich halten können. Ein Kind zu bekommen bedeutet für sie, jemanden zu haben der einen immer liebt und das bedingungslos. Nie mehr Langeweile. Es ist ein Traum von einem besseren Leben, in dem die Mädchen respektiert und geachtet werden, so ist jedenfalls ihre Vorstellung davon.

Ein träumendes Mädchen ist nicht aufzuhalten, so wird es hier jedenfalls erzählt, also träumen die jungen Frauen von ihrer Kommune, in der sie gemeinsam leben werden, nie ihre Zimmer aufräumen oder ihre Betten machen müssen. Alles werden sie gemeinsam erleben und immer füreinander da sein. Das scheitert jedoch schon vor Beginn dieser Halluzination an der nicht vorhandenen Freundschaft unter allen Beteiligten und an deren Egos. Wundert sich irgendjemand darüber?

Die Eltern kommen hier nur am Rande vor, ebenso wie die Jungs, die lediglich Mittel zum Zweck waren, mehr aber auch nicht. Der Schwangerschaftspakt bleibt eine Illusion, denn natürlich läuft nichts alles so, wie geplant. Für kurze Zeit haben die Mädchen die gewünschte Aufmerksamkeit bekommen, die sie wollten, aber was haben sie am Ende tatsächlich erreicht, was haben sie verändert? Nichts.

Der Film hat mich einigermaßen ratlos und wütend gemacht. Wie blöd kann man eigentlich sein? Scheinbar erschreckend blöd, wenn ich mir diese Idee so ansehe. Was mich allerdings noch viel wütender macht, sind die durchweg positiven Besprechungen zu diesem Werk und auch ein Interview mit einer der Regisseurinnen, die hier doch tatsächlich von Feminismus spricht und den Plan der Mädchen auch noch als politischen Akt hinstellt. Ich kann gleich nicht mehr...

Gibt es eine Empfehlung von mir für diesen Film? Nein, selbstverständlich nicht, das wäre ja noch schöner. Der soll angeblich auch an Schulen gezeigt werden, bei dem Gedanken an die möglichen Folgen wird mir jetzt schon ganz schlecht.

Late Bloomers

"Late Bloomers" ist ein Film von Julie Gavras aus dem Jahr 2011. Das Drehbuch schrieb Gavras zusammen mit Olivier Dazat.

Adam (William Hurt) und Mary (Isabella Rossellini) sind beide um die Sechzig. Sie führen eine harmonische Ehe, die drei Kinder Giulia, James und Benjamin (Kate Ashfield, Aidan McArdle und Luke Treadaway) sind längst aus dem Haus und haben ihr eigenes Leben. Marys Mutter Nora (Doreen Mantle) lebt in der Wohnung nebenan und legt Wert auf ihre Unabhängigkeit.

Als Adam eine Auszeichnung für sein Lebenswerk als Architekt erhält, fangen er und Mary an, über das Älterwerden nachzudenken. Allerdings tut das jeder für sich und mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Mary hatte kurze Gedächtnisaussetzer und lässt sich aus Angst vor Alzheimer untersuchen. Da alles in Ordnung ist, rät ihr der Arzt, sich körperlich zu betätigen. Ein kurzer Besuch bei der Aqua-Fitness, wo sie sich neben lauter jungen und sportlichen Frauen nicht sehr wohl fühlt, reicht ihr dann aber auch schon. Vielleicht irgendeine ehrenamtliche Tätigkeit? Als ehemalige Lehrerin könnte sie doch sehr nützlich sein, oder? Die ersten Ergebnisse sind jedoch eher frustrierend.

Doch Mary packt das Thema "Alter" sehr direkt an. Sie kauft ein Seniorentelefon, Seniorenbetten und Einstieghilfen und Haltegriffe für die Badewanne. Adam reagiert verstört auf diese Dinge und lehnt sie strikt ab. Im Büro soll er ein Altenheim-Projekt entwerfen, was ihm ordentlich gegen den Strich geht. Lieber arbeitet er mit jungen Kollegen an einem Museums-Entwurf und wird von der jungen Maya (Arta Dobroshi) angehimmelt. Statt Anzug und Pullover trägt er nun Jeans und Lederjacke.

Es kommt, wie es kommen muss. Das Ehepaar lebt sich auseinander, weil keiner Verständnis für den anderen aufbringen kann. Die Kinder sind ratlos und planen, ihre Eltern wieder zu versöhnen. Ob das gelingt?

Es ist natürlich schön und lobenswert, wenn sich ein Film mit dem Thema "Alter und Älterwerden" beschäftigt, das ist klar. So etwas wird ja sonst gerne ausgeblendet. "Late Bloomers" ist ein hübscher Versuch, dem etwas entgegenzusetzen. Selbstverständlich werden hier viele Klischees bemüht, aber das auf recht charmante Art und Weise. Ernst nehmen kann man das alles zwar nicht, trotzdem ist es durchaus amüsant und unterhaltsam.

Ein großer Pluspunkt ist aber die Besetzung der Hauptrollen mit Isabella Rossellini und William Hurt, denn beide sind großartig und authentisch in ihren Rollen und passen auch vom Alter her perfekt. Überhaupt, Isabella Rossellini ist eine Frau, die mit Sechzig noch ein "echtes" Gesicht und Falten hat, herrlich. Ich kann mich an ihr gar nicht sattsehen. Ein Highlight ist aber auch noch Doreen Mantle als Marys Mutter, die für einige Lacher sorgt und echt zum Verlieben ist.

Mir hat der Film gefallen, das kann ich nicht anders sagen. Ich will auch gar nicht meckern über Kleinigkeiten, die zu bemüht wirken, sondern einfach eine Empfehlung aussprechen. Es lohnt sich.

Donnerstag, 27. Dezember 2012

Nur für Personal


"Nur für Personal" - "Les femmes du 6ème étage" ist ein Film von Philippe Le Guay aus dem Jahr 2010. Das Drehbuch schrieb Le Guay zusammen mit Jérôme Tonnerre.

Paris, Anfang der Sechziger Jahre. Der Vermögensverwalter Jean-Louis (Fabrice Luchini) lebt zusammen mit seiner Frau Suzanne (Sandrine Kiberlain) in einem großzügigen Stadthaus, das schon seinen Eltern gehört hat. Die beiden Söhne sind meistens im Internat, Jean-Louis geht seiner Arbeit nach und Suzanne verbringt ihre Zeit mit Einkäufen und Verabredungen mit Freundinnen.

Als die langjährige Haushälterin Germaine (Michèle Gleizer) überraschend kündigt, muss schnell Ersatz für sie her. Suzannes Wahl fällt auf die junge Spanierin Maria (Natalia Verbeke), die gerade erst in Paris angekommen ist. Französisches Personal ist schwer zu bekommen und spanische Hausangestellte sind der letzte Schrei. In der sechsten Etage des Hauses von Jean-Louis, direkt unter dem Dach, befinden sich mehrere kleine Dienstbotenzimmer, in denen bereits einige Spanierinnen untergekommen sind, die alle in den Häusern in der Nachbarschaft arbeiten.

Marie bezieht dort eine Kammer, auch weil ihre Tante Concepción (Carmen Maura) dort ebenfalls lebt. Neben Concepción wohnen dort unter anderem noch Carmen (Lola Duenas), Dolores (Berta Ojea) und Teresa (Nurja Solé). Im Gegensatz zu dem Rest des gepflegten Hauses herrscht dort oben ein kleines Chaos. Die Toilette ist permanent verstopft und unbrauchbar, es gibt nur kaltes Wasser und der Zustand der Räume lässt zu wünschen übrig. Die spanischen Frauen beklagen sich allerdings nicht, sondern machen das Beste daraus und lassen sich ihre Laune nicht verderben.

Marie erweist sich im Haushalt als echte Perle und hat bei Jean-Louis schon einen Stein im Brett, als sie ihm sein Frühstücksei auf den Punkt serviert, so wie er es liebt. Er beginnt sich, ganz harmlos, für die junge und hübsche Frau zu interessieren, möchte mehr über sie und ihr Leben erfahren und landet dabei irgendwann im sechsten Stock. Erschrocken muss er feststellen, unter welchen Umständen die Frauen dort leben und beschließt spontan, ihnen zu helfen. Als erstes wird ein Klempner gerufen, der die Toilette richten soll.

Immer mehr wird Jean-Louis in das Leben der Spanierinnen hineingezogen, weil sie ihm vertrauen und mit ihren Sorgen zu ihm kommen. Er hilft, wo er kann und lässt sich von der Lebensfreude der Frauen anstecken. Eine Lebensfreude, die ihm in seinem Dasein schon lange abhanden gekommen schien. Seine Frau Suzanne bekommt von all dem nichts mit, bemerkt aber eine Veränderung an ihrem Mann. Sie verdächtigt ihn, eine Affäre mit einer reichen Klientin zu haben und wirft ihn aus der Wohnung.

Jean-Louis zieht daraufhin ebenfalls in den sechsten Stock und lebt fortan inmitten der fröhlichen Frauen. Er blüht merklich auf, genießt sein neues Leben und die Tatsache, endlich ein kleines Reich für sich zu haben, auch wenn es nur eine kleine Abstellkammer ist. Von den Spanierinnen wird er liebevoll umsorgt und seine Zuneigung zu Maria verstärkt sich.

Maria hat aber ein Geheimnis, denn sie hat einen achtjährigen Sohn, den sie als unverheiratete junge Frau zur Adoption freigegeben hatte. Als ihre Tante Concepción bemerkt, wie sehr Jean-Louis an Maria hängt, erzählt sie ihr, wo sich ihr Sohn aufhält und Maria reist nach Spanien ab, um dort ein neues Leben mit ihrem Sohn anzufangen. Jean-Louis ist tief getroffen, als er von Marias Abreise erfährt und will sie unbedingt wiedersehen.

Nun, den Rest spare ich mir mal, es ist sowieso klar, wie die Geschichte ausgeht. Zugegeben, es ist ein bisschen kitschig und hätte auch anders gehen können, aber es ist durchaus schön anzuschauen.

Die Geschichte ist schön erzählt, wunderbar gefilmt und ausgestattet, die Besetzung ist ein Traum, mehr geht nicht. Ich nenne das mal ganz spontan "flauschige Unterhaltung". Ja, es hätte bissiger sein können, hier sind aber alle immer ganz lieb zueinander. Muss auch mal sein und hier funktioniert das sehr gut.

Die wirklich fabelhaften Schauspieler machen diesen kleinen Film zu einem Erlebnis, das man nicht verpassen sollte. Einfach jede Rolle ist perfekt besetzt, das macht schon großen Spaß. Es gibt so viele schlechte Filme, da freue ich mich einfach mal über diese kleine Perle. Sehr empfehlenswert.

Mittwoch, 26. Dezember 2012

Boogie Woogie

"Boogie Woogie" ist ein Film von Duncan Ward aus dem Jahr 2009. Das Drehbuch stammt von Danny Moynihan und beruht auf seinem gleichnamigen Roman.

Art Spindle (Danny Huston) ist ein verschlagener, aber extrem erfolgreicher Londoner Kunsthändler. Zu seinen Stammkunden gehört das reiche Ehepaar Jean und Bob Maclestone (Gillian Anderson und Stellan Skarsgard). Ihr riesiges Haus ist vollgestopft mit Kunstwerken aller Art, solange sie nur teuer sind. Bobs meistgestellte Frage bei Besuchen in Spindles Galerie lautet also folgerichtig jedes Mal nur "Wie viel?".

Bob ist aber nicht nur auf der Jagd nach Kunst, sondern auch nach Frauen. So hat er eine Affäre mit Spindles Assistentin Beth (Heather Graham), der er eine eigene Galerie finanzieren will, wenn sie ihm hilft, ein wertvolles Mondrian-Gemälde zu kaufen. Dieses seltene Stück befindet sich im Besitz des Ehepaares Rhinegold (Christopher Lee und Joanna Lumley), die sich zwar in Geldnot befinden, aber trotzdem weigert sich Mr. Rhinegold strikt, den Mondrian zu verkaufen. Auch Art Spindle will das Bild unbedingt haben, hat aber ebenfalls keinen Erfolg dabei.

Nachdem Beth in der Galerie gekündigt hat, wird die junge Paige (Amanda Seyfried) ihre Nachfolgerin und auch sofort von Bob angebaggert. Bobs Ehefrau Jean fängt derweil ein Verhältnis mit dem jungen Aktions-Künstler Jo (Jack Huston) an, der eigentlich mit Beth zusammen ist. Beth hat inzwischen eine erste Künstlerin für ihre neue Galerie gewinnen können, die lesbische Video-Künstlerin Elaine (Jaime Winstone). Die muss nur noch ihren leicht trotteligen und befreundeten Agenten Dewey (Alan Cumming) loswerden, weil den keiner mag.

Jean will sich von Bob scheiden lassen und gemeinsam mit ihren jeweiligen Anwälten beginnt ein zäher Kampf um das Vermögen, die Häuser, die Hunde und die Kunstwerke. Zum Schluss treffen sich alle bei Beth zur großen Eröffnung ihrer Galerie und es gibt noch einige Überraschungen an diesem Abend.

Der deutsche Untertitel dieses Films, der hierzulande direkt auf DVD erschienen ist, lautet "Sex, Lügen, Geld und Kunst" und bringt es damit genau auf den Punkt. Der Roman von Danny Moynihan bezog sich auf die verrückte Kunstszene im New York der Neunziger Jahre, der Film spielt aber im heutigen London, was die Sache aber insgesamt nicht besser oder schlechter macht.

Als künstlerischer Berater wird hier Damien Hirst aufgeführt, von dem man darauf schließen kann, dass er sich in der Szene auskennt. Nur leider funktioniert der Film überhaupt nicht, weil einem die handelnden Figuren herzlich egal sind und nur überdreht und unsympathisch erscheinen. Der Cast hört sich zwar interessant an, aber auch hier werden die Erwartungen nicht erfüllt. So taucht z. B. Charlotte Rampling in einer ganz kurzen Szene auf, die aber gar keinen Sinn macht. Gillian Anderson wirkt mit ihrer roten Mähne lediglich wie eine schlechte Kopie von Julianne Moore, mehr aber auch nicht. Die männlichen Darsteller kommen aber auch nicht viel besser weg. Für vernünftige Kostüme für Amanda Seyfried war dann wohl kein Geld mehr übrig, denn ihre Röckchen als kurz zu bezeichnen, wäre eine ziemliche Übertreibung. Da wurde wirklich an allen Enden (am Stoff) gespart.

Nein, das war nichts. Den kann man gerne verpassen, keine Empfehlung von mir für diesen Quark.

A Bigger Splash

"A Bigger Splash" ist ein Film von Jack Hazan (Regie und Kamera) aus dem Jahr 1973 über den britischen Maler David Hockney. Das Drehbuch schrieb Hazan zusammen mit David Mingay.

Zwischen 1971 und 1973 hat Jack Hazan den Künstler mit der Kamera begleitet. So entstand ein herausragender Einblick in die Kunstszene der Siebziger Jahre und ein sehr persönliches, fast intimes Portrait David Hockneys. Und doch ist das hier keine reine Dokumentation, wie man vielleicht erwarten könnte, sondern etwas zwischen einem Spielfilm und einem Künstlerportrait.

Jeder spielt hier eine Rolle, nicht nur David Hockney selbst, auch seine Freunde und Bekannten tauchen immer wieder in kleinen Szenen auf. Darunter unter anderem Peter Schlesinger, Celia Birtwell, Ossie Clark, der Kurator Henry Geldzahler, Hockneys Assistent Mo McDermott und der Galerist John Kasmin.

Der junge Peter Schlesinger war von 1966 bis 1971 Hockneys Lebensgefährte und hatte sich gerade von diesem getrennt. Dieser Bruch war für David Hockney nicht leicht zu verarbeiten, trotzdem taucht Schlesinger auch in diesem Film auf, weil Hockney noch ein Bild fertigzustellen hatte, auf dem Peter Schlesinger zu sehen ist. "Portrait of an Artist" aus dem Jahr 1972.

Neben den kleinen Spielszenen, bei denen man sich nie ganz sicher sein kann, ob sie echt oder gestellt sind, lässt Regisseur Hazan auch Hockneys von ihm abgebildete Freunde ihre Portraits lebensecht nachstellen. Die Schauplätze wechseln dabei zwischen London, New York und Kalifornien.

Mit dem fertigen Film war David Hockney zunächst gar nicht einverstanden, aber er konnte davon überzeugt werden, ihn so und nicht anders herauszubringen. Ein einzigartiges Experiment, das sehr gelungen ist und gleichzeitig ein schönes Zeitportrait darstellt. Sehr empfehlenswert.

Les chansons d'amour

"Les chansons d'amour" ist ein Film von Christophe Honoré (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 2007. Die Musik (Songs und Texte) stammt von Alex Beaupain.

Erzählt wird die Geschichte von Ismael (Louis Garrel), der mit seiner Freundin Julie (Ludivine Sagnier) zusammenlebt und gemeinsam mit ihr die Beziehung etwas aufpeppen möchte. Aus diesem Grund holen sie sich Ismaels Arbeitskollegin Alice (Clotilde Hesme) dazu. Doch was sich in der Theorie so spannend anhört, entpuppt sich in der Realität schnell als ziemlich schwierig. So richtig glücklich mit der Situation ist jedenfalls keiner der Beteiligten.

Dann passiert ein Unglück, denn Julie stirbt an einem plötzlichen Herztod und alles verändert sich. Ismael wird zwar von Julies Familie und besonders von deren Schwester Jeanne (Chiara Mastroianni) liebevoll umsorgt, aber er kapselt sich immer weiter ab, um seine Trauer allein zu bewältigen. Die Beziehung zu Alice ist vorbei, ebenso wie das kurze Verhältnis von Alice und Gwendal (Yannick Renier). Gwendals Bruder Erwann (Grégoire Leprince-Ringuet) wiederum hat sich Hals über Kopf in Ismael verliebt und setzt alles daran, diesen von seiner Liebe zu überzeugen.

Der junge Bretone ist dabei ziemlich hartnäckig und so langsam aber sicher gelingt es ihm, Ismaels Panzer zu knacken und ihn ins Leben zurückzuholen.

Der Film ist in drei Abschnitte aufgeteilt: Abschied, Abwesenheit und Rückkehr. Es geht um Liebe und Verlust, um Trauer und um die Möglichkeit, sich neu zu verlieben, auch wenn man sich das vielleicht erst nicht vorstellen kann. Eingefangen ist das in wunderschönen Bildern und unterlegt mit der fabelhaften Musik von Alex Beaupain. Die Lieder werden von den Darstellern selbst gesungen und das sogar sehr überzeugend. Hier ist nichts kitschig, sondern alles einfach zu Herzen gehend.

Die jungen Schauspieler gehören mit zum Besten, was Frankreich zu bieten hat und lassen keine Wünsche offen. Es passt einfach alles, das Spiel, der Regisseur und die Musik. Wunderbar und sehr empfehlenswert. Kann man immer wieder neu entdecken.

Dienstag, 25. Dezember 2012

Liebesrauschen

"Liebesrauschen" ist eine Sammlung von vier verschiedenen Kurzfilmen in französischer Sprache mit deutschen Untertiteln. Folgende Filme sind enthalten:

"La dérade" ist ein Film von Pascal Latil (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 2011. Zwei umwerfend schöne junge Männer (Yoann Moess und Adrien Stasiulis) verabschieden sich am Strand, weil einer von ihnen zur See fährt. Der andere bleibt mit seinem kranken Herzen zurück, doch sein Freund verlässt ihn nie ganz. Zum Heulen schön, ganz ehrlich.

"Carnaval" ist ein Film von Adrienne Bovet (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 2011 und beruht auf einer Geschichte von Corinna Bille. Es ist Karneval, Zeit der Masken und Verkleidungen. Drei junge Menschen (Géraldine Bagnoud, Prune Beuchat und Zuriel De Peslouan) stürzen sich in das Getümmel und am nächsten Morgen wird sich einiges verändert haben in ihrem Leben. Kurz und knackig, mit subtilen Zwischentönen. Sehenswert.

"Sur le départ" ist ein Film von Michael Dacheux aus dem Jahr 2011. Das Drehbuch schrieb Dacheux zusammen mit Christophe Pellet. Der Film handelt von der Liebe und Freundschaft zwischen zwei jungen Männern, von denen einer nach Paris zieht und der andere in der Provinz bleibt. Über die Jahre bleibt ihre Freundschaft bestehen, auch wenn beide sich verändern. Gemeinsam wünschen sie sich, ewig jung bleiben zu können, aber die Jahre gehen auch an ihnen nicht spurlos vorbei. Dieser Film ist mit ca. 50 Minuten ganz schön lang geworden und auch ziemlich experimentell, was ihn zwar interessant macht, aber auch etwas ermüdend, weil die Geschichte einfach nicht genug hergibt. Gerade dieser Film wird zwar überall besonders erwähnt, aber mein Geschmack war das nicht so ganz.

"Consentement" ist ein Film von Cyril Legann (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 2012. Die Story spielt in einem Hotelzimmer. Ein attraktiver Gast (Yann de Monterno) beginnt ein aufregendes Spiel mit dem hübschen Zimmerkellner (Kevin Miranda), doch im Laufe der Zeit ändern sich die Vorzeichen. Zugegeben, das ist etwas vorhersehbar, aber dafür ziemlich sexy. Yann de Monterno und Kevin Miranda haben auch schon in Todd Verows Film "Bad Boy Street" bewiesen, was für ein schönes Paar sie abgeben. Sehr sehenswert.

Insgesamt gesehen eine Sammlung, die sich durchaus lohnt und sehr unterhaltsam, bewegend, sexy und auch traurig ist. Auf jeden Fall empfehlenswert.

Montag, 24. Dezember 2012

Captives

"Captives" ist ein Film von Angela Pope aus dem Jahr 1994. Das Drehbuch stammt von Frank Deasy.

Das Leben von Rachel Clifford (Julia Ormond) steht gerade ein bisschen auf dem Kopf. Ihr Ehemann hat sie betrogen und verlassen und drängt nun darauf, das ehemals gemeinsame Haus zu verkaufen. Um sich abzulenken, beginnt Rachel an zwei Nachmittagen in der Woche in einem Gefängnis als Zahnärztin zu arbeiten, neben ihrer eigentlichen Tätigkeit an einem Krankenhaus.

Gleich an ihrem ersten Arbeitstag lernt sie den Häftling Philip Chaney (Tim Roth) kennen, zu dem sie sich schnell hingezogen fühlt. An die Gewohnheiten innerhalb des Gefängnisses, den Umgang der Wärter mit den Gefangenen und alles dazugehörige muss sich Rachel erst noch gewöhnen, zu fremd erscheint ihr das alles. Eines Tages trifft sie in einem Supermarkt auf Philip, der an einem Tag in der Woche einen Computerkurs besucht. Auch im Gefängnis trifft sie ihn erneut und langsam wächst ihr Interesse an dem stillen und scheinbar so liebevollen Mann.

Ohne zu wissen weshalb Philip im Gefängnis sitzt, stürzt sich Rachel in eine leidenschaftliche Affäre, die beiden erheblich schaden könnte, sollte sie entdeckt werden. Da ihnen keine andere Möglichkeit bleibt, lieben sie sich in der Toilette eines Diners und werden von ihren Gefühlen überwältigt. Doch nach einigen weiteren Treffen reagiert Philip fast abweisend und kalt, als Rachel ihm ihre Liebe gesteht.

Verunsichert über die schroffe Haltung Philips will Rachel endlich den Grund seiner Inhaftierung erfahren und muss zu ihrem Schrecken lesen, dass er seine Freundin umgebracht hat, als sie ihn verlassen wollte. Rachel ist mit der Situation überfordert, aber sie spürt auch, dass Philips Gefühle ihr gegenüber echt sind und auch sie ihn nicht aufgeben will. Doch dann droht Gefahr, denn ihr Verhältnis wurde bereits entdeckt.

Der skrupellose Häftling Towler (Colin Salmon), der im Gefängnis die Drogen kontrolliert und austeilt, setzt Philip unter Druck. Rachel soll ein Päckchen ins Gefängnis schmuggeln und ihm aushändigen, sonst würde er dafür sorgen, dass man ihr Gewalt antut. Er weiß wo Rachel wohnt und wer ihre Freunde sind. Als Drohung schickt er schon mal seinen Handlanger Kenny (Mark Strong) los, um Rachel einzuschüchtern.

Der hilflose Philip kann nichts weiter tun und Rachel wird das Päckchen zugespielt, das sie in ihrem Arztkoffer transportieren soll. Sie erkennt aber, dass es sich dabei nicht um Drogen, sondern eine Waffe handelt und weigert sich, diese an Towler zu übergeben. Der setzt daraufhin Kenny auf Rachel an, der ihr in dem Diner die Waffe wieder abnehmen soll. Doch der verzweifelten Rachel wächst die ganze Sache über den Kopf und die Übergabe läuft völlig aus dem Ruder...

Nein, das Ende verrate ich hier nicht und es ist auch ein bisschen offen, wie es mit Rachel und Philip weitergehen kann oder auch nicht. Man kann ein wenig spekulieren, wenn man möchte, aber Hinweise gibt der Film hier nicht. Egal, denn die Geschichte funktioniert auch so sehr gut.

Ach, das ist auch wieder so ein Filmschätzchen aus den Neunzigern, das kaum einer kennt, wie schade. Eine deutsche DVD-Veröffentlichung gibt es meiner Meinung nach nicht, aber ich habe mir eine spanische DVD gekauft, auf der die englische Originalfassung mit englischen und spanischen Untertiteln enthalten ist. Immerhin besser als gar nichts. Ich bin mir auch nicht mehr sicher, ob ich den damals im Kino gesehen habe oder nur auf Video. Vergessen habe ich ihn aber nie und sehenswert ist er auch heute noch.

Die Geschichte von der schönen jungen Frau, die emotional angeschlagen ist und sich in einen ebenso emotional angeschlagenen Knacki verliebt, hört sich vielleicht etwas platt an, aber sie ist es zu keiner Zeit. Denn mit Julia Ormond und Tim Roth verfügt der Film über zwei erstklassige Schauspieler, die absolut grandios sind und in ihren Rollen völlig aufgehen. Ihnen zuzusehen ist ein Genuss, wie man ihn selten genug erlebt. Hier stimmt einfach alles und das macht diesen kleinen Film zu einem besonderen Erlebnis. Warum gehen solche Filme immer so unter, das werde ich nie verstehen.

In diesem Sinne, frohe Weihnachten und Augen auf bei der Filmwahl.

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Meine Film-Highlights 2012 (Teil 2)

So, es gibt noch einen Nachtrag, denn selbstverständlich konnten im 1. Teil meiner Highlights nicht alle guten Filme des letzten Jahres erwähnt werden. Teil 2 beinhaltet diesmal ausschließlich schwule Filme, die ich sehr gut fand und auf die ich besonders aufmerksam machen möchte. Einige schwule Filme sind ja auch schon in Teil 1 berücksichtigt, aber hier folgen noch zehn weitere.


"Weekend" Ein schöner Film aus England von Andrew Haigh, der eine tolle Geschichte ganz echt und unverkrampft erzählt und zwei starke Hauptdarsteller hat. Sehr sehenswert.

"Ausente" Marco Berger gehört zweifellos zu den interessantesten jungen Regisseuren des Queer-Cinema und erzählt hier eine tragische Geschichte voller unterdrückter Gefühle. Auf weitere Filme von ihm bin ich sehr gespannt.

"Romeos" Ein deutscher Film, wie schön. Sabine Bernardi nimmt sich des Themas Transsexualität an und das ganz ohne jede Schwere. Die wunderbaren Darsteller helfen ihr dabei enorm. Klasse.

"La-La Land" Der muss schon allein deswegen erwähnt werden, weil ich die Filme von Casper Andreas einfach liebe. Hier steht er mal wieder nicht nur hinter, sondern auch vor der Kamera und der Rest des Casts ist ebenfalls sehenswert. Macht Spaß.

"Auf der Suche" Jan Krüger lässt den hübschen Nico Rogner und die wunderbare Corinna Harfouch in Marseille sich selbst und zueinander finden. Die Suche nach dem Freund bzw. Sohn steckt voller Überraschungen.

"Miss Kicki" Hakon Liu schickt Pernilla August mit Ludwig Palmell auf eine schräge Reise nach Taipeh. Während die Mutter beinahe scheitert, findet ihr Sohn in Huang He River einen echten Freund. Wunderbar.

"Pedro" Die echte Geschichte von Pedro Zamora, der 1994 der erste offen schwule Kandidat bei MTV's The Real World in San Francisco war und kurz darauf an Aids starb. Bewegend und als Spielfilm, der fast eine Dokumentation sein könnte, sehr gelungen.

"Into the Lion's Den" Hübscher und fieser kleiner Film über drei Schwule, die auf ihrer Reise nach New York im falschen Dorf anhalten und auf gemeine Hinterwäldler treffen. Sehenswert besonders wegen Jesse Archer und Ronnie Kroell, sonst könnte man den auch verpassen. Macht aber Spaß.

"Bad Boy Street" Der neue Film von Todd Verow spielt in Paris und ist mit Yann de Monterno und Kevin Miranda bestens besetzt. Zu schön, um wahr zu sein, aber echt sehenswert.

"We were here" "Voices from the Aids-Years in San Francisco". Ehrliche und zu Herzen gehende Dokumentation von David Weissman und Bill Weber über das Leben der Gay-Community zwischen 1976 und 1997. Die Überlebenden und Zeitzeugen berichten von ihren Erfahrungen in dieser schlimmen Zeit. Bitte nicht verpassen.

Soweit mein Jahresrückblick auf das Filmjahr 2012. Es gab viel Sehenswertes, aber auch viel Müll, über den ich lieber schweige. Mal sehen, was das neue Jahr so bringt...

Samstag, 15. Dezember 2012

Meine Film-Highlights 2012 (Teil 1)

Ach ja, das Jahr neigt sich schon wieder dem Ende zu. Also höchste Zeit, sich noch mal an die schönsten und bewegendsten Filme des Jahres zu erinnern. Das ist schwierig, weil dabei wahrscheinlich viele Filme unberücksichtigt bleiben, die ebenfalls erwähnt werden sollten, aber ich versuche es trotzdem.


"Keep the Lights On" Für mich der mit Abstand schönste Film des Jahres. Tolle und ehrliche Geschichte und ein absolut überwältigender Thure Lindhardt in der Hauptrolle. Besser geht es kaum und großes Kompliment an Regisseur Ira Sachs.

"Barbara" Ein unaufgeregter Film von Christian Petzold über das Leben in der DDR, der echte Emotionen transportiert und mit Nina Hoss und Ronald Zehrfeld jederzeit zu überzeugen weiß. Wunderbar.

"Noordzee, Texas" Bavo Defurne lässt einen kleinen Jungen erwachsen werden und seinen Weg im Leben finden. Von der eigenen Mutter verlassen findet er zu sich selbst und auch der geliebte Jugendfreund taucht wieder auf. Schön.

"Dame, König, As, Spion" Eine Geheimdienstgeschichte aus den Siebzigern, wundervoll inszeniert von Tomas Alfredson und grandios besetzt. John Hurt, Colin Firth und viele andere zeigen Höchstleistungen, aber Gary Oldman überstrahlt sie alle. Hier ist Aufmerksamkeit gefragt, aber dafür bekommt man einen der besten Filme überhaupt zu sehen. Großartig.

"Unser Paradies" Gaël Morels neuer Film ist ein böses und blutiges Märchen über zwei Stricher, die doch nur ihre Liebe leben wollen. Großartig gespielt von Stéphane Rideau und Dimitri Durdaine.

"Killer Joe" William Friedkin dreht mit über Siebzig den fiesesten und unterhaltsamsten Film des Jahres, der selbst Tarantino alt aussehen lässt. Dabei verfügt er über Schauspieler, die keine Wünsche offen lassen und schafft es sogar Matthew McConaughey eine herausragende Leistung zeigen zu lassen. Alle Achtung.

"Les bien-aimés" Christophe Honorés Geschichte über Leben und Liebe von Mutter und Tochter ist mit Catherine Deneuve und Chiara Mastroianni bestens besetzt. Ebenso sehenswert sind aber auch Ludivine Sagnier, Louis Garrel, Paul Schneider und Milos Forman. Sehr französisch und sehr gut. Es wird auch gesungen, aber keine Angst. Sehr gelungen.

"Twixt" Francis Ford Coppolas neuer Film erscheint direkt auf DVD und keiner bekommt es mit. Übersehen und unterschätzt, dabei aber äußerst sehenswert und mit einem erstaunlich guten Val Kilmer in der Hauptrolle. Ich würde das nicht sagen, wenn es nicht so wäre, ganz ehrlich.

"Cloclo" Gut, den kennt kaum jemand, aber der Film ist schlicht und ergreifend überwältigend und mit Jérémie Renier großartig besetzt. Ich hatte viel Spaß damit und würde mir wünschen, dass dieser Film auch in Deutschland zu sehen sein wird. Klasse.

So, mal sehen, habe ich alle erwähnt? Sachs, Petzold, Defurne, Alfredson, Morel, Friedkin, Honoré, Coppola? Nein, einer fehlt noch und zwar Axel Ranisch. Was, den kennen Sie nicht? Na dann wird es aber höchste Zeit.

"Dicke Mädchen" Axel Ranisch hat den überraschendsten Film des Jahres abgeliefert, der die Herzen der Zuschauer im Sturm erobert hat und das völlig zu Recht und ohne ein erwähnenswertes Budget. Ein kleines Filmwunder, das man nicht verpassen sollte.

Mein schönstes Wiedersehen mit einem Film war übrigens "Kleine Biester", der nun endlich auf DVD erhältlich ist und noch so schön wie vor über dreißig Jahren ist. Herrlich.

Sonntag, 9. Dezember 2012

Der Priester

"Der Priester" - "Priest" ist ein Film von Antonia Bird aus dem Jahr 1994. Das Drehbuch stammt von Jimmy McGovern.

Der junge und idealistische Priester Greg (Linus Roache) tritt seine erste Stelle in einer eher armen Gegend in Liverpool an. Zusammen mit dem älteren Priester Matthew (Tom Wilkinson) stürzt er sich in seine Arbeit und kann sich nur schwer auf die Methoden Matthews einlassen, der recht weltoffen lebt und arbeitet. Dass Matthew mit der gemeinsamen Haushälterin Maria (Cathy Tyson) nicht nur das Leben, sondern auch das Bett teilt, stößt Greg sauer auf.

Greg hält an seinem starken Glauben fest, muss aber bald feststellen, dass er damit in der Gemeinde nicht weiter kommt. Seine Schäfchen sind einfach größtenteils nicht bereit, sich von ihm bekehren zu lassen, sondern weisen ihn schon an der Tür ab. Zutiefst frustriert landet Greg eines Abends in einer Schwulenbar und anschließend im Bett des jungen Graham (Robert Carlyle). Überrumpelt von seinen Gefühlen sucht Greg nach dem Sex das Weite, aber vergessen kann er Graham nicht.

Eines Tages vertraut ihm die vierzehnjährige Lisa (Christine Tremarco) im Beichtstuhl an, von ihrem Vater regelmäßig sexuell missbraucht zu werden. Greg will Lisa helfen, stößt dabei aber an seine Grenzen, weil ihn sein Beichtgeheimnis daran hindert, offen gegen den Vater vorzugehen. Der lässt Greg gegenüber keinen Zweifel aufkommen, von dessen Kenntnis des Missbrauchs zu wissen und provoziert Greg wo er nur kann.

Als Lisas Mutter ihren Mann beim Sex mit der eigenen Tochter erwischt und auch noch erfährt, dass Greg davon wusste, macht sie dem Priester schwere Vorwürfe. Greg ist verzweifelt und sucht Trost bei Graham. Doch dann werden die Beiden bei einem Treffen in Grahams Auto von der Polizei erwischt und Gregs Homosexualität wird öffentlich.

Die Gemeinde reagiert ablehnend auf Greg, der sich daraufhin nach einer anderen Stelle umsieht. Nur Matthew hält zu ihm und holt ihn zurück, um mit ihm zusammen die Messe zu feiern. Selbst der Bischof lehnt Greg ab, doch schließlich geht Lisa auf Greg zu und stellt sich auf seine Seite.

Das ist ein ganz wunderbarer Film, den Antonia Bird hier als ihr Spielfilmdebüt erschaffen hat. Einer dieser Filme, die ich in den Neunziger Jahren gesehen habe und die ich nie aus dem Kopf bekommen habe. Leider ist der Film viel zu unbekannt und auch nur schwer zu bekommen. Ich habe lange danach gesucht und mich gefragt, ob er wohl heute auch noch so gut funktioniert und das tut er in der Tat.

Die Schauspieler sind einfach großartig und gerade das Zusammenspiel von Linus Roache und Tom Wilkinson ist sehr gelungen. Beide sind absolut wundervoll in ihren Rollen und auch Cathy Tyson und Robert Carlyle müssen unbedingt erwähnt werden. Die übrigen Darsteller schließen sich nahtlos an und die Atmosphäre ist sehr gut eingefangen.

Trotz aller Dramatik blitzt hier und da ein ganz wunderbarer Humor auf, der den Film zu einem echten Erlebnis werden lässt. Ganz große Empfehlung von mir für diesen herrlichen Film, der wie gesagt leider viel zu unbekannt ist. Schade, denn solche Perlen gehen fast immer unter.


Freitag, 7. Dezember 2012

Hinter der Tür

"Hinter der Tür" - "The Door" ist ein Film von István Szabó aus dem Jahr 2012. Das Drehbuch schrieb Szabó zusammen mit Andrea Vészits und beruht auf dem gleichnamigen Roman von Magda Szabó.

Eines vorweg, ich kenne den Roman nicht, meine Rezension bezieht sich nur auf den Film. Und der klingt ja eigentlich vielversprechend mit István Szabó als Regisseur und Helen Mirren und Martina Gedeck in den Hauptrollen. Kann da überhaupt noch viel schiefgehen? Oh ja, leider...

Der Film spielt in den sechziger Jahren in Budapest. Die Schriftstellerin Magda (Martina Gedeck) zieht mit ihrem Mann Tibor (Károly Eperjes) in ein neues Haus. Um sich ganz ihrer Arbeit widmen zu können, sucht Magda eine Haushaltshilfe. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wohnt die ältere Emerenc (Helen Mirren) in einem kleinen Haus. Magda bittet Emerenc für sie zu arbeiten, was sich die stolze und eigensinnige Frau erst überlegen will. Das ist der Beginn einer langjährigen und merkwürdigen Beziehung zwischen den beiden so verschiedenen Frauen.

An der Arbeit von Emerenc gibt es nichts auszusetzen, sie ist zuverlässig, kann sehr gut kochen und hält den Haushalt in Ordnung. Aber sie ist launisch, manchmal schroff, dann wieder liebenswürdig und insgesamt nicht einzuordnen. Bei Gewitter zieht sie sich ängstlich zurück und sie lässt niemals jemanden in ihre Wohnung.

Magda freundet sich über die Jahre trotzdem mit Emerenc an, will hinter ihr Geheimnis kommen, aber das Spiel aus Nähe und Distanz hält an. Sie sind zwei Frauen aus verschiedenen Klassen, die scheinbar jederzeit ihre Grenzen kennen. Nur sporadisch erzählt Emerenc von dem Grauen, das sie in ihrer Kindheit erlebt hat. Von den beiden jüngeren Zwillingsschwestern, die vom Blitz erschlagen und verkohlt wurden und von der Mutter, die sich daraufhin in einen Brunnen gestürzt hat. Das alles sieht der Zuschauer in bedrückenden Bildern.

Die strenge Erziehung ihres Großvaters wird noch erwähnt, der Emerenc beibringen wollte, niemals jemanden zu lieben, damit sie auch nie um jemanden trauern müsste. Und dann war da noch dieses kleine Kind der jüdischen Nachbarn, um das sich Emerenc gekümmert hat, als die Eltern abgeholt wurden. Aber auch dieses kleine Mädchen dürfte sie nicht behalten und wurde nur zu einer weiteren Wunde im tragischen Leben der jungen Emerenc.

Magda ist der erste Mensch, der dann eines Tages die Wohnung von Emerenc betreten darf und sehen und erleben kann, was sich dort verbirgt. Sie verspricht Emerenc, ihr Geheimnis zu bewahren, doch als die alte Frau krank wird und ihr Haus nicht mehr verlassen kann, steht Magda vor einem unlösbaren Problem.

Also eigentlich hätte ich über diesen Film gerne etwas Nettes geschrieben, aber irgendwie passt das nicht, weil er insgesamt gesehen eher enttäuschend ist, was ich sehr schade finde. Teilweise ist er auch ziemlich kitschig und das Ende ist leider auch sehr lächerlich, damit meine ich besonders die Szene auf dem Friedhof.

Es ist dem Regisseur leider nicht gelungen, den handelnden Personen Leben einzuhauchen, denn die ganze Geschichte berührt zu keinem Zeitpunkt. Daran können auch Helen Mirren und Martina Gedeck nichts ändern, die zwar gewohnt großartig agieren, aber leider auch ziemlich verschenkt werden. Martina Gedeck wirkt in der Gegenwart von Helen Mirren außerdem auch ziemlich eingeschüchtert, was man zwar verstehen kann, was aber im Film selbst einfach nicht zu sehen sein dürfte. Das ist schade, weil es dem Film nicht gut tut.

Empfehlen kann ich allerdings das Making-Of, das noch einen schönen Einblick in die Entstehung des Films bietet. Für den Film an sich gibt es von mir aber nur eine eingeschränkte Empfehlung, weil meine Erwartungen hier enttäuscht wurden. Kann man sehen, muss man aber nicht, trotz der tollen Darstellerinnen.

Sonntag, 2. Dezember 2012

Mixed Kebab

"Mixed Kebab" ist ein Film von Guy Lee Thys (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 2012.

Ibrahim (Cem Akkanat), genannt Bram, ist ein junger Mann mit türkischen Wurzeln, der in Antwerpen lebt. Sein Vater hat für ihn eine Hochzeit arrangiert, denn bald schon soll Bram seine entfernte Cousine Elif (Gamze Tazim) heiraten, die in der Türkei lebt und sehnsüchtig darauf wartet, endlich das Land verlassen zu können. Da gibt es nur ein kleines Problem, denn Bram ist schwul, was seine Familie natürlich nicht wissen darf und außerdem hat er sich gerade in den jungen Kevin (Simon Van Buyten) verliebt.

Bram fliegt in die Türkei, um Elif kennenzulernen und nimmt Kevin einfach mit, der dann aber im Hotel bleiben muss. Einer der Zimmerkellner ist ein Ex-Freund von Elif, der heimlich Fotos von Bram und Kevin macht, die für sich sprechen. Elif muss erkennen, dass damit ihr Traum von einem Leben in Belgien geplatzt ist. Selbstverständlich gelangen die entsprechenden Fotos dann auch noch in den Besitz von Brams Familie und Bram wird von seinem Vater verstoßen.

Sein jüngerer Bruder Furkan (Lukas De Wolf), der Kontakt zu den falschen Leuten hat, glaubt nun die Familienehre retten zu müssen und plant, Kevin zu töten. Am Ende ist es dann Furkan selbst, der gerettet werden muss und das natürlich von Bram. Und während schwülstiges Klaviergeklimper erklingt, lächeln sich Bram und Kevin an... Abgang.

Nein, dieser Film hat mir nicht gefallen, tut mir sehr leid. Hier wird nichts wirklich Neues erzählt, der Film schwankt ständig zwischen Drama und Komödie hin und her, ohne sich letztendlich auf eine Seite einigen zu können. Zudem wird wirklich jedes Klischee bedient, im Zusammenhang mit Türken, Polizisten, Schwulen, Lesben, Muslimen und Islamisten. Lustig ist das aber in den meisten Fällen nicht.

Leider konnte es sich der Regisseur auch nicht verkneifen, den geplanten Mord an Kevin tatsächlich zu zeigen, obwohl er dann tatsächlich gar nicht stattfindet. Das war sehr überflüssig und unangenehm.

Der Hauptdarsteller Cem Akkanat ist sehr hübsch, das war es dann aber auch schon. Irgendwie war der mir zu emotionslos und wirkte immer etwas unbeteiligt. Die Szenen zwischen ihm und Simon Van Buyten plätschern auch eher lustlos vor sich hin. Von "glühenden Liebesszenen", die das DVD-Cover verspricht, habe ich jedenfalls nichts gesehen.

Laut DVD-Cover soll dieser Film auch eine hinreißende Hommage an "Mein wunderbarer Waschsalon" sein, was selbstverständlich totaler Quatsch ist. Frittenbude statt Waschsalon? Wohl eher nicht. Hier einen Vergleich zu dem fabelhaften Werk von Stephen Frears herstellen zu wollen, verbietet sich eigentlich von selbst.

Insgesamt gesehen ein eher schwacher Film, der zu viel auf einmal sein will und daran grandios scheitert. Von mir gibt es nur eine sehr eingeschränkte Empfehlung, den kann man aber auch gerne verpassen.

Samstag, 1. Dezember 2012

Dicke Mädchen

"Dicke Mädchen" ist ein Film von Axel Ranisch aus dem Jahr 2011, hat bisher schon zahlreiche Preise auf diversen Festivals gewonnen und ist insgesamt eine kleine Sensation, aber dazu später mehr.

Worum geht es? Sven (Heiko Pinkowski) lebt zusammen mit seiner dementen Mutter Edeltraut (Ruth Bickelhaupt) in einer Plattenbausiedlung in Berlin-Lichtenberg. Sie teilen sogar das Bett in der kleinen Wohnung und stehen sich sehr nahe. Tagsüber, wenn Sven zu seinem Job in der Bank muss, kommt der Pfleger Daniel (Peter Trabner), der sich um Edeltraut kümmert. Sven hegt Gefühle für Daniel, der wiederum unglücklich verheiratet ist und einen kleinen Sohn hat.

Über die gemeinsame Sorge um Edeltraut, die hin und wieder einfach verschwindet, kommen sich die beiden Männer langsam näher und es entwickelt sich eine zarte Vertrautheit und Liebe. Als Daniel von seiner Frau vor die Tür gesetzt wird, kommt er bei Sven und Edeltraut unter und zusammen haben die Drei wunderschöne Momente voller Liebe und Herzenswärme.

Als Edeltraut stirbt, ist Sven mit der Situation überfordert, weil er nun niemanden mehr hat, aber die Freundschaft zu Daniel eröffnet ihm neue Horizonte.

Mehr will ich hier gar nicht erzählen und das hört sich auch alles ganz schön geschwollen an, ist es aber zu keinem Zeitpunkt. Nein, dieser Film, also dieses zauberhafte kleine Projekt, ist eine wahre Offenbarung, wie man es nur sehr selten zu sehen bekommt. Mit einer minimalen Crew aus den drei Schauspielern und dem Regisseur Axel Ranisch, der hier auch für Kamera und Ton zuständig war, entstand dieser Film in der Wohnung von Ruth Bickelhaupt, der Großmutter von Axel Ranisch, fast ohne Drehbuch. Die Dialoge wurden improvisiert, der Rest eigentlich auch.

Wer sich nun an der wackeligen Kamera und den schlecht ausgeleuchteten Bildern stört, der ist definitiv im falschen Film und hat nichts von der Liebe zu diesem Medium verstanden. Hier ist nichts perfekt und das will es auch überhaupt nicht sein. Ganz im Gegenteil, hier hat ein junger und engagierter Filmemacher einfach das gemacht, was er wollte, ohne Bedingungen und ohne Budget. Basta. Und so wackelig ist es auch gar nicht, da habe ich schon viel Schlimmeres gesehen.

Eine eigene Produktionsfirma hat Axel Ranisch auch noch gleich selbst gegründet, die den schönen Namen "Sehr gute Filme" hat. Also dieser Mann hat nicht nur Mut, sondern auch Visionen. Wenn dabei auch weiterhin solche Filme herauskommen, dann würde ich das sehr begrüßen.

Was soll ich noch sagen? Diese Liebesgeschichte zwischen zwei etwas übergewichtigen Männern in den Vierzigern ist vielleicht ein bisschen speziell, aber warum eigentlich? Verlieben kann man sich jederzeit, da spielen Aussehen und Geschlecht gar keine Rolle und genau das zeigt dieser Film auf sehr berührende Art und Weise.

Also ein unglaublich schöner kleiner Independent-Film, den man unbedingt gesehen haben muss und der voll von tollen Bildern und Ideen ist. Zu Ravels "Bolero" werde ich von nun an Bilder im Kopf haben, die sich nicht mehr auslöschen lassen. Ganz große Empfehlung und ein großes Kompliment an Axel Ranisch und seine wunderbaren Darsteller. Mainstream war gestern, heute sieht man "Sehr gute Filme", hoffentlich.

Samstag, 24. November 2012

Twixt

"Twixt" ist ein Film von Francis Ford Coppola (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 2011 und wurde  von Coppolas eigener Filmproduktionsfirma "American Zoetrope" produziert.

Hoppla, was ist denn hier los? Da erscheint ein neuer Film von Francis Ford Coppola so ganz heimlich, still und leise auf DVD und keiner sagt etwas? Das geht doch nicht. Val Kilmer spielt die Hauptrolle, ach herrje. Mein erster Instinkt war Flucht und der Wunsch, den Film zu ignorieren, aber meine Neugier war doch wieder mal stärker. Zum Glück, denn diesen Film hätte ich tatsächlich nur sehr ungern verpasst.

Worum geht es? Hall Baltimore (Val Kilmer) ist ein drittklassiger Autor von Hexenromanen, der unter einer Schreibblockade leidet, zu viel trinkt und eine unglückliche Ehe führt. Er tourt mit seinem jüngsten Roman erfolglos durch die Kleinstädte und wird von seiner Ehefrau Denise (Joanne Whalley) ständig beschimpft, endlich Geld aufzutreiben. In dem beschaulichen Städtchen Swan Valley begegnet ihm der örtliche Sheriff Bobby LaGrange (Bruce Dern), der selbst Geistergeschichten schreibt und Hall dazu bringen will, mit ihm zusammen ein Buch zu schreiben. Er hätte da auch schon eine Idee und in der Leichenhalle einen interessanten Neuzugang. Hall ist zunächst nicht sehr begeistert, doch die Geschichte arbeitet bereits in seinem Kopf und nach einer alkoholgeschwängerten Nacht voller bildhafter Träume ändert er seine Meinung und macht sich an die Arbeit.

In seinen Träumen wandert Hall im Mondschein durch die kleine Stadt, dessen Mittelpunkt ein großer Glockenturm ist, der sieben Ziffernblätter hat, die alle eine andere Zeit anzeigen. So kann man sich nie sicher sein, welche Zeit gerade die richtige ist. Hall trifft auf die junge Virginia (Elle Fanning), ein zwölfjähriges Mädchen mit sonderbarer Geschichte. Gemeinsam passieren sie das verfallene "Chickering-Hotel", vor dem Virginia zurückschreckt und in dem sich das Grab von zwölf Kindern befindet, die alle ermordet wurden. In diesem Hotel hat im Jahre 1843 sogar Edgar Allen Poe (Ben Chaplin) einmal übernachtet und auch diesen trifft Hall in seinen Träumen.

Begeistert über die Begegnung mit seinem großen Vorbild Poe verbringt Hall ganze Nächte damit, mit ihm über die Entstehung einer guten Geschichte zu fabulieren. Doch je weiter er an seiner Story arbeitet und in die Geschichte von Virginia und den toten Kindern hineingezogen wird, muss er sich seinen eigenen Dämonen stellen. Der Tod seiner eigenen Tochter Vicky (Fiona Medaris) belastet ihn mit Schuldgefühlen, die er nicht ertragen kann und die er endlich verarbeiten muss, bevor er endgültig daran zerbricht. Kann Hall sich retten und durch den neuen Roman sein Leben wieder in den Griff bekommen?

Was für ein Film und was für eine tolle Arbeit von Francis Ford Coppola. Hier stimmt einfach alles, wenn man sich auf die Bilder und die Story einlassen kann und das sollte man auf jeden Fall. Die Musik und die Optik sind sehr gelungen und die Traumbilder sind einfach großartig. Viel ist hier in schwarz-weiß mit wenigen, dafür aber blutroten Effekten. Die Stimme von Tom Waits führt in die Geschichte ein und schon ab da gibt es kein Entkommen mehr. Die Schauspieler sind fantastisch, ja sogar Val Kilmer ist überraschend gut, auch wenn man es kaum glauben mag. Nun ja, er spielt in erster Linie einen versoffenen Versager, hat aber auch viele komische Momente. Mit Sicherheit eine seiner besten Leistungen seit vielen Jahren.

Bruce Dern als schräger Sheriff ist eine Offenbarung, eine tolle Figur, die nicht wirklich zu entschlüsseln ist. Elle Fanning ist bezaubernd und verletzlich zugleich und steckt voller Geheimnisse. Ein Highlight des Films ist aber auch noch Ben Chaplin als Edgar Allen Poe, der den schmerzgeplagten Autor wirklich hervorragend darstellt. Seine Szenen zählen mit zu den besten des ganzen Films.

Eine nette kleine Gemeinheit ist die Besetzung von Halls Ehefrau Denise mit Joanne Whalley, der Ex-Frau von Val Kilmer, die hier als böses und keifendes Weib dargestellt wird und von Hall so kommentiert wird: "Woher ich so viel über Hexen weiß? Ich habe eine geheiratet." Hm, hatte da jemand noch eine Rechnung offen?

Die Geschichte bietet noch so viel mehr, als ich hier erzählen kann und will. Beispielsweise die Gothic-Kids am See mit ihrem Anführer Flamingo (Aiden Ehrenreich), die auch sehr sehenswert eingefangen sind und in ihrer Darstellung schon ziemlich an Coppolas Film "Rumble Fish" erinnern. Besonders schön sind die Szenen, in denen Flamingo mit seinem Motorrad unterwegs ist.

Wer immer unbedingt eine Erklärung für alles haben will, der ist hier im falschen Film und wer sich nicht auf die wunderbaren Bilder einlassen kann ebenso. Allen anderen möchte ich dieses kleine, aber wunderschöne Werk sehr ans Herz legen, es lohnt sich auf jeden Fall. Meiner Meinung nach wird das aber leider nur ein Geheimtipp bleiben, denn der Film ist schon ein bisschen speziell. Von mir gibt es aber eine ganz große Empfehlung. Ein paar Extras wären noch schön gewesen, aber da bietet die DVD leider gar nichts, schade.

Sonntag, 18. November 2012

Die Wohnung

"Die Wohnung" - "Ha-dira" ist ein Dokumentarfilm von Arnon Goldfinger (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 2011.

Gerda Tuchler war die Großmutter von Arnon Goldfinger und ist im Alter von 98 Jahren verstorben. Die Familie macht sich nun daran, die Wohnung in Tel Aviv aufzulösen, in der Gerda Tuchler siebzig Jahre gelebt hat. In den 1930er Jahren aus Deutschland emigriert, sind Gerda und Kurt Tuchler in Israel nie wirklich heimisch geworden. Arnon Goldfinger und seine Mutter Hannah sichten den Nachlass und finden Spuren einer Geschichte, von der sie keine Ahnung hatten.

In siebzig Jahren sammelt sich so einiges an, besonders wenn man, wie Gerda Tuchler, nichts wegwerfen kann. Anfangs ist die Familie noch amüsiert über den Schnickschnack, den sie vorfindet. Kleidung, alte Pelze, Schuhe und unzählige Handschuhe gehören ebenso dazu, wie auch eine umfangreiche deutsche Bibliothek. Doch nach und nach kommt da immer mehr zum Vorschein. Alte Briefe und Fotos, die bisher niemand zur Kenntnis genommen hat, Zeitungsausschnitte aus der Zeit aus Berlin und vieles mehr. Und es tun sich Fragen auf, die niemand mehr beantworten kann.

Arnon Goldfinger hat fünf Jahre lang an diesem sehr persönlichen Film gearbeitet, der mit der Zeit immer größer und bedeutender wurde. Man merkt ihm an, wie sehr ihn das alles mitgenommen hat und auch wie sehr es ihn verunsichert hat. In erster Linie geht es hier um die Freundschaft seiner Großeltern zu dem deutschen Baron von Mildenstein und seiner Frau, die schon vor dem Krieg begann und auch nach Kriegsende fortgesetzt wurde. Ein ehemaliger Nazi als Freund einer jüdischen Familie? Wie konnte das sein und warum wusste niemand etwas darüber?

Es gelingt Arnon Goldfinger, die Tochter von den von Mildensteins aufzuspüren, die sich noch gut an dessen Großeltern erinnern kann. Mehrfach seien sie nach Kriegsende bei ihnen in Deutschland zu Besuch gewesen und sie hat nur die besten Erinnerungen daran. Es sei immer alles sehr fröhlich und unbeschwert gewesen. Der verblüffte Arnon Goldfinger, für den das alles Neuland ist, fragt Edda von Mildenstein nach dem Beruf ihres Vaters. Die beginnt daraufhin etwas herumzueiern, er wäre ja ursprünglich Ingenieur gewesen, dann Journalist, besonders Reisejournalist, aber mehr wisse sie auch nicht. Er war halt viel im Ausland. Über seine Rolle in der SS wisse sie nichts und darüber gebe es auch keine Beweise.

Arnon Goldfinger konfrontiert Edda mit Unterlagen aus dem Bundesarchiv und mit einem handgeschriebenen Lebenslauf ihres Vaters, die das Gegenteil beweisen, aber die Abwehr der Tochter bleibt bestehen. Welche Rolle von Mildenstein tatsächlich gespielt hat, lässt sich wohl nicht mehr herausfinden.

Das Schweigen der Opfer und der Täter behindert die Aufklärung vieler Dinge, nicht nur in diesem Fall. Eine alte Freundin von Gerda Tuchler stellt die entscheidende und wichtige Frage: "Warum stellt in Deutschland erst die dritte Generation Fragen?" Dem ist nichts hinzuzufügen, denn vieles wird nicht mehr ans Licht kommen, weil die Beteiligten alle nicht mehr am Leben sind und nicht mehr gefragt werden können.

Hier wird man jedenfalls Zeuge einer aufregenden Spurensuche, die der Regisseur Arnon Goldfinger sehr überzeugend verfilmt hat. Am Ende suchen er und seine Mutter auf dem jüdischen Friedhof Weißensee in Berlin nach einem Grab eines ihrer Vorfahren, das sie aber nicht finden können. Es bleibt vieles im Unklaren, aber es wurde auch sehr viel gefunden, mit dem niemand gerechnet hätte. Ganz große Empfehlung für diesen außergewöhnlichen Dokumentarfilm.

Samstag, 17. November 2012

Alle Zeit der Welt

"Alle Zeit der Welt" - "Alle Tijd" ist ein Film von Job Gosschalk (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 2011.

Nach dem frühen Tod seiner Eltern hat Maarten (Paul de Leeuw) seine kleine Schwester Molly (Karina Smulders) allein großgezogen. Sein eigenes Leben ist dadurch in den Hintergrund gerückt und seine Homosexualität kein Thema. Nun will die inzwischen erwachsene Molly mit ihrem Freund Teun (Teun Luijkx) zusammenziehen, was Maarten erst gar nicht akzeptieren kann. Seine beste Freundin Reina (Lineke Rijxman) überzeugt ihn, Molly ziehen zu lassen.

Maarten lernt den jungen Arthur (Alwin Pulinckx) kennen und verliebt sich in ihn, obwohl dieser noch nicht wirklich zugeben kann schwul zu sein. Es geht eine ganze Weile hin und her zwischen ihnen, bis Arthur sich tatsächlich zu Maarten bekennen kann. In der Zwischenzeit muss Molly feststellen, dass Teun sie betrügt und sie sich ihrerseits in den jungen Tierarzt Melvin (Christopher Parren) verliebt hat.

Als Molly feststellt, dass sie schwanger ist, weiß sie nicht genau, wer von den beiden Männern der Vater ist, aber sie bindet beide mit ein. Während der Schwangerschaft muss sie aber die Diagnose einer tödlichen Krankheit erfahren, die sie dazu zwingt, über das weitere Leben ihres noch ungeborenen Kindes nachzudenken.

Molly hat den Wunsch, dass ihr Sohn bei Maarten aufwächst, der dazu gerne bereit ist. Reina, Teun und Melvin schließen sich an und auch Arthur ist an Maartens Seite. Nach der Geburt von Finn wird Molly immer schwächer und stirbt bald darauf, aber für ihren Sohn ist bestens gesorgt.

Das ist ja mal ein richtig schöner Film, der gleichzeitig komisch und traurig ist. Hier stimmt einfach alles, die Story, die Darsteller und die Emotionen. Berührend und warmherzig, jederzeit glaubwürdig und nie kitschig. Ich habe gelacht und geheult und alles zusammen. Sehr toll und auf jeden Fall sehr empfehlenswert. Bitte mehr davon, einfach weil es so schön ist.

Let My People Go!

"Let My People Go!" ist ein Film von Mikael Buch aus dem Jahr 2011. Das Drehbuch zu seinem Spielfilmdebüt schrieb Mikael Buch zusammen mit Christophe Honoré.

In einem kleinen Dorf in Finnland leben der junge Lehrer Teemu (Jarkko Niemi) und der Postbote Ruben (Nicolas Maury) glücklich als Paar zusammen. Eines Tages liefert Ruben ein Einschreiben aus, das der Empfänger aber nicht annehmen will. Es handelt sich dabei um eine Geldsendung von rund 200.000 Euro. Bei einer Rangelei zwischen Ruben und dem Empfänger fällt der Mann hin und bleibt regungslos liegen.

Ruben eilt mit dem Geld nach Hause, hat aber Angst davor, die Polizei zu rufen, weil er nicht als Mörder dastehen will. Teemu nimmt ihm die ganze Geschichte aber nicht ab und wirft Ruben nach einem heftigen Streit aus dem Haus. Ruben bleibt nun nichts anderes übrig, als zu seiner jüdischen Familie nach Paris zu fliegen, wo es mal wieder drunter und drüber geht.

Die streng gläubige Familie bereitet sich gerade auf einen Feiertag vor, doch schon nach kurzer Zeit muss Ruben erfahren, dass beinahe jeder von ihnen ein kleines Geheimnis hat. Seine dominante Mutter Rachel (Carmen Maura) versucht mit fester Hand, die Familie unter einen Hut zu bringen, was sich als ziemlich schwierig erweist. Der unsichere Ruben stellt fest, dass er nicht der einzige ist, der ein anderes Leben führt, als es den Anschein nach Außen hat.

Es werden noch turbulente Tage, bevor Teemu in der Tür steht und Ruben zurückhaben will, weil er in Finnland die Wahrheit über dessen Geschichte erfahren hat.

Hört sich doch alles ganz gut an, oder? Ist es aber leider nicht. Ich hätte am liebsten schon nach 10-15 Minuten ausgeschaltet, weil ich schon da schwer genervt war, habe aber ganz tapfer bis zum Ende durchgehalten. Was ist hier bloß so furchtbar schiefgelaufen? An Carmen Maura liegt es ganz sicher nicht und auch nicht an Christophe Honoré, den ich sehr schätze und dessen Arbeiten ich sehr mag.

Als Vorbilder nennt Mikael Buch vor allen Dingen Pedro Almodovar und Woody Allen. Gegen Almodovar ist nichts zu sagen, auch wenn er einige Ideen sehr offensichtlich von ihm geklaut hat. Bei Woody Allen, mit dem ich persönlich oft Schwierigkeiten habe, hat er sich aber genau die Marotten abgeguckt, die am meisten nerven. So lässt er die Hauptfigur Ruben meistens nur neurotisch und überdreht agieren, was leider gar nicht lustig ist, sondern nur anstrengend. Jedenfalls habe ich das so empfunden.

Zudem ist der Hauptdarsteller eine komplette Niete und eher unsympathisch, was auch die besseren Nebenfiguren nicht mehr retten können. Alles in allem leider ziemlich misslungen, zu albern und krampfhaft bemüht, komisch zu wirken. Auch die diversen Nebengeschichten und Wendungen können nicht überzeugen. Keine Empfehlung von mir, aber wer Spaß daran hat, bitte sehr.

Sonntag, 11. November 2012

Chroniques sexuelles d'une famille d'aujourd'hui

"Chroniques sexuelles d'une famille d'aujourd'hui" ist ein Film von Jean-Marc Barr und Pascal Arnold aus dem Jahr 2012. Das Drehbuch schrieb Arnold zusammen mit Lucy Allwood.

Die Familie Bertrand besteht aus Mutter und Vater, zwei Söhnen und einer Adoptivtochter, sowie dem verwitweten Großvater. Somit leben drei Generationen unter einem Dach, in einem schönen alten Landhaus. Alles ist sehr harmonisch und liebevoll.

Der achtzehnjährige Romain ist aber unglücklich, weil er noch nie Sex hatte und mit dieser Tatsache so seine Probleme hat. Es gibt da zwar dieses Mädchen, Coralie, die ihn interessiert, aber er ist zu schüchtern, um sich ihr zu nähern. Jedenfalls beginnt die ganze Geschichte mit Romain, der als Mutprobe im Biologie-Unterricht masturbiert und prompt vom Lehrer dabei erwischt wird. Also wird seine Mutter zum Rektor bestellt, der ihr ins Gewissen redet und den peinlichen Vorfall mit einer vorläufigen Suspendierung vom Unterricht ahndet.

Die Mutter nimmt das alles nicht so ernst, beginnt sich aber Gedanken darüber zu machen, wie man das Thema Sexualität zur Sprache bringen kann. In einer Familie, in der man über alles reden kann, müsste doch auch das möglich sein. Der Film ist den Gesprächen da weit voraus, denn er zeigt die jeweiligen Familienmitglieder einfach bei ihren sexuellen Erlebnissen.

Da ist z. B. die Adoptivtochter, die sich die Brüste vergrößern ließ und zusammen mit ihrem Freund sehr experimentierfreudig ist. Der ältere Sohn ist sexuell ebenfalls sehr aktiv und kann sich zwischen Männern und Frauen nicht recht entscheiden, was für ihn aber kein Problem darstellt. Der Großvater besucht alle zwei Wochen eine Prostituierte, da er nach dem Tod seiner Frau vor fünf Jahren nicht auf Sex verzichten wollte.

Mutter und Vater Bertrand versuchen ihr Liebesleben mit kleinen Rollenspielen am Leben zu erhalten und gehen dabei ganz unverkrampft mit den Veränderungen ihrer Körper um, die ja schließlich auch nicht jünger werden. Ja, und auch Romain kann mit Coralie endlich seinen ersten Sex haben und muss nicht mehr das Gefühl haben, etwas zu verpassen.

Was das alles nun sollte, darüber kann man sicher geteilter Meinung sein, aber man darf davon ausgehen, dass nur die Franzosen so einen Film hinbekommen, der das Thema gleichzeitig sensibel und trotzdem sehr bildhaft umsetzt. Wer Probleme mit der Darstellung von Sex hat, der sollte diesen Film allerdings meiden, alle anderen können hier gerne reinschauen, denn unterhaltsam ist es auf jeden Fall. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Off Shore

"Off Shore" ist ein Film von Sven J. Matten aus dem Jahr 2011. Das Drehbuch schrieb Matten zusammen mit Viola Siegemund.

Der junge Andi (André Würde) hat gerade sein Studium abgeschlossen und kommt nach Fuerteventura, um Surfen zu lernen. Seine Surflehrerin Tina (Alexandra Sydow) kümmert sich um ihn und zeigt ihm seine Unterkunft. Eigentlich ist Andi aber auf der Suche nach seinem Vater, der damals seine schwangere Freundin verlassen hat und den Andi noch nie gesehen hat. Er soll auf Fuerteventura leben, aber außer ein paar alten Fotos und viel Wut im Bauch, hat Andi keine weiteren Anhaltspunkte.

Überraschenderweise findet er doch recht schnell seinen Vater, der sich offensichtlich freut, seinen Sohn zu sehen und Andi weiß nicht so recht, was er davon halten soll. Leider ist Chris (Marko Pustisek) aber ziemlich unzuverlässig und als er zu einer Verabredung nicht erscheint, ist Andi mächtig sauer.

Ablenkung findet er bei der Surferclique und bei Tina, die scheinbar ein Auge auf ihn geworfen hat. Er lernt den hübschen Surfer Pedro (Benjamin Martins) kennen, zu dem er sich irgendwie hingezogen fühlt. Beide klagen sich gegenseitig ihr Leid über ihre Väter, bis sich herausstellt, dass es sich dabei in beiden Fällen um Chris handelt. Hoppla.

Tut mir leid, es ist so ein schöner und beschaulicher Novembersonntag, aber ich muss jetzt leider ein bisschen gemein werden, weil dieser Film so dämlich ist, dass ich dringend davor warnen muss. Hier stimmt nämlich absolut gar nichts, das ist alles nur unterirdisch. Dieses sehr dünne Filmchen gleicht einer schlechten Soap, die Dialoge sind zum Weglaufen und die "Darsteller" verfügen über kein sichtbares oder auch nur unsichtbares Talent.

Die Musikuntermalung ist aufdringlich bis zum geht nicht mehr und ziemlich nervtötend. Ich habe mich tapfer durch die knapp neunzig Minuten gequält und immer wieder versucht, der Sache etwas Gutes abgewinnen zu können, leider vergeblich. Nein, das geht leider gar nicht, hier ist alles nur schlimm.

Gelegentlich kann man ein wenig schmunzeln, auch wenn das sicher nicht so geplant war. Andi, der ja schließlich Surfen lernen will, hat Angst vor dem Wasser. Kann ja passieren, aber wenn er die meiste Zeit über das Surfboard mit sich herumträgt, ohne es zu benutzen, dann wirkt das schon etwas albern.

Ich will doch hoffen, dass die ganze Crew einen schönen Urlaub auf Fuerteventura hatte, aber die Filmerei hätten sie sich schenken können. Bitte verpassen, nicht empfehlenswert.

Samstag, 10. November 2012

Küss Mich


"Küss Mich" - "Kyss Mig" ist ein Film von Alexandra Therese Keining (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 2011.

Mia (Ruth Vega Fernandez) ist eine Frau in den Dreißigern, die mit ihrem Lebensgefährten Tim (Joakim Nätterqvist) zum sechzigsten Geburtstag ihres Vaters Lasse (Krister Henriksson) anreist. Seit der Trennung ihrer Eltern hatte Mia nur wenig Kontakt zu ihrem Vater, der ihr nun seine neue Frau Elisabeth (Lena Endre) vorstellen will. Bei dieser Gelegenheit lernt Mia auch ihre zukünftige Stiefschwester Frida (Liv Mjönes) kennen, Elisabeths Tochter.

Frida versteht sich gut mit Mias Bruder Oskar (Tom Ljungman) und Mia vermutet gleich eine Affäre zwischen den beiden, ohne zu wissen, dass Frida lesbisch ist. Bei einem Ausflug auf eine einsame Insel kommen sich Mia und Frida sehr schnell näher, was besonders Mia in ein Gefühlschaos stürzt, da sie doch schon bald ihren Freund Tim heiraten will.

Obwohl Mia starke Gefühle für Frida hat, kehrt sie wieder zu Tim zurück, der aber bald merkt, dass etwas mit ihr nicht stimmt. Auch Fridas Freundin Erin (Josefine Tengblad) bemerkt eine Veränderung und stellt Frida zur Rede. Das Drama weitet sich aus, als Lasse davon erfährt und es deswegen zum Streit mit Elisabeth kommt.

Mia und Frida fahren zusammen weg und leben ihre Liebe, können sich aber nicht auf ein weiteres gemeinsames Leben einigen, weil Mia immer noch Bedenken hat. Tim hat inzwischen aber von der neuen Liebe seiner Freundin erfahren und beendet die Beziehung, während Frida an Mias Liebe zweifelt und nach Spanien reisen will. Doch Mia will Frida nicht aufgeben und fliegt ebenfalls nach Barcelona.

Was für ein wunderschöner Film, ich bin absolut begeistert. Endlich mal eine Liebesgeschichte zwischen Frauen, die ohne Mord und Totschlag und auch ohne großes Gekeife auskommt, wurde ja auch Zeit. Gut, ganz ohne Drama geht es auch hier nicht, das ist klar, aber die positiven Momente überragen doch.

Neben den sehr schönen Landschaftsbildern aus Schweden, bezaubern vor allen Dingen die fabelhaften Schauspielerinnen, die diesen Film zu einem sehr sinnlichen Erlebnis machen. Ein absolut unerwartet tolles Filmerlebnis, das mir persönlich sehr gut gefallen hat. Sehr empfehlenswert.

Sleep Tight

"Sleep Tight" - "Mientras Duermes" ist ein Film von Jaume Balagueró aus dem Jahr 2011. Das Drehbuch stammt von Alberto Marini.

César (Luis Tosar) arbeitet als Concierge und Hausmeister in einem schönen alten Mietshaus in Barcelona. Er ist jederzeit für die Mieter da und kümmert sich um alles. Als Hausmeister hat er auch die Schlüssel zu den Wohnungen und führt dort kleinere Reparaturen aus oder versorgt die Hunde. Jeder vertraut ihm, doch genau das weiß César für sich zu nutzen.

Weil er selbst nicht glücklich sein kann oder will, hat er es sich zur Aufgabe gemacht, andere Menschen unglücklich zu sehen. Sich am Unglück anderer zu ergötzen ist seine einzige Lebensaufgabe. Genau deswegen hat er es auf die lebenslustige und immer fröhliche Clara (Marta Etura) abgesehen, die ihm mit ihrer positiven Lebenseinstellung geradezu ein Dorn im Auge ist. Er will ihr Lächeln auf alle Zeit auslöschen.

Als Zuschauer wird man nun Zeuge, wie sich César Zutritt zu Claras Wohnung verschafft, sich unter ihr Bett legt und wartet, bis sie eingeschlafen ist. Er betäubt sie mit Chloroform und legt sich zu ihr ins Bett. Am nächsten Morgen verschwindet er wieder, lange bevor Clara aufwacht, die sich auch an nichts erinnern kann. Trotz ihrer unerklärlichen Schläfrigkeit begrüßt sie César wie gewohnt gut gelaunt, was diesen nur zu neuen Schandtaten anreizt.

César spritzt eine Substanz in Claras Cremetöpfe, von der sie Ausschlag bekommt und schreckt auch nicht davor zurück, Kakerlaken in ihrer Wohnung auszusetzen. Doch der gewünschte Erfolg bleibt aus. César reinigt auf Claras Wunsch die Wohnung, freut sich auf ihre Wiederkehr, aber Clara bringt ihren Freund mit, der für César eine Gefahr darstellt und beseitigt werden muss.

Mehr will ich hier gar nicht verraten, denn Clara muss noch so einiges erleben und erfahren, was nicht unbedingt angenehm ist. Kann César am Ende sogar triumphieren?

Wie auch immer, der Film ist schon ziemlich bösartig und auch sehr perfide aufgebaut. Als Zuschauer bleibt man immer nah bei César und fiebert fast mit ihm, auch wenn er gerade etwas sehr Unmoralisches tut. Die Geschichte an sich ist zwar ziemlich unglaubwürdig, aber trotzdem jederzeit spannend.

Dass dieser Film so gut funktioniert, das liegt allein an Luis Tosar, der seine Rolle hier wirklich unglaublich spielt und dem Zuschauer tatsächlich Angst macht. Von mir gibt es jedenfalls eine klare Empfehlung und den guten Rat, vor dem Schlafengehen noch mal unters Bett zu sehen.

Mittwoch, 7. November 2012

Keep The Lights On

"Keep The Lights On" ist ein Film von Ira Sachs aus dem Jahr 2012. Das Drehbuch schrieb Sachs zusammen mit Mauricio Zacharias.

Bereit für den wahrscheinlich schönsten Film des Jahres? Ich hoffe doch, denn genau das ist Ira Sachs hier gelungen. Ein Film, der schon mehrfach ausgezeichnet wurde und über den man sehr viel Gutes lesen kann. Sämtliche positive Besprechungen kann ich nur bestätigen und genau das macht es mir schwer, hier noch meinen Senf dazuzugeben. Es ist eigentlich schon alles gesagt worden und mir bleibt nur die dringende Empfehlung, sich diesen wunderbaren Film anzuschauen. Sie werden es nicht bereuen.

Die (autobiographische) Geschichte erzählt von der Beziehung zwischen dem Filmemacher Erik (Thure Lindhardt) und dem Anwalt Paul (Zachary Booth) von ihrer ersten Begegnung bis zur endgültigen Trennung zehn Jahre später. Dazwischen gibt es Verliebtheit, Zusammenziehen, Streit, Versöhnungen, Trennungen und Hoffnungen. Alles scheitert aber immer wieder an der Cracksucht von Paul, der nicht von den Drogen lassen kann.

Der Film konzentriert sich dabei aber vor allem auf Erik und seine Erfahrungen in diesen zehn Jahren. Er ist derjenige, der vorbehaltlos liebt und an der Beziehung festhält, auch wenn Paul immer weiter abdriftet. Er erträgt scheinbar alles, die Launen von Paul, seine Aussetzer, seine abgebrochenen Drogenentzüge. Erik will diese Liebe am Leben erhalten, obwohl auch er langsam daran zerbricht. Erst ganz am Ende, als es die Möglichkeit einer Fortsetzung ihrer Beziehung zu geben scheint, sieht auch er ein, dass all das nur eine Illusion ist und beendet die Sache.

Ich kann nicht anders, als diesen Film in den höchsten Tönen zu loben, denn eine schönere Liebesgeschichte habe ich bisher kaum gesehen. Lobenswert ist auch der Regisseur Ira Sachs, der hier sehr persönliche Erfahrungen verarbeitet hat und seine Darsteller perfekt ausgesucht hat. Zachary Booth macht seine Sache sehr gut, aber das Highlight des Films ist natürlich Thure Lindhardt, der einfach fantastisch spielt und dessen Leistung man kaum in Worte fassen kann. Die Kamera klebt an ihm und hält jede noch so kleine Regung fest. Perfekt.

Mir fehlen ein bisschen die Worte, weil hier alles so gut funktioniert, das passiert wirklich selten. Schön ist auch die Musikauswahl (der Soundtrack stammt übrigens von Arthur Russell), die sehr passend ist, die Settings sind gut ausgewählt, alles ergibt ein stimmiges Bild. Die Geschichte ist herzzerreißend und glaubhaft erzählt, mehr geht nicht. Ich möchte auch behaupten, es hier mit einem kleinen Meisterwerk zu tun zu haben, denn eine andere Beschreibung kann es hierfür nicht geben. Großes Kompliment an Ira Sachs und Thure Lindhardt und eine sehr große Empfehlung für diesen wunderschönen Film, der viele Zuschauer verdient.