Samstag, 11. September 2010

Die üblichen Verdächtigen

"Die üblichen Verdächtigen" - "The Usual Suspects" ist ein Film von Bryan Singer aus dem Jahr 1995. Das Drehbuch schrieb Christopher McQuarrie, der dafür mit einem Oscar ausgezeichnet wurde.

Mit geringem Budget und in nur 35 Tagen Drehzeit ist dieser unglaubliche Film entstanden, den man heute schon als modernen Klassiker bezeichnen kann und der immer wieder toll anzuschauen ist. Die Story dürfte soweit auch bekannt sein, also nur ganz kurz: Im Hafen von San Pedro in Kalifornien liegt ein ausgebranntes Schiffswrack und es gibt jede Menge Leichen. Einzige Überlebende dieser Katastrophe sind ein halbverkohlter Ungar und der Kleinkriminelle Verbal Kint (Kevin Spacey), ein Krüppel, der sich angeblich mit Trickbetrügereien über Wasser hält. Im Verhör mit Zollinspektor Dave Kujan (Chazz Palminteri) erzählt er, wie es zu dem Unglück kam und was in den Wochen davor passiert ist.

Insgesamt fünf Kriminelle, darunter auch Kint, trafen zufällig aufeinander und erledigten einige Jobs, bevor ein dubioser Anwalt ihnen den Auftrag überbrachte, auf besagtem Schiff einen Koks-Deal platzen zu lassen und die Beute von 91 Millionen Dollar einzustreichen. Ein Himmelfahrtskommando, niemand wusste, was auf sie zukommen würde. Der Auftraggeber war ein gewisser Keyser Soze, eine Gangsterlegende, von der niemand weiß, ob es ihn wirklich gibt oder wie er aussieht. Am Ende wird Kint entlassen, doch er erklärt Kujan, dass er niemals mehr sicher sein wird vor Keyser Soze. Mit diesen Worten verlässt er das Polizeirevier und läuft die Strasse entlang und was nun kommt, ist der wahre Clou dieses Films, das muss man selbst gesehen haben.

Die Besetzung ist hervorragend, neben Kevin Spacey, der für diese Rolle sehr verdient einen Oscar gewonnen hat, überzeugen auch noch Gabriel Byrne, Stephen Baldwin, Benicio Del Toro, Kevin Pollack, Chazz Palminteri und Pete Postlethwaite. Ein atemberaubender Film, der immer wieder gut unterhält und dessen Ende einfach ein Knaller ist. Sehr empfehlenswert.

Freitag, 10. September 2010

Chloe

"Chloe" ist ein Film von Atom Egoyan aus dem Jahr 2009 und ein Remake des französischen Films "Nathalie". Das Drehbuch schrieb Erin Cressida Wilson.

Catherine (Julianne Moore) und ihr Mann David (Liam Neeson) sind schon ziemlich lange verheiratet, beide sind erfolgreich im Beruf und führen ein recht luxuriöses Leben. Eben schöne Menschen in schicker Umgebung. Doch der Schein trügt, denn Catherine ist der festen Überzeugung, ihr lieber David würde fremdgehen. Durch Zufall lernt sie das Callgirl Chloe (Amanda Seyfried) kennen und bittet diese, ihren Mann auf die Probe zu stellen.

Bald schon kann Chloe von einem ersten Treffen berichten und weitere folgen. Detailliert schildert sie die jeweiligen Begegnungen und präsentiert sogar ein Hotelzimmer samt verwühltem Bett. Catherine reagiert gleichzeitig geschockt, aber auch seltsam fasziniert auf Chloes Erzählungen und bald darauf landen die beiden so verschiedenen Frauen im Bett.

Catherine wird die ganze Sache unheimlich, sie will die Affäre so schnell wie möglich beenden und bietet Chloe Geld an, damit diese verschwindet. Aber Chloe hat einen Narren an Catherine gefressen und hat gar nicht vor, sich abschieben zu lassen. Zunächst macht sie sich an Catherines Sohn Michael heran, um damit wieder in Catherines Nähe zu sein und das ist noch nicht alles...

Hm, wie sage ich es nur? Als durchschnittlicher Thriller ist der Film ganz passabel, aber für einen Film von Atom Egoyan ist er deutlich zu flach. Ich kann noch nicht einmal genau sagen, was mich stört. Der Film ist nicht wirklich schlecht, aber eben leider auch nicht wirklich gut. Vielleicht sollte der Regisseur das nächste Mal auch wieder das Drehbuch selbst schreiben, dann hat er mehr Kontrolle über den Stoff.

Zu den Darstellern, Liam Neeson ist ein verlässlicher Part am Rande, er hat nicht wirklich viel zu tun, besitzt aber eine große Souveränität. Julianne Moore ist wie üblich hervorragend, sie ist hin- und hergerissen in ihren Emotionen. Zudem kommt sie fast ohne Make Up aus und ist einfach wunderschön und verletzlich. Amanda Seyfried ist mit ihrer komplexen Rolle schlicht und ergreifend überfordert. Sie ist gleichzeitig Vamp, Verführerin, kleines Mädchen und durchtriebene Psychopathin, hat aber außer großen Kulleraugen nicht viel zu bieten und selbst die nerven mit der Zeit.

Schade, es klang recht viel versprechend, aber leider kann mich der Film nicht überzeugen. Muss man nicht unbedingt gesehen haben.

Donnerstag, 9. September 2010

Ander

"Ander" ist ein Film von Roberto Castón (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 2009.

Auf einem abgelegenen Hof im Baskenland lebt der Bauer Ander, ein Mann in den Vierzigern, zusammen mit seiner Schwester Arantxa und seiner alten Mutter. Nebenbei arbeitet Ander noch in einer Fahrradfabrik. Es ist ein stilles Leben dort auf dem Land und Ander ist ein schweigsamer und verschlossener Mensch. Einzige Abwechslung bieten die Ausflüge mit seinem Saufkumpel Peio zur Prostituierten Reme. Arantxa wird bald heiraten und den Hof verlassen, da bricht sich Ander das Bein und muss zwei Monate einen Gips tragen. Gegen den Willen der Mutter wird der peruanische Hilfsarbeiter José eingestellt, der Anders Arbeit erledigen soll. Die Mutter spricht nur baskisch und kaum spanisch, weshalb sie sich mit José nicht verständigen kann und will.

Ander und José freunden sich zaghaft an, bis es bei der Hochzeit der Schwester zu sehr spontanem Sex zwischen den beiden kommt. Ander, der nicht weiß, wie ihm geschah, zieht sich zurück und zeigt sich ablehnend José gegenüber. Doch sehr lange kann er diesen Zustand nicht aufrecht erhalten und die beiden umschleichen sich, ohne dass es einer wagt, das Eis zu brechen. Nachdem seine Mutter verstorben ist, ändert sich für Ander das Leben auf dem Hof. Reme redet schließlich auf ihn ein, zu seinen Gefühlen für José zu stehen und diese Chance nicht zu verpassen. Und letztendlich ergibt sich eine wunderbare Zweckgemeinschaft und neues Leben auf dem Hof.

Ich finde diesen Film ganz wundervoll. Er ist sehr ruhig, kommt völlig ohne Filmmusik aus, ist sehr schlicht, aber überaus authentisch und glaubwürdig, einfach schön und bewegend. Die Langsamkeit und die Stille muss man aushalten können, denn sie gehören hier einfach dazu. Wenn man bereit ist, sich auf Neuerungen in seinem Leben einzulassen, dann kann alles passieren. Am Beispiel der Mutter wird das ganz deutlich. Ihr Beharren auf dem Baskischen führt schließlich dazu, dass bald niemand mehr sie verstehen kann und umgekehrt auch sie niemanden mehr versteht. Aber die Zeiten ändern sich nun einmal, man kann das Leben nicht aufhalten. Ganz große Empfehlung von mir für diesen kleinen, aber feinen Film, der einfach schön ist.

Das Mädchen, das die Seiten umblättert

"Das Mädchen, das die Seiten umblättert" - "La tourneuse de pages" ist ein Film von Denis Dercourt (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 2006.

Die zehnjährige Mélanie ist besessen davon, die Aufnahmeprüfung am Musikkonservatorium zu bestehen. Tag und Nacht übt sie sich im Klavierspielen und dann ist plötzlich der große Tag gekommen. Das Vorspielen läuft zunächst ohne Probleme, bis ein Mitglied der Jury, die Pianistin Ariane (Catherine Frot), durch eine Unachtsamkeit Mélanie aus dem Takt bringt und damit alles verdirbt. Wieder zu Hause, schließt Mélanie alles weg, was sie an das Klavierspielen erinnert, das Thema ist für sie erledigt.

Gute zehn Jahre später beginnt Mélanie (Déborah Francois) ein Praktikum in einer Anwaltskanzlei. Einer der Anwälte, Jean Fouchécourt (Pascal Greggory), ist auf der Suche nach einem Kindermädchen für seinen Sohn Tristan, wenn auch nur für ein paar Wochen. Mélanie bietet sich an und da Jean von ihrem ruhigen und zurückhaltenden Wesen beeindruckt ist, nimmt er ihr Angebot gerne an. Mélanie tritt die neue Stelle außerhalb der Stadt an und trifft dort auf Jeans Ehefrau, die Pianistin Ariane...

Ariane steht kurz vor einem wichtigen Konzert, aber seit einem Autounfall ist sie traumatisiert und nervös, ihr Lampenfieber wird immer schlimmer. Mélanie lässt sich nichts anmerken wegen der früheren Begegnung mit Ariane, sondern macht sich sehr schnell unentbehrlich mit ihrer ruhigen Art. Weil sie Noten lesen kann, wird sie zu dem Mädchen, das für Ariane während des Spiels die Seiten umblättert. Doch insgeheim hat Mélanie ganz andere Pläne mit Ariane. Hinter dem lieben und engelsgleichen Gesicht wartet ein böser Racheengel nur auf den richtigen Moment, endlich abzurechnen.

Das ist ein ganz wunderbarer kleiner Psychothriller, sehr leise und bedächtig, aber trotzdem unglaublich spannend. Die junge Déborah Francois überzeugt in ihrer Darstellung des lieben und stillen Mädchens mit dem unschuldigen Gesichtsausdruck, während in ihrem Inneren der Sturm tobt. Sehr empfehlenswert.
 

Sonntag, 5. September 2010

Der verbotene Schlüssel

"Der verbotene Schlüssel" ist ein Film von Ian Softley aus dem Jahr 2005. Das Drehbuch stammt von Ehren Kruger.

Die junge Caroline (Kate Hudson) tritt eine neue Stelle als Pflegerin in einem alten Herrenhaus in Louisiana an. Dort soll sie sich um den kranken Ben (John Hurt) kümmern, der kürzlich einen Schlaganfall hatte und nun gelähmt ist. Bens Frau Violet (Gena Rowlands) scheint ein wenig kühl und abweisend zu sein, aber Caroline kümmert das nicht weiter, genau so wenig wie die Tatsache, dass es im ganzen Haus keine Spiegel gibt. Der junge Anwalt Luke (Peter Sarsgaard), der für Ben und Violet tätig ist, freundet sich mit Caroline an.

Auf dem Dachboden findet Caroline eine Tür, die ihr verschlossen bleibt, obwohl sie von Violet alle Schlüssel für das Haus erhalten hat. Das weckt natürlich ihre Neugier, wie zu erwarten war.

Kurz und gut, die weitere Handlung hier wiederzugeben wäre einfach zu umfangreich und zudem überflüssig. Es geht um Hoodoo-Zauber (nein, nicht Voodoo) und es wird auch noch sehr kompliziert, aber auch sehr langweilig. Mich hat dieser Film nicht gepackt, die Darsteller sind zwar ganz nett, aber hier leider auch nicht überwältigend. Einzig das Ende des Films ist dann doch noch sehr überraschend und rettet noch einiges, aber bis zum Finale zieht es sich sehr hin. Schade.

Die Fremde

"Die Fremde" ist ein Film von Feo Aladag (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 2010.

Die junge Umay (Sibel Kekilli) lebt mit ihrem Mann Kemal und ihrem kleinen Sohn Cem bei Kemals Eltern in Istanbul. Ihr Mann ist gewalttätig und Umay hält das Leben dort nicht mehr aus. So steht sie eines Tages zusammen mit ihrem Sohn vor der Tür ihrer Eltern in Berlin. Die freuen sich zunächst über den Besuch, aber bald wird klar, dass Umay nicht zurückgehen wird und das wirft eine Menge Probleme auf.

Umay möchte ein selbstbestimmtes Leben führen, doch ihre Familie spielt da nicht mit. Es geht schließlich um die Ehre der Familie, die nun durch Umays Verhalten befleckt wurde. "Du willst zu viel" sagt die Mutter. "Besser als zu wenig" entgegnet ihr Umay. Sie flüchtet in ein Frauenhaus und baut sich langsam ein eigenes Leben auf, es gibt sogar kurze Momente des Glücks, aber trotzdem möchte sie den Kontakt zur Familie aufrecht erhalten. Die Tragödie nimmt ihren Lauf...

Ganz ehrlich, hier geht es um ein Thema, das mich furchtbar wütend macht. Die "Ehre" der Familie steht im Vordergrund und es ist unglaublich, was alles dafür getan wird, um nur ja eine heile Fassade aufrecht zu erhalten. Damit ist nicht nur die Handlung in diesem Film gemeint. Ebenso verachtenswert ist die Unterdrückung der Frauen, die für den Wunsch nach einem eigenen und selbstbestimmten Leben schrecklich bestraft werden. In welchem Zeitalter leben wir eigentlich?

Sibel Kekilli ist brillant und bewundernswert in ihrer Rolle. Sie ist auch der einzige Grund, sich diesen Schmerzensfilm anzuschauen, denn Vergnügen macht das nicht. Empfehlenswert ist er dennoch, auch wenn es unangenehm ist.

Samstag, 4. September 2010

Der Ghostwriter

"Der Ghostwriter" ist ein Film von Roman Polanski aus dem Jahr 2010 und basiert auf dem Roman von Robert Harris, der zusammen mit Polanski das Drehbuch schrieb.

Ein junger (namenloser) Ghostwriter (Ewan McGregor) soll die Memoiren des ehemaligen britischen Premierminister Adam Lang (Pierce Brosnan) schreiben. Es gibt schon ein umfangreiches Manuskript, aber der bisherige Ghostwriter Mike McAra, ein Vertrauter von Adam Lang, ist auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen.

Adam Lang soll vor den internationalen Strafgerichtshof zitiert werden, da man ihm vorwirft, wissentlich Terrorverdächtige der Folterung unterzogen zu haben. Um nicht ausgeliefert zu werden, hat er sich auf die Insel Marthas Vineyard zurückgezogen und lebt dort unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen. Seine Ehefrau Ruth (Olivia Williams) und seine engste Vertraute und Assistentin Amelia (Kim Cattrall) sind ständig um ihn herum. Beide Frauen sind in gewisser Weise in ihn verliebt und zicken sich dementsprechend ständig an.

Das Buch soll in nur vier Wochen fertig sein, also steht eine Menge Arbeit für den Ghost an, aber das ist nicht das einzige Problem für ihn. Während der Arbeit und bei privaten Recherchen muss er feststellen, dass es so einige Ungereimtheiten gibt und der politische Hintergrund zunehmend brisanter und gefährlicher wird. Wer spielt hier welches Spiel, wer hat die Fäden in der Hand und was hat die CIA damit zu tun? Mehr verrate ich hier nicht, das muss sich jeder selbst anschauen, es lohnt sich.

Roman Polanski hat hier einen erstklassigen Politthriller hingelegt, der absolut fesselnd und spannend ist. Die zwei Stunden Laufzeit vergehen wie im Flug und es gibt praktisch keine Längen, auch wenn der Film wohltuend auf Actionszenen verzichtet. Spannung und Nervenkitzel können eben allein durch eine gute Story und natürlich ein gutes Drehbuch erzeugt werden.

Die Atmosphäre auf der Insel und auch im Haus ist kalt und abweisend, alles ist grau und trübe, das ist in wunderbaren Bildern eingefangen, man fröstelt gleich mit. Zudem verfügt der Film über eine hervorragende Besetzung, die absolut glaubhaft und sicher die jeweiligen Charaktere verkörpert. Eine weitere Hauptfigur ist das Manuskript, das wie ein Schatz bewacht und aufbewahrt wird und doch immer präsent ist.

In den Nebenrollen sind so großartige Schauspieler wie z. B. der 94-jährige Eli Wallach oder auch James Belushi und Timothy Hutton zu sehen.

Die Extras zum Film sind ebenfalls sehr sehenswert, allein schon die Energie von Roman Polanski und seine Liebe zum Detail faszinieren. Autor Robert Harris erzählt zudem die Entstehungsgeschichte des Romans und wie es zu der Zusammenarbeit mit Polanski kam, das sollte man sich nicht entgehen lassen.

Insgesamt gesehen ein großartiger Film, der mich sehr begeistert hat und für den ich eine ganz große Empfehlung ausspreche. Unbedingt anschauen.

Whatever Works

"Whatever Works" ist ein Film von Woody Allen (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 2009.

Es geht um den New Yorker Rentner Boris (Larry David), der seit seiner Scheidung und einem gescheiterten Selbstmordversuch allein lebt, sich tagsüber mit seinen Freunden trifft, über Gott und die Welt und die hirnlose Gesellschaft schimpft. Nebenbei bringt er Kindern das Schachspielen bei, aber wenn die Kleinen nicht gut aufpassen, dann beschimpft er eben auch sie. Eines Tages trifft er vor seiner Wohnung auf die junge Melody (Evan Rachel Wood), eine Südstaatenschönheit, die von zu Hause abgehauen ist. Gegen jede Vernunft nimmt er sie bei sich auf und es entwickelt sich eine Beziehung zwischen dem Quantenphysiker und dem naiven Landei, die beiden heiraten sogar.

Mehrere Monate später taucht überraschend Melodys Mutter Marietta (Patricia Clarkson) bei den beiden auf und ist entsetzt über ihren "Schwiegersohn". Prompt plant sie, diese Verbindung zu sabotieren. Marietta wurde von ihrem Mann verlassen, kann sich aber in New York schnell trösten und zwar mit gleich zwei Männern, während sie so ganz nebenbei zur Künstlerin mutiert. Ihr Mann John (Ed Begley Jr.) steht dann irgendwann auch bei Boris und Melody vor der Tür und will seine Frau zurück, muss aber feststellen, dass sich diese stark verändert hat. Als er seinen Kummer darüber in einer Bar ertränken will, hat er allerdings eine Begegnung, die auch ihn verändert, er erkennt nämlich endlich seine homosexuelle Seite und der passende Mann ist auch schon da.

Mariettas Plan, Melody mit einem jüngeren Mann zu verkuppeln geht auf und Melody verlässt Boris. Dieser ist nun wieder allein und kann weiter vor sich hin granteln, wie zuvor auch, aber das Schicksal hat auch für ihn noch die passende Partnerin parat. Am Ende feiern alle ganz lieb und harmonisch zusammen Silvester. Ist das nicht schön?

Zugegeben, die Philosophie des Films, jeder möge doch so leben, wie er möchte, solange niemand dadurch verletzt wird, ist absolut begrüßenswert, das ist schon mal klar. Aber hier ist alles zu aufgesetzt, zu gewollt komisch und zu nervig. Vielleicht fehlt mir auch nur der richtige Sinn für Woody Allen-Filme, aber ich konnte mich hiermit nicht anfreunden. Irgendwo habe ich gelesen, dieser Film sei eine "Altherrenfantasie" und da stimme ich vollkommen zu. Streckenweise ist es nämlich schon teilweise peinlich.

Insgesamt gesehen, für Woody Allen-Fans wahrscheinlich ein Muss, aber von mir nur eine eingeschränkte Empfehlung. Den muss man nicht gesehen haben.
      

Soul Kitchen

"Soul Kitchen" ist ein Film von Fatih Akin aus dem Jahr 2009. Das Drehbuch schrieb Fatih Akin zusammen mit seinem Freund Adam Bousdoukos, der auch gleichzeitig die Haupfigur Zinos verkörpert.

Die Geschichte um Zinos und sein kleines Restaurant "Soul Kitchen" in Hamburg-Wilhelmsburg ist liebevoll erzählt und wunderbar gespielt. Zinos hat gerade sehr viel Pech, seine Freundin Nadine (Pheline Roggan), eine Schnepfe aus reichem Elternhaus, zieht wegen eines Jobs nach Shanghai, das Restaurant läuft so mittelprächtig, die Spülmaschine geht kaputt und dann erleidet Zinos auch noch einen Bandscheibenvorfall. Da er nun nicht mehr selbst in der Küche stehen kann, stellt er den exzentrischen Koch Shayn (Birol Ünel) ein, der eigentlich andere kulinarische Vorstellungen hat, als es die Speisekarte im "Soul Kitchen" hergibt. Also kocht er seine eigenen Gerichte, die das Stammpublikum aber nicht annimmt und lieber das Weite sucht.

Zinos Bruder Illias (Moritz Bleibtreu) bekommt Freigang aus dem Gefängnis und sorgt für einigen Wirbel, ebenso wie der alte Schulkamerad Thomas (Wotan Wilke Möhring), der Zinos unbedingt das "Soul Kitchen" abkaufen will, um dann das Gebäude abzureissen und das Gelände teuer zu verkaufen. Einziger Lichtblick für Zinos ist Physiotherapeutin Anna (Dorka Gryllus), die sich liebevoll um ihn kümmert und schließlich sogar eine Lösung für sein Rückenleiden hat. Ich sage nur "Knochenbrecher-Kemal"!

Der Film ist bin in die kleinsten Nebenrollen hervorragend besetzt, so sieht man unter anderem Udo Kier, Jan Fedder, Gustav-Peter Wöhler, Peter Jordan und Catrin Striebeck, ebenso wie die wunderbare Monica Bleibtreu in einer ihrer letzten Rollen.

In den Hauptrollen überzeugen neben Adam Bousdoukus und Moritz Bleibtreu vor allen Dingen Anna Bederke, als Kellnerin und Lebenskünstlerin Lucia, sowie Birol Ünel als durchgeknallter Koch Shayn. Wer Birol Ünel in "Gegen die Wand" erlebt hat, der wird diese Leistung nie vergessen, aber auch hier schafft er es mühelos, seiner Rolle das gewisse Etwas zu verleihen. Klasse!

Insgesamt gesehen ein wunderbarer Film, der gut unterhält und einfach Spaß macht und dabei trotzdem sowohl bewegend, als auch komisch ist. Sehr gelungen. Eine ganz große Empfehlung deshalb von mir für diesen ganz speziellen "Heimatfilm".

Mittwoch, 1. September 2010

Postcard to Daddy

"Postcard to Daddy" ist ein sehr persönlicher Dokumentarfilm von Michael Stock aus dem Jahr 2010. Der Filmemacher wurde als Kind über einen Zeitraum von acht Jahren von seinem eigenen Vater sexuell missbraucht. In dieser Dokumentation erzählt er selbst von dieser Zeit und davon, wie sein weiteres Leben dadurch geprägt wurde.

In Gesprächen mit seinen älteren Geschwistern und mit seiner Mutter befragt er diese, wie sie zu dieser Geschichte stehen und ob denn wirklich niemand jemals etwas mitbekommen hätte. Da tut sich eine wahre Hölle auf und man sitzt als Zuschauer quasi in der ersten Reihe und lauscht atemlos. Der Vater war Alkoholiker, abends betrunken und Familienharmonie vorspielend und am nächsten Morgen dann wieder jähzornig, launisch und aggressiv. Die beiden Geschwister waren oft nicht zu Hause, ebenso wie die Mutter, die sich in der Politik und in verschiedenen Organisationen engagierte. Da war der kleine Michael dann eben viel allein mit seinem Vater, also gab es viele Gelegenheiten für den Missbrauch. Durch das Verhalten des Vaters und dessen Scham "danach" fühlte sich der Junge schuldig und schmutzig, das verfolgte ihn lange. Nachdem er sich dann im Alter von sechzehn Jahren erstmals seinem Vater widersetzte, folgte eine heftige und gewalttätige Auseinandersetzung.

Michael Stock hatte schon seit gut zwanzig Jahren vor, über dieses Thema einen Film zu drehen, es gab auch Drehbuchprojekte, die aber alle an den verantwortlichen Fernsehsendern scheiterten, denen das Thema zu brisant war. So entstand dann schließlich die Idee für diese Dokumentation. Michael Stock hatte einen Schlaganfall, fast zur gleichen Zeit wie sein Vater auch. Auf einer anschließenden Reise durch Thailand, die er mit seiner Mutter unternahm, kam ihm der Gedanke, seinem Vater eine Art Videobotschaft zukommen zu lassen und ihm so seine Gedanken und Gefühle mitzuteilen. Am Schluss des Films gibt es noch eine kurze Szene, in der er seinem Vater begegnet und ihn zu seinen Taten und Beweggründen und auch seinen Schuldgefühlen befragt. Er hat aber keine, das ist dann schon ein sehr heftiges Ende.

Michael Stock will keine Rache, er will nur verstehen können. Wenn man den schlaksigen Mann Anfang Vierzig so anschaut, dann fallen einem sofort die Augen und der wache, fast etwas furchtsame Blick auf, die ihn immer noch wie ein großes Kind erscheinen lassen. Diese Dokumentation ist etwas sehr Persönliches und Intimes, man muss ihm dafür wirklich Respekt entgegen bringen, das geht buchstäblich unter die Haut. Sehr gelungen finde ich auch die Passagen, in denen Filmausschnitte aus seinem Debütfilm "Prinz in Hölleland" in die Handlung mit einbezogen werden.

Insgesamt gesehen sehr packend und sehenswert, ich wünsche diesem Film viele Zuschauer und Michael Stock alles Gute für sein weiteres Leben und hoffentlich noch viele Filmprojekte.