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Sonntag, 20. April 2014

Cutter's Way

"Cutter's Way" ist ein Film von Ivan Passer aus dem Jahr 1981. Das Drehbuch stammt von Jeffrey Alan Fiskin und beruht auf dem Roman "Cutter and Bone" von Newton Thornburg.

Ein paar Worte vorweg: "Cutter's Way" ist ein ganz besonderer Film, den ich vor einigen Monaten das erste Mal gesehen habe und der mich seitdem nicht mehr losgelassen hat. Wenn man sich ein wenig in die Geschichte hinter dem Film einliest, dann kann man erfahren, dass ihm leider kein Erfolg beschieden war. Der Film hat seine Zeit und sein Publikum verfehlt, ist weitgehend unbekannt, wird aber unter Film-Fans als Geheimtipp gehandelt und das völlig zu Recht.

Die Handlung spielt in Santa Barbara. Hier lebt der attraktive, aber mittellose Richard Bone (Jeff Bridges), ein junger Mann um die Dreißig, in den Tag hinein. Tagsüber arbeitet er im Yachthafen, soll potenzielle Kunden für Segelboote interessieren, während er nachts als Gigolo reiche und gelangweilte Frauen trifft. Sein bester Freund ist Alex Cutter (John Heard), ein verbitterter und zynischer Vietnam-Veteran, der im Krieg ein Auge, einen Arm und ein Bein verloren hat. Cutter trinkt zuviel, ebenso wie seine Frau Maureen (Lisa Eichhorn), für die das Leben an der Seite ihres Mannes längst zur Qual geworden ist, der sie nichts mehr entgegenzusetzen hat. Richard, Alex und Maureen wohnen zusammen in einem Haus und Maureen ist beiden Männern in Liebe verbunden, was ihre Situation nicht einfacher macht. Nie würde sie ihren Mann verlassen und auch Richard könnte sich niemals aufraffen, seinem Freund die Frau auszuspannen. Sie alle sind einander ausgeliefert, bilden aber eine verschworene Gemeinschaft, die trotzdem irgendwie funktioniert.

Eines Nachts bleibt Richard mit seinem klapprigen Wagen in einer Seitenstraße liegen. Er bemerkt hinter sich ein anderes Fahrzeug und einen Mann mit Sonnenbrille, der etwas in einem Müllcontainer ablädt. Am nächsten Morgen wird dort die Leiche einer jungen Frau gefunden und Richard wird verhaftet, weil sein Auto immer noch dort steht. Er wird stundenlang verhört und schließlich freigelassen, gilt aber als wichtiger Zeuge.

In Santa Barbara wird gefeiert und es finden Paraden statt, die Richard zusammen mit Alex und Maureen besucht. Als der reiche Öl-Unternehmer J.J. Cord (Stephen Elliott) an Richard vorbeireitet, glaubt dieser, in ihm den verdächtigen Mann aus der letzten Nacht wiederzuerkennen. Das ruft seinen Freund Alex auf den Plan, der von nun an alles daran setzt, dem vermeintlich Schuldigen den Mord nachzuweisen. Wie besessen macht sich Alex an die Arbeit, Cord als Mörder der jungen Frau zu überführen. Der verbitterte Alex sucht ein Ventil, endlich jemanden büßen zu lassen, einen der reichen und erfolgreichen Männer, die sich selbst nie die Hände schmutzig machen und immer davon kommen, weil sie mit ihrem Vermögen unantastbar sind. Er will sich rächen, für all das was man ihm angetan hat. Zusammen mit Valerie Duran (Ann Dusenberry), der Schwester der ermordeten Frau, geht er auf einen Rachefeldzug, der alle ins Verderben stürzen wird.

An dieser Stelle eine kleine Warnung, wer auf leichte Unterhaltung steht, der sollte von diesem Film Abstand nehmen. Hier wird es einem nicht leicht gemacht, die Handlung ist sperrig und die Charaktere sind es auch. Wer sich aber darauf einlassen kann, der wird mit einem wunderbaren Film belohnt, der sich zwar nie so richtig greifen lässt, aber definitiv unter die Haut geht. Das liegt natürlich in erster Linie an der fantastischen Besetzung mit Jeff Bridges, der hier übrigens umwerfend gut aussieht, dem damals noch nahezu unbekannten John Heard, der seine Rolle großartig spielt und der fabelhaften Lisa Eichhorn. Dieses Trio trägt den ganzen Film und begeistert einfach und allein durch glaubhaftes Schauspiel. So müssen gute Filme sein und nicht anders.

Es ist eine Schande, dass dieses Juwel so unbekannt ist. Anfang der Achtziger Jahre war das Bombast-Kino angesagt (ist das heute anders?) und dieser Film hatte keine Chance. Die Zeit des "New Hollywood" war vorbei, genau da möchte ich ihn aber einordnen. Ein toller Film, der jeden Zuschauer verdient hat, eben ein Meisterwerk, wenn auch ein verkanntes.


Samstag, 22. März 2014

Edward II

"Edward II" ist ein Film von Derek Jarman aus dem Jahr 1991. Das Drehbuch stammt von Derek Jarman, Stephen McBride und Ken Butler und beruht auf dem gleichnamigen Theaterstück von Christopher Marlowe (1564 - 1593).

Erzählt wird die Geschichte des jungen und schwachen Königs Edward II. (Steven Waddington), der nach dem Tod seines Vaters Edward I. den Thron übernommen hat. Verheiratet ist er mit Isabella (Tilda Swinton) und mit ihr zusammen hat er einen kleinen Sohn, Edward III. Doch Edwards Liebe gilt nicht seiner schönen Frau, sondern seinem Jugendfreund Piers Gaveston (Andrew Tiernan), den Edwards Vater einst ins Exil nach Frankreich schickte und den Edward nun zurückholt.

Endlich will er seine Liebe zu Gaveston ausleben können, was nicht nur Isabella, sondern auch den gesamten Hofstaat verstört und gegen ihn aufbringt. Er überhäuft Gaveston mit Titeln und Reichtümern, was schließlich beide in große Gefahr bringt, denn keiner der Lords will sich das gefallen lassen und auch Isabella muss erkennen, dass sie hier etwas unternehmen muss.

Gaveston wird erneut verstoßen, kehrt wieder zurück, aber die Gefahr wächst ständig. Isabella sucht Unterstützung bei ihrem Schwager Kent (Jerome Flynn), der ihr aber nicht helfen kann und verbündet sich daraufhin mit Lord Mortimer (Nigel Terry). Schließlich wird Gaveston ermordet und Edward II. in den Kerker geworfen. Isabella und Mortimer triumphieren, aber nicht für lange, denn der junge Edward III. reißt die Macht an sich.

Wer auf Theaterstücke steht, der ist hier auf jeden Fall richtig. Aber Derek Jarman geht hier noch ein ganzes Stück weiter und macht aus diesem Stück einen ganz besonderen Film, der sich geschickt zwischen Film und Theater bewegt. In sparsamen, aber sehr effektvollen Kulissen erzählt er seine Geschichte, die gleichzeitig modern und altmodisch ist. Die Schauspieler tragen moderne Kleidung, da gibt es Cola-Dosen und Spielzeug, aber auch dunkle Verließe, die Angst einjagen können. Die Musik ist ebenfalls perfekt gewählt und auch Annie Lennox hat einen wunderbaren Auftritt.

Dieser Film um eine schwule Liebe, die von allen Seiten bekämpft wird, ist ein absoluter Augenschmaus, den man unbedingt gesehen haben sollte. Die Schauspieler sind göttlich, die Ausstattung ist ein Traum und der Mut, diesen Film gemacht zu haben, sollte wirklich belohnt werden. Derek Jarman hat hier ein wahres Meisterwerk geschaffen, dem man nur verfallen kann. Unbedingt ansehen.

Mittwoch, 25. Dezember 2013

Cruising

"Cruising" ist ein Film von William Friedkin (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 1980 und basiert auf einem Roman von Gerald Walker. Die Dreharbeiten fanden 1979 statt, es war die Zeit vor Aids, der Krankheit, die alles verändern sollte.

In der schwulen Lederszene von New York geht ein Serienkiller um, deshalb beauftragt Captain Edelson (Paul Sorvino) den Polizisten Steve Burns (Al Pacino) als Undercover-Cop zu ermitteln, weil er äußerlich gut in das Beute-Schema des Täters passt. Der heterosexuelle Burns hat keine Ahnung, worauf er sich bei dieser Sache einlässt, aber die Aussicht auf eine schnelle Beförderung beflügelt ihn. Seiner Freundin Nancy (Karen Allen) darf er nichts von seinem Auftrag erzählen und er erscheint auch nur noch selten bei ihr.

Burns taucht nun ab in eine Welt, die ihm völlig fremd ist. Nur langsam macht er sich vertraut mit den Dingen, die ihm dort in den Clubs begegnen. Die Suche nach dem möglichen Serien-Killer wird für ihn auch eine Suche nach sich selbst, denn mehr und mehr verliert er die Kontrolle über sein bisheriges Leben und muss sich fragen, wie und wo er seine Leidenschaft ausleben kann.

Eine Antwort darauf liefert der Film nicht, ebenso wenig wer denn nun der tatsächliche Mörder ist. Das alles lässt William Friedkin in der Schwebe hängen und alle Möglichkeiten offen. Tatsächlich liefert der Film mehr Fragen als Antworten, was durchaus so gewollt war. Ich empfehle übrigens ausdrücklich die Extras auf der DVD anzuschauen, denn hier erfährt man sehr viel über die Entstehungsgeschichte von "Cruising", den Protest der schwulen Community, die Behinderungen der Dreharbeiten und noch vieles mehr. Diese Extras sind 2007 entstanden und beinhalten zahlreiche Interviews mit den Schauspielern und natürlich mit Regisseur William Friedkin. Von ihm stammt auch der sehr gute Audio-Kommentar, den man ebenfalls nicht verpassen sollte.

"Cruising" ist bis heute sehr umstritten, entweder man liebt ihn oder man hasst ihn. Friedkin ging damals als Vorbereitung auf seinen Film in diese Clubs und hat gefilmt, was ihm vor die Linse kam. Auch bei den diversen Themen-Nächten war er dabei. Wenn er im Audio-Kommentar darüber berichtet, selbst im Jockstrap dort aufgetaucht zu sein und sich für den hässlichsten Mann im ganzen Club gehalten zu haben, dann fällt man vor Lachen fast vom Stuhl. Eine herrliche Vorstellung.

Neben Al Pacino, der hier sehr zurückgenommen spielt und sich nie in die Karten sehen lässt, welche Gefühle und Gedanken er nun wirklich hat, gibt es noch eine ganze Reihe von Darstellern, die den Film sehenswert machen. Da wären z. B. der wunderbare Paul Sorvino oder auch Richard Cox, Don Scardino, James Remar, Gene Davis, William Russ und natürlich Karen Allen, die einzige Frau im Team.

Ich persönlich halte "Cruising" für ein Meisterwerk und kann ihn immer wieder sehen, die Faszination ist ungebrochen. Ganz große Empfehlung.

Montag, 14. Oktober 2013

Targets

"Targets" ist ein Film von Peter Bogdanovich aus dem Jahr 1968. Das Drehbuch schrieb Bogdanovich zusammen mit seiner Frau Polly Platt. Samuel Fuller beteiligte sich mit einigen Verbesserungsvorschlägen am Script, wollte aber nicht namentlich erwähnt werden. Kameramann war hier László Kovacs.

Peter Bogdanovich verdankte die Möglichkeit seines Spielfilmdebüts dem bekannten Roger Corman, für den er zuvor einige Zeit gearbeitet hatte. Corman war der Geldgeber, stellte das Material zur Verfügung und ermöglichte außerdem zwei Tage Drehzeit mit Boris Karloff, der noch bei ihm unter Vertrag stand. Bogdanovich und seine Frau arbeiteten am Drehbuch, das dann wie schon beschrieben noch durch Samuel Fuller überarbeitet wurde. Als kleinen Dank an Fuller hat Bogdanovich die von ihm selbst gespielte Rolle des Regisseurs im Film "Sammy Michaels" genannt.

Die Story von "Targets" hat zwei Handlungsstränge, die aber auf schicksalhafte Weise miteinander verbunden sind. Da wäre zuerst die Geschichte von Byron Orlok (Boris Karloff), einem alternden und bewährten Horrordarsteller, der sich ins Privatleben zurückziehen will, weil er sich selbst für antiquiert hält und an der Filmerei keinen Spaß mehr hat. Seine Assistentin Jenny (Nancy Hsueh), die ein Verhältnis mit dem jungen Regisseur Sammy Michaels (Peter Bogdanovich) hat, nimmt seine Entscheidung resigniert zur Kenntnis, weil sie ihn gut genug kennt. Sammy will Byron noch zu einem letzten Film überreden, für den er schon das Drehbuch geschrieben hat, aber er scheitert an Byrons Starrsinn. Nur einen einzigen PR-Termin will Orlok noch wahrnehmen, die Premiere seines letzten Filmes in einem neuen Autokino am nächsten Tag.

Die andere Geschichte erzählt von Bobby Thompson (Tim O'Kelly), einem unauffälligen jungen Mann, quasi der nette Junge von nebenan, der von seinem Vater zu einem wahren Waffennarren herangezüchtet wurde. Bobby lebt mit seiner jungen Frau noch bei seinen Eltern in einem fast schon klinisch anmutendem Haus, in dem jede Form von Liebe oder Gemütlichkeit fehl am Platz ist. Zusammen sitzt man am Abend vor dem Fernseher, Gespräche finden nicht statt, höchstens nur äußerst oberflächlich. Hier wird nur funktioniert, aber nicht gelebt. Bobby versucht vergeblich, mit seiner Frau über seine Gedanken zu reden, die aber hört ihm nicht zu.

Am Tag hat Bobby sich ein neues Gewehr gekauft und als er im Geschäft durch das Zielfernrohr gesehen hat, konnte er auf der anderen Straßenseite Byron Orlok ausmachen. Am nächsten Tag werden sie sich wieder begegnen, auch wenn das noch keiner von ihnen weiß. Bobby legt das neue Gewehr in seinen Kofferraum, der ein wahres Waffenarsenal aufweist. Als Zuschauer hält man hier bereits den Atem an, denn die Vorzeichen deuten schon auf eine Tragödie hin.

Am nächsten Tag, es ist bereits gegen zwölf Uhr, erschießt Bobby erst seine Frau, dann seine Mutter und schließlich noch den jungen Lebensmittellieferanten, der leider zur falschen Zeit am falschen Ort war. Danach fährt er zur Autobahn, legt sich mit seinen Waffen und der zusätzlichen Munition, die er ebenfalls noch gekauft hat, auf einem hohen Gastank auf die Lauer. Nachdem er einen Snack zu sich genommen hat, fängt er an wahllos auf die Insassen der vorbeifahrenden Autos zu schießen. Erst als die Polizei sich nähert, flüchtet er und versucht, im normalen Verkehr unterzutauchen. Dabei landet er in dem neuen Autokino, in dem schon kurz darauf der Film mit Byron Orlok gezeigt werden soll.

Doch Bobbys Amoklauf ist noch nicht vorbei, er verschanzt sich mit Waffen und Munition hinter der Leinwand und feuert weiter auf ahnungslose Opfer, während das Publikum sich den Film anschaut und erst langsam begreift, was hier vor sich geht. Zum Schluss kommt es zur finalen Begegnung zwischen Bobby und Byron Orlok, die sehr bizarr enden wird.

Orlok hatte die Zeichen der Zeit richtig erkannt, sein altmodischer Horror war vorüber, der moderne Horror war längst Realität geworden und konnte einen jederzeit treffen. Mit seinem Film hat Peter Bogdanovich somit bereits 1968 einen Nerv getroffen, der auch heute noch erschreckend aktuell ist. Inspiriert wurde Bogdanovich durch den tatsächlichen Amoklauf des jungen Charles Whitman, der 1966 in Texas stattfand. "Targets" erhielt sehr gute Kritiken, aber niemand wollte ihn zeigen oder auch nur sehen. Nach den Morden an Martin Luther King und Robert F. Kennedy hatte der Film es schwer, ein Publikum zu finden, aber aus heutiger Sicht ist er eindeutig ein Meisterwerk und hat die Karriere von Peter Bogdanovich begründet.

Was soll ich noch sagen? Dieser Film muss unbedingt angeschaut werden, weil er ganz tief unter die Haut geht und in seiner unaufgeregten Art einfach sprachlos macht. So muss ein wirklich guter Film sein, aufrüttelnd und bewegend. Besser geht es nicht. Ganz große Empfehlung.

(Boris Karloff und Peter Bogdanovich)

Mittwoch, 7. November 2012

Keep The Lights On

"Keep The Lights On" ist ein Film von Ira Sachs aus dem Jahr 2012. Das Drehbuch schrieb Sachs zusammen mit Mauricio Zacharias.

Bereit für den wahrscheinlich schönsten Film des Jahres? Ich hoffe doch, denn genau das ist Ira Sachs hier gelungen. Ein Film, der schon mehrfach ausgezeichnet wurde und über den man sehr viel Gutes lesen kann. Sämtliche positive Besprechungen kann ich nur bestätigen und genau das macht es mir schwer, hier noch meinen Senf dazuzugeben. Es ist eigentlich schon alles gesagt worden und mir bleibt nur die dringende Empfehlung, sich diesen wunderbaren Film anzuschauen. Sie werden es nicht bereuen.

Die (autobiographische) Geschichte erzählt von der Beziehung zwischen dem Filmemacher Erik (Thure Lindhardt) und dem Anwalt Paul (Zachary Booth) von ihrer ersten Begegnung bis zur endgültigen Trennung zehn Jahre später. Dazwischen gibt es Verliebtheit, Zusammenziehen, Streit, Versöhnungen, Trennungen und Hoffnungen. Alles scheitert aber immer wieder an der Cracksucht von Paul, der nicht von den Drogen lassen kann.

Der Film konzentriert sich dabei aber vor allem auf Erik und seine Erfahrungen in diesen zehn Jahren. Er ist derjenige, der vorbehaltlos liebt und an der Beziehung festhält, auch wenn Paul immer weiter abdriftet. Er erträgt scheinbar alles, die Launen von Paul, seine Aussetzer, seine abgebrochenen Drogenentzüge. Erik will diese Liebe am Leben erhalten, obwohl auch er langsam daran zerbricht. Erst ganz am Ende, als es die Möglichkeit einer Fortsetzung ihrer Beziehung zu geben scheint, sieht auch er ein, dass all das nur eine Illusion ist und beendet die Sache.

Ich kann nicht anders, als diesen Film in den höchsten Tönen zu loben, denn eine schönere Liebesgeschichte habe ich bisher kaum gesehen. Lobenswert ist auch der Regisseur Ira Sachs, der hier sehr persönliche Erfahrungen verarbeitet hat und seine Darsteller perfekt ausgesucht hat. Zachary Booth macht seine Sache sehr gut, aber das Highlight des Films ist natürlich Thure Lindhardt, der einfach fantastisch spielt und dessen Leistung man kaum in Worte fassen kann. Die Kamera klebt an ihm und hält jede noch so kleine Regung fest. Perfekt.

Mir fehlen ein bisschen die Worte, weil hier alles so gut funktioniert, das passiert wirklich selten. Schön ist auch die Musikauswahl (der Soundtrack stammt übrigens von Arthur Russell), die sehr passend ist, die Settings sind gut ausgewählt, alles ergibt ein stimmiges Bild. Die Geschichte ist herzzerreißend und glaubhaft erzählt, mehr geht nicht. Ich möchte auch behaupten, es hier mit einem kleinen Meisterwerk zu tun zu haben, denn eine andere Beschreibung kann es hierfür nicht geben. Großes Kompliment an Ira Sachs und Thure Lindhardt und eine sehr große Empfehlung für diesen wunderschönen Film, der viele Zuschauer verdient.


 

Dienstag, 24. Juli 2012

Little Odessa

"Little Odessa" ist ein Film von James Gray (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 1994 und gleichzeitig das sehr bemerkenswerte Regiedebüt des damals erst fünfundzwanzigjährigen Gray.

Joshua Shapira (Tim Roth) ist ein Auftragskiller, der seine Jobs schnell und präzise erledigt. Sein neuer Auftrag führt ihn gegen seinen Willen nach Brighton Beach, New York, seiner alten Heimat. Dort lebt seine Familie, die er seit Jahren nicht gesehen hat, seit sein Vater ihn verstoßen hat. Und dort herrscht Boris Volkoff (Paul Guilfoyle), der mit Joshua noch eine offene Rechnung hat.

Kaum im Viertel angekommen, wird Joshua von Sasha (David Vadim) bemerkt, der Joshuas jüngeren Bruder Reuben (Edward Furlong) gleich davon in Kenntnis setzt. Reuben vergöttert und idealisiert seinen großen Bruder und will ihn unbedingt treffen. Zu Hause ist die Stimmung am Boden. Die Mutter Irina (Vanessa Redgrave) liegt schwerkrank im Bett, schreit vor Schmerzen und stirbt langsam und qualvoll an einem Gehirntumor. Der Vater Arkady (Maximilian Schell) kümmert sich so gut es geht um seine Familie, flüchtet aber immer öfter zu seiner jüngeren Geliebten Natasha (Natalya Andreychenko).

Joshua trifft sich mit Sasha und seinen Freunden, um sie für seinen Auftrag anzuheuern. Ein russischer Juwelier soll beseitigt werden. Mit Reubens Hilfe besucht er auch seine Mutter, die immer mehr verfällt. Es kommt auch zu einer Auseinandersetzung mit seinem Vater, die für beide unerfreulich ist. Arkady steht bei Boris Volkoff in der Schuld und muss eine Entscheidung treffen, die schwere Folgen haben wird.

Kurze Momente des Glücks findet Joshua bei seiner früheren Freundin Alla (Moira Kelly), doch die vergehen viel zu schnell und die brutale Wirklichkeit holt die beiden ein. Der anschließende Showdown und das stumme Ende lassen den Zuschauer fröstelnd zurück.

"Little Odessa" ist der Name des Viertels Brighton Beach, in dem viele russische Juden eine neue Heimat gefunden haben und doch ihrer alten Heimat immer noch nachtrauern, jedenfalls die meisten älteren Bewohner. James Gray lässt seinen Film im kalten Winter spielen, alles ist eisig und unbarmherzig, die Gefühle sind erfroren. Es gibt nur kaum spürbare Anzeichen von Glück, der Tod hängt in der Luft und ist gnadenlos und unausweichlich.

Der Film ist traurig, bedrückend und tragisch und es ist kein Vergnügen, sich das anzuschauen, aber trotzdem möchte ich dieses Werk jedem Filmfreund sehr ans Herz legen. Das ist ein kleines und leider übersehenes Meisterwerk, das man nicht verpassen sollte.

Was soll man noch zu dieser Besetzung sagen? Tim Roth ist eine Offenbarung als schweigsamer Killer mit Herz, Vanessa Redgrave spielt sowieso in einer besonderen Liga und Maximilian Schell und Edward Furlong liefern Bestleistungen ab. Herrje, hier stimmt einfach alles, nur die Zuschauerzahlen nicht. Ich habe diesen Film 1995 das erste Mal gesehen und seitdem nie wieder vergessen. Ganz große Empfehlung.

Sonntag, 22. Juli 2012

In the Mood for Love

"In the Mood for Love" - "Fa yeung nin wa" ist ein Film von Wong Kar-Wai (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 2000. Kameramann war auch hier wieder Christopher Doyle.

Hong Kong, im Jahr 1962. Mrs. Chan (Maggie Cheung) mietet für ihren Mann und sich ein Zimmer in einem Mietshaus. Am gleichen Tag sucht Mr. Chow (Tony Leung Chiu Wai) ebenfalls ein Zimmer zur Untermiete und landet in der Nachbarwohnung. Durch Zufall finden beide Umzüge am selben Tag statt und es entsteht ein kleines Chaos in den engen Fluren des Hauses.

Mr. Chan ist oft auf Geschäftsreise und so verbringt Mrs. Chan die meiste Zeit allein zu Hause. Da sie für sich allein nicht kochen mag und auch mal aus der Wohnung raus will, geht sie in die nahe gelegene Nudelküche. Auch Mr. Chow ist oft allein und verbringt deshalb gerne Zeit mit Mrs. Chan.

Durch kleine Details kommen beide schließlich darauf, dass ihre Ehepartner eine Affäre miteinander haben. Beide sind darüber verwirrt und überlegen, was sie nun tun sollen. Da sie einander sehr zugetan sind, könnten sie doch vielleicht auch eine Affäre beginnen? Ein verlockender Gedanke, den beide aber sofort wieder verwerfen. Nein, sie wollen nicht so wie ihre Partner sein. Ihr Umgang miteinander bleibt rein freundschaftlich, auch wenn beide genau wissen, dass da viel mehr zwischen ihnen ist.

So bleibt es bei kleinen Gesten und verstohlenen Blicken, auch will man den neugierigen Nachbarn keine Angriffsfläche bieten. Vielleicht verzichten sie damit beide auf das große Glück, wer weiß...

Das ist ein Film, der die Sinne berührt und zu Herzen geht. Selten wurde eine unerfüllte Liebe so schön in Szene gesetzt, wie hier. Christopher Doyle hat sehr stimmungsvolle Bilder eingefangen und besonders die Farben Rot und Blau sensationell eingesetzt. Die regennasse Straße bei Nacht, die enge Treppe zur Nudelküche, das hektische Treiben in den schmalen Wohnungen, hier passt alles.

Eine schönere Besetzung als Maggie Cheung und Tony Leung ist hier gar nicht denkbar, die beiden sind umwerfend und ihre Blicke sagen mehr, als tausend Worte. Wenn beide sich auf der Treppe begegnen und sich dabei fast berühren, dann hält man als Zuschauer glatt den Atem an, so hinreißend ist das. Man beachte bitte auch die ständig wechselnden Kleider von Maggie Cheung, ein optischer Genuss.

Ganz wichtig ist auch die Musik, die den Film schön untermalt, unter anderem Songs, die von Nat King Cole gesungen werden. Sehr passend und sehr gelungen.

Eine wunderschöne Liebesgeschichte, auch wenn eigentlich gar nichts passiert, weil beide in den gesellschaftlichen Konventionen gefangen sind. Wong Kar-Wai hat hier ein kleines Meisterwerk abgeliefert, das ich nur sehr empfehlen kann. Nicht verpassen.

Sonntag, 4. März 2012

Drive

"Drive" ist ein Film von Nicolas Winding Refn aus dem Jahr 2011. Das Drehbuch stammt von Hossein Amini und beruht auf dem gleichnamigen Roman von James Sallis.

Der Driver (Ryan Gosling), seinen Namen erfährt man nicht, arbeitet tagsüber als Automechaniker für seinen Freund Shannon (Bryan Cranston) und als Stuntfahrer, während er nachts als Fahrer von Fluchtfahrzeugen bei Überfällen tätig ist. Er hat strenge Regeln, er wartet genau fünf Minuten, dann ist er weg, er trägt keine Waffen und er beteiligt sich nicht an den Raubzügen. Er ist der Fahrer und er ist der Beste. Selbst wenn die Polizei hinter ihm her ist, deren Funk er abhört, gelingt ihm immer die Flucht.

Ein Privatleben hat der schweigsame Mann nicht, er ist immer allein und kehrt in seine sparsam möblierte Wohnung zurück. Eines Tages lernt er seine neue Nachbarin, die hübsche Irene (Carey Mulligan) kennen, die mit ihrem kleinen Sohn nebenan eingezogen ist. Sie freunden sich an und verbringen viel Zeit miteinander. Irenes Mann Standard (Oscar Isaac) sitzt im Gefängnis, kommt aber bald darauf wieder nach Hause. Er wird allerdings von ein paar schrägen Typen unter Druck gesetzt und zusammengeschlagen, weil er ihnen Geld schuldet. In ihrem Auftrag soll er ein Pfandhaus überfallen, sonst würden die Typen sich an seiner Frau und seinem Sohn vergreifen.

Driver bietet seine Hilfe als Fahrer an, um Irene und ihre Familie zu schützen. Der Coup geht schief und entpuppt sich als falsches Spiel, denn Driver und Blanche (Christina Hendricks) können zwar mit dem Geld entkommen, aber Standard wird noch vor Ort erschossen. Sie erbeuten insgesamt eine Million Dollar, mehr als eigentlich geplant war. Das Geld gehört der Ostküsten-Mafia. Bernie Rose (Albert Brooks) und sein Partner Nino (Ron Perlman) müssen nun versuchen, die Wogen zu glätten.

Die Aktion läuft völlig aus dem Ruder, weil jeder nur noch seine eigenen Interessen verfolgt. Kurz zusammengefasst, es gibt viele Tote, während Driver weiterhin alles daran setzt, Irene und ihren Sohn zu beschützen, um jeden Preis.

Mehr will ich hier nicht verraten, denn der Film ist zu gut, um ihn zu verpassen. Ein toller Soundtrack und wunderbare Bilder machen dieses Werk zu einem der besten Filme der letzten Zeit. Mit dem Begriff "Meisterwerk" sollte man sparsam umgehen, aber hier passt er sehr gut. Mich hat der Film total begeistert und ich muss sagen, sämtliche positiven Rezensionen sind gerechtfertigt. Man wird ein bisschen an die Filme von Michael Mann erinnert, auch wenn "Drive" selbstverständlich ein ganz eigenständiger Film ist. Er ist nervenzerfetzend, erzeugt Gänsehaut und hat auch ganz viele ruhige Momente, die sehr sensibel und sanft sind. Die Fahrten durch das nächtliche Los Angeles haben zudem einen ganz besonderen Reiz und lassen sich nicht in Worte fassen. Die Bilder muss man einfach auf sich wirken lassen, das ist sensationell.

Kommen wir zu Ryan Gosling, dem Mann der Stunde. Mit diesem Film wird er wahrscheinlich Kultstatus erringen. Er spricht wenig, hat immer alles im Blick, ist knallhart in seinem Job und beinahe liebevoll in seinem knappen Privatleben. Die Kamera ist immer auf ihn gerichtet, fängt jede Emotion in Großaufnahme ein. Er ist charismatisch und zum Verlieben, kann aber im nächsten Moment unglaublich brutal werden. Kein anderer Darsteller kann ihm hier das Wasser reichen, diesen Spagat schafft derzeit nur er allein.

Von den vielen großartigen Bildern muss ich hier eine Szene besonders erwähnen. Als Driver und Irene im Fahrstuhl zusammen mit einem Killer sind, wendet sich Driver zu Irene und küsst sie zärtlich. Dabei verändert sich das Licht und wird gedimmt, bevor sich Driver an den Killer wendet und das Licht wieder erstrahlt. Das ist ganz hervorragend gemacht. Erwähnenswert ist ebenfalls die Jacke mit dem großen Skorpion auf dem Rücken, die der Driver trägt. Nachdem Irene den Fahrstuhl verlassen hat und der Killer sehr brutal ermordet wurde, bleibt das Bild auf dem Skorpion hängen, der fast lebendig erscheint. Ganz große Klasse und ein Bild, das definitiv im Gedächtnis bleibt.

Was soll ich hier noch sagen, der Film ist einfach unglaublich gut, die Musik bleibt im Ohr und Ryan Gosling ist einer der besten Schauspieler, die es derzeit gibt. Besser geht es nicht. Ganz große Empfehlung, auch wegen der sehr guten Nebendarsteller, die man hier nicht vergessen sollte. Der Film selbst hat ohne Frage Kultpotential.

Sonntag, 26. Februar 2012

Dame, König, As, Spion

"Dame, König, As, Spion" - "Tinker Tailor Soldier Spy" ist ein Film von Tomas Alfredson aus dem Jahr 2011. Das Drehbuch stammt von Bridget O'Connor und Peter Straughan und basiert auf dem gleichnamigen Roman von John le Carré.

Die Handlung spielt Anfang der Siebziger Jahre in London. Control (John Hurt) ist der Chef des Secret Service, intern nur "Circus" genannt. Er ist davon überzeugt, dass es einen Maulwurf in seiner Nähe gibt, der Informationen an die Russen weitergibt, speziell an den geheimnisvollen "Karla", einen russischen Top-Spion, dessen wahre Identität niemand kennt. Einer seiner fünf engsten Mitarbeiter muss der Verräter sein. Da wären also Percy Alleline (Toby Jones), Toby Esterhase (David Dencik), Roy Bland (Ciarán Hinds), Bill Haydon (Colin Firth) und George Smiley (Gary Oldman).

Control vertraut sich dem Agenten Jim Prideaux (Mark Strong) an, den er nach Budapest schickt, weil dort ein General überlaufen will, der den Maulwurf enttarnen kann. Die Sache läuft jedoch schief, Prideaux wird anscheinend erschossen und Control muss den Secret Service zusammen mit George Smiley verlassen. Smiley versucht ein normales Leben zu führen, allerdings ohne jeden Sinn, da sein Leben bisher nur aus seiner Arbeit bestand und Control stirbt.

Ein paar Monate später taucht der junge Agent Ricki Tarr (Tom Hardy) plötzlich aus der Versenkung auf und bestätigt Controls Verdacht bezüglich des Maulwurfs. Der Regierungsmitarbeiter Oliver Lacon (Simon McBurney) reaktiviert daraufhin George Smiley, um intern Ermittlungen zu führen. An Smileys Seite arbeitet der junge Agent Peter Guillam (Benedict Cumberbatch), der einst für die Einsätze von Ricki Tarr zuständig war.

In mühevoller Kleinarbeit versuchen Smiley und Guillam Licht in die Sache zu bringen und kommen immer öfter mit der Operation "Witchcraft" in Berührung, die von hohen Mitarbeitern des Geheimdienstes geleitet wird und noch einige Bedeutung haben wird. Zugleich findet Smiley heraus, dass der Agent Jim Prideaux wieder in England ist und unter einer neuen Identität als Lehrer arbeitet.

Letztendlich wird Smiley klar, dass "Witchcraft" sein eigentliches Ziel ist. Er nutzt seine Kontakte, um dem Verräter eine Falle zu stellen und kann am Ende den Maulwurf entlarven.

Viel mehr kann und will ich hier nicht verraten, denn die Handlung ist so komplex, das muss man wirklich selbst gesehen haben. Ich kann allerdings kaum in Worte fassen, wie sehr mich dieser Film begeistert hat. Was viele Zuschauer für zu langweilig und uninteressant halten, ist in Wirklichkeit ein Film, der kaum besser sein könnte. Wir haben hier einen großartigen Old-School-Agentenfilm aus der Zeit, als es noch keine Handys und ähnlichen technischen Schnickschnack gegeben hat. Hier agieren noch Menschen und keine Technik.

Der Flair der Siebziger Jahre und des Kalten Krieges sind wunderbar eingefangen, es wird geraucht und getrunken wie verrückt und alles passt genau ins Bild. Die Schauspieler sind ein Traum, angefangen bei John Hurt, über den unglaublich guten Gary Oldman, bis hin zu Colin Firth, alle einsame Klasse. Von den jüngeren Darstellern bleiben besonders Tom Hardy und der hübsche Benedict Cumberbatch im Gedächtnis.

Und doch ist alles, was man über diesen Film sagen kann immer noch zu wenig, denn das ist ein wahres Meisterwerk, das man nicht verpassen sollte. Allein schon das sehr zurückgenommene Spiel von Gary Oldman, der hier nur mit seiner Mimik arbeitet und damit mehr ausdrückt, als andere Darsteller je erreichen können, macht diesen Film zu einem Ereignis, das seinesgleichen sucht.

Ganz, ganz große Empfehlung für einen Film, der mich total überzeugt hat. Eine wunderbare Arbeit von Tomas Alfredson ("So finster die Nacht") und seinem Kameramann Hoyte van Hoytema. Bravo! Auch hier möchte ich auch noch auf den Audiokommentar hinweisen, den Tomas Alfredson zusammen mit Gary Oldman spricht. Sehr empfehlenswert.



Sonntag, 15. Januar 2012

Exotica

"Exotica" ist ein Film von Atom Egoyan (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 1994.

Das "Exotica" ist ein Nachtclub in Toronto. Eigentlich ist es eine Art Striplokal, wo die Tänzerinnen für ein paar Dollar auch an den Tisch kommen und nur für einen Kunden tanzen. Es gibt aber eine feste Regel, die jeder akzeptieren muss, die Männer dürfen nur anschauen, aber nicht anfassen. Wer sich nicht daran hält, der landet auf der Straße und bekommt Hausverbot.

Geleitet wird der Club von der hochschwangeren Zoé (Arsinée Khanjian), die den Laden von ihrer Mutter übernommen hat. Als Conférencier und gleichzeitig auch Rausschmeißer ist Eric (Elias Koteas) hier tätig. Die junge Christina (Mia Kirshner) steht Abend für Abend in einer Schulmädchenuniform auf der Bühne und hat einen Stammkunden, für den sie meistens tanzt. Der Steuerprüfer Francis (Bruce Greenwood) ist vernarrt in Christina.

Francis führt eine Buchprüfung bei dem Zoohändler Thomas (Don McKellar) durch, der dadurch ebenfalls in die Geschichte mit einbezogen wird. Der eifersüchtige Eric, ein Ex-Freund von Christina, überredet Francis, Christina während des Tanzes zu berühren, sie würde das wollen. Als Francis das später tatsächlich auch tut, wird er von Eric persönlich aus dem Club geworfen.

Francis schlägt Thomas einen Deal vor. Wenn dieser an seiner Stelle in den Club geht und mit Christina spricht, dann würde er über einige Ungereimtheiten in seinen Büchern hinwegsehen. In der Zwischenzeit realisiert Francis, dass Eric ihm eine Falle gestellt hat und will sich rächen. Im Schreibtisch von Thomas findet er eine Waffe, die er an sich nimmt.

Die handelnden Personen und ihre persönlichen Geschichten sind auf raffinierte Weise miteinander verknüpft. Erst ganz am Ende schließt sich der Kreis und man kann nur Staunen, wie komplex Atom Egoyan das erdacht hat. Die einzelnen Schicksale ergeben zusammen eine bittersüße Story, die sehr berührt. Inszeniert ist das alles sehr behutsam, beinahe zärtlich und auch sehr fesselnd.

Die Schauspieler sind eine Offenbarung, jeder von ihnen ist ein Erlebnis. Ich habe jedenfalls selten ein besseres Ensemble gesehen. In einer kleinen Nebenrolle ist die noch sehr junge Sarah Polley zu bewundern, die auch schon in jungen Jahren eine ganz Große ist.

Ein überwältigender Film, untermalt von schöner Musik, unter anderem von dem Leonard Cohen-Song "Everybody Knows". Eine deutsche DVD-Fassung gibt es leider nicht, was tatsächlich ein Skandal ist. Hierzulande kann man sich nur die englischsprachige Fassung besorgen, die ich wirklich nur Jedem ans Herz legen kann, es lohnt sich. Ganz große Empfehlung für ein kleines Meisterwerk.

Dienstag, 13. September 2011

Wenn die Gondeln Trauer tragen

"Wenn die Gondeln Trauer tragen" - "Don't Look Now" ist ein Film von Nicolas Roeg aus dem Jahr 1973. Das Drehbuch stammt von Allan Scott und beruht auf einer Kurzgeschichte von Daphne Du Maurier.

Das englische Ehepaar Laura und John Baxter (Julie Christie und Donald Sutherland) ist in Venedig, um über den Tod ihrer kleinen Tochter Christine hinwegzukommen, die in einem Teich ertrunken ist. John ist mit der Restaurierung einer Kirche beauftragt, während Laura langsam versucht, den Verlust zu ertragen. Es ist Winter in Venedig, die Stadt ist kalt und abweisend, ebenso wie die Menschen in ihr. Selbst die Tauben scheinen sich nicht wohl zu fühlen, alles ist grau und dunkel, es ist beinahe so, als läge eine konstante Bedrohung über der Stadt.

John und Laura lernen zufällig die beiden älteren Schwestern Heather (Hilary Mason) und Wendy (Clelia Matania) kennen. Die blinde Heather erzählt Laura, dass sie ihre kleine Tochter bei ihnen gesehen hätte und diese sehr glücklich schien. Während John das als Hirngespinst abtut, ist Laura begeistert und möchte über Heather Kontakt zu ihrer verstorbenen Tochter aufnehmen. Sie alle werden in einen nicht enden wollenden Alptraum hineingezogen. Laura verfällt den beiden merkwürdigen Schwestern, eine unheimliche Mordserie überzieht die Stadt und John sieht immer öfter die Gestalt eines kleinen Mädchens in einem roten Regenmantel, die seiner Tochter gleicht. Doch das wahre Grauen zeigt sich erst zum Schluss und dann besonders grausam...

Es gibt Filme, vor denen ich schon als Kind Angst hatte und die ich mir lange Zeit nicht anschauen konnte, weil mir der Schluss wirklich Gänsehaut bereitete. Neben Alfred Hitchcocks "Psycho" ist auch "Wenn die Gondeln Trauer tragen" so ein Kandidat. Bei beiden Filmen hatte ich bloß eine vage Erinnerung an das Ende, aber die war so beängstigend, dass ich mich erst sehr langsam damit anfreunden konnte. "Psycho" habe ich inzwischen lebend überstanden und nun tatsächlich auch diesen Film, wenn auch die Gänsehaut geblieben ist.

Nicolas Roeg hat hier ein wahres Meisterwerk geschaffen, unterlegt mit der wundervollen Musik von Pino Donaggio und mit Bildern von einem Venedig, das so mit Sicherheit in keinem Reiseführer der Welt anzutreffen ist. Die Hauptrollen sind mit Donald Sutherland und Julie Christie hochkarätig und exzellent besetzt. Die "berüchtigte" Sexszene ist übrigens wunderbar und sehr geschmackvoll gefilmt und selbstverständlich kein bisschen anzüglich. Da haben sich die Zeiten doch schon ein wenig gewandelt.

Insgesamt gesehen ein Film, der sehr begeistern kann und auch viele Fragen aufwirft. Beantwortet wird keine einzige, aber das macht überhaupt nichts, denn hier bleibt alles offen und jeder kann seine eigene Ansicht einbringen. Ein Meisterwerk ist es trotzdem und auf jeden Fall eine ganz große Empfehlung wert.

Sonntag, 15. August 2010

Carrie

"Carrie" ist ein Horrorfilm von Brian De Palma aus dem Jahr 1976, basierend auf dem gleichnamigen Buch von Stephen King, das 1973 als erster King-Roman veröffentlicht wurde. Sowohl für De Palma, als auch für King, bedeutete dieser Film den großen Durchbruch. Meine Rezension bezieht sich allerdings nur auf den Film. Da ich das Buch nicht gelesen habe, kann ich auch nicht beurteilen, wie es umgesetzt wurde. Ich beurteile den Film daher als ganz eigenständiges Werk.

Es geht um die junge Carrie (Sissy Spacek), ein unsicheres und schüchternes junges Mädchen, die mit ihrer religiös fanatischen Mutter (Piper Laurie) zusammen lebt. Als Carrie eines Tages beim Duschen nach dem Sportunterricht ihre erste Periode bekommt, ist sie zu Tode erschrocken über das Blut, das aus ihrem Körper läuft. Von ihrer Mutter nicht aufgeklärt und von ihren Mitschülerinnen wegen ihres panischen Verhaltens verhöhnt, macht sich bei Carrie eine starke Wut breit. Gleichzeitig bemerkt sie, dass sie die Fähigkeit besitzt, Dinge mit der Kraft ihrer Gedanken zu bewegen. Je mehr sie von den Mitschülern gedemütigt und verspottet wird, desto größer wird ihr Zorn. Sie lässt sich von einem Jungen gegen den Willen ihrer Mutter überreden, mit ihm zum Abschlussball in der Schule zu gehen und der Abend verläuft zunächst recht harmonisch. Carrie ist bezaubernd und wunderschön an diesem Abend und sie ist glücklich. Doch einige ihrer Mitschüler haben eine teuflische "Überraschung" für Carrie geplant und keiner von ihnen ahnt, welches Inferno damit losgetreten wird. Im Moment ihres bisher größten Glücks geschieht das Unfassbare und zum ersten Mal setzt sie ihre Kräfte bewusst ein.

Der Horror in diesem Film hat viele verschiedene Gesichter. Es geht nicht nur um die Kräfte, die in Carrie erwachen und die diese nutzt, um sich zu rächen, sondern es handelt sich um den alltäglichen Horror, dem junge Menschen ausgesetzt sind. Sei es in der Schule oder auch zu Hause. Darin bestehen auch die Faszination und der Erfolg dieses Films, denn es handelt sich um Situationen, die wohl beinahe jeder von uns auf die eine oder andere Art schon selbst erlebt hat, wenn auch hoffentlich in abgeschwächter Form. De Palma selbst meinte übrigens, Gut und Böse wären in diesem Film relativer Art.

Die Hauptdarstellerin Sissy Spacek liefert hier eine grandiose Darstellung ab, bis hin zur allerletzten Szene, bei der Brian De Palma sie eigentlich durch ein Double ersetzen wollte, aber Spacek darauf bestand, die Szene selbst zu spielen. Wer den Film schon kennt, wird die entsprechende Szene kennen und nie vergessen. Wer den Film noch nicht kennt, sollte sich auf einiges gefasst machen. Gerade wenn man glaubt, der Film sei vorbei und man könnte wieder ruhig atmen... Nein, mehr sei hier nicht verraten. Nur so viel, dieser Moment erzeugt bei mir immer wieder eine Gänsehaut, auch wenn ich ganz genau weiß, was passiert.

Neben Sissy Spacek und Piper Laurie glänzen hier noch die damaligen Jungstars Nancy Allen, Amy Irving und John Travolta. Die Filmmusik stammt hier erstmalig von Pino Donaggio, da De Palmas Lieblingskomponist Bernard Herrmann, der viel mit Alfred Hitchcock gearbeitet hatte, kurz zuvor verstorben war.

Brian De Palma, der zuvor bereits Filme wie z. B. "Sisters", "Phantom of the Paradise" und "Obsession" gedreht hat, widmete sich 1978 erneut dem Thema Telekinese in dem Film "The Fury". Bei der Gelegenheit möchte ich noch erwähnen, dass es immer ein großes Vergnügen ist, sich mit den Filmen von De Palma zu beschäftigen, denn der Mann ist schlicht und ergreifend ein Genie und seine Handschrift ist unverkennbar. Wer außergewöhnlich gut gemachte und intelligente Filme sehen will, der kommt an ihm nicht vorbei. Also nur ran, eine De Palma-Werkschau lohnt sich allemal. Besonders erwähnenswert ist noch das Making-Of des Films aus dem Jahr 2001, das sehr ausführlich ist.

Freitag, 13. August 2010

Berlin Alexanderplatz

"Berlin Alexanderplatz" ist ein Film von Rainer Werner Fassbinder nach dem gleichnamigen Roman von Alfred Döblin aus dem Jahr 1929 und entstand 1979/1980. Es ist ein Film in 13 Teilen und einem Epilog.

Der Film lief Ende 1980 im Fernsehen und wurde damals eher verhalten aufgenommen, die Pressestimmen waren vorwiegend negativ. Im Ausland wurde der Film umso populärer, was hierzulande niemanden mehr interessierte. Wie auch immer, Fassbinder hat hier ein gewaltiges Werk geschaffen, das 2007 erstmalig auf DVD erschien und auch heute noch extrem sehenswert ist.

Die Geschichte spielt im Berlin der zwanziger Jahre und handelt von Franz Biberkopf, der gerade aus dem Zuchthaus kommt, wo er vier Jahre gesessen hat, weil er seine damalige Freundin Ida im Streit erschlagen hat. Wieder in Freiheit hat er Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden und lernt die junge Polin Lina kennen. Er schwört, in Zukunft immer anständig zu bleiben, doch alle Versuche auf anständige Art und Weise Geld zu verdienen scheitern. Lina bittet schließlich ihren Onkel, der mit Schnürsenkeln hausieren geht, um Hilfe und Franz steigt in das Geschäft mit ein. Als der Onkel allerdings das Vertrauen von Franz schwer missbraucht, zieht dieser sich verletzt zurück. Er taucht unter und säuft, fast bis zur Besinnungslosigkeit. Schließlich kehrt er jedoch wieder zurück und will wieder auf die Menschen zugehen.

In seiner Stammkneipe lernt er Reinhold kennen, der ihn irgendwie fasziniert und mit dem er eine merkwürdige Freundschaft aufbaut. Doch Reinhold ist kein guter Umgang für Franz und letztlich dafür verantwortlich, dass dieser seinen rechten Arm verliert. Seine frühere Freundin Eva kümmert sich um Franz und macht ihn mit Mieze bekannt, die bei Franz einzieht. Franz ist endlich wieder glücklich, denn er liebt Mieze und diese liebt ihn. Alles könnte also so schön sein, doch schließlich mischt sich Reinhold ein und setzt dem Glück ein brutales Ende. Das ist auch das Ende von Franz Biberkopf, der anschließend nie mehr er selbst sein wird und nun endgültig zerstört ist. "Er wollte anständig sein, aber wie kann einer das durchhalten, ohne verrückt zu werden."

Der grandiose Epilog am Ende des Films bietet noch einmal alles auf, was Fassbinder an verrückten Einfällen so im Kopf hatte. Das darf man sich nicht entgehen lassen, hier wird es so richtig durchgeknallt. Franz im Dämmerzustand in der Irrenanstalt, der sein Leben träumt und sämtliche Personen wiedertrifft, die für ihn wichtig waren.

Dieses Werk ist so großartig, da fehlen mir schon fast die Worte. Gut, es gibt auch schon die eine oder andere Länge im Film, was bei einer Laufzeit von 15 Stunden auch kein Wunder ist, aber letztendlich zählt der Gesamteindruck und der ist einfach überwältigend.

Die ganzen wunderbaren Darsteller aufzuzählen, die hier in großen, kleinen und kleinsten Rollen zu sehen sind, würde den Rahmen dieser Rezension sprengen, auch wenn jeder einzelne von ihnen erwähnenswert ist. Allen voran natürlich Günter Lamprecht als Franz Biberkopf, der hier eine unglaubliche Leistung abliefert. Ebenso umwerfend ist die zauberhafte Barbara Sukowa als Mieze, die schon in der ersten Begegnung mit Franz wie eine Lichtgestalt, ein Engel auftritt. Gottfried John als Reinhold und Hanna Schygulla als Eva komplettieren die fantastische Besetzung.

Kameramann war hier erstmalig Xaver Schwarzenberger, der zusammen mit Fassbinder großartige Bilder entworfen hat, wie die vielen Blicke durch Fenster und Spiegel, auch ein Markenzeichen von Fassbinders früheren Werken. Ebenso bemerkenswert die blinkenden Lichter und das Spiel mit Licht und Schatten. Die Musik stammt wie immer von Peer Raben. Rainer Werner Fassbinder selbst erzählt die Geschichte begleitend aus dem Off.

Das ganze ist und bleibt ein Meisterwerk im Schaffen von Fassbinder, das sich unbedingt lohnt, angesehen zu werden. Angesichts der Länge kann man das natürlich nicht auf einmal, aber durch die DVD-Veröffentlichung hat man ja die Möglichkeit sich das einteilen zu können und nach und nach anzuschauen. Es lohnt sich auf jeden Fall. Ganz große Empfehlung von mir für dieses einzigartige Filmprojekt.