"Liebe" - "Amour" ist ein Film von Michael Haneke (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 2012.
Der Film erzählt die Geschichte von Georges (Jean-Louis Trintignant) und Anne (Emmanuelle Riva), beide über achtzig Jahre alt, ehemalige Musikprofessoren, die in Paris in einer großzügigen Altbauwohnung leben. Sie gehen liebevoll miteinander um, schätzen die gleichen Dinge und sind sich selbst genug. Die gemeinsame Tochter Eva (Isabelle Huppert) lebt mit ihrer Familie im Ausland und lässt sich nur sporadisch sehen.
Georges und Anne besuchen am Abend ein Konzert von Alexandre (Alexandre Tharaud), ein ehemaliger Schüler von Anne und nun erfolgreicher Pianist. Am nächsten Morgen frühstückt das Paar wie gewohnt zusammen, als Anne plötzlich geistesabwesend wirkt und nicht mehr ansprechbar ist. Obwohl sie bereits kurze Zeit später wieder zu sich kommt, sich aber an nichts mehr erinnern kann, lässt Georges sie von ihrem Arzt untersuchen.
Es gibt ein Problem an der Halsschlagader, welches durch eine Operation behoben werden soll. Die Operation allerdings missglückt, Anne erleidet einen Schlaganfall und ist fortan rechtsseitig gelähmt. Georges übernimmt zu Hause ihre Pflege und kümmert sich liebevoll um seine Frau, auch wenn seine eigenen Kräfte nicht mehr die besten sind. Doch Annes Zustand verschlechtert sich, ein zweiter Schlaganfall folgt und Georges muss Pflegerinnen einstellen, die ihn unterstützen.
Georges musste seiner Frau versprechen, sie nicht wieder ins Krankenhaus zu bringen und so tut er sein möglichtes, sie zu Hause zu pflegen, was aber immer schwieriger wird. Eva stattet ihren Eltern einen ihrer seltenen Besuche ab und macht ihrem Vater Vorwürfe, mit der Betreuung ihrer Mutter überfordert zu sein. Doch so schnell wie sie kam, ist sie auch schon wieder weg und mit ihrem eigenen Leben beschäftigt.
Georges muss feststellen, dass Anne immer mehr verfällt und schon früh, als sie sich noch verständlich machen konnte, den Wunsch verspürte ihrem Leben ein Ende zu setzen. Aus Liebe zu seiner Frau kommt Georges diesem Wunsch nach, auch wenn es ihn viel Überwindung kostet. In seinen Tagträumen lebt Anne weiter an seiner Seite, spielt für ihn Klavier und ist stets bei ihm.
Was für ein Film, den muss man erstmal sacken lassen. Von Michael Haneke ist man ja schon einiges gewöhnt, aber dieser Stoff geht direkt ins Herz und an die Nieren. Schon seit vielen Jahren war Haneke mit diesem Projekt beschäftigt und besonders die Zusammenarbeit mit Jean-Louis Trintignant lag ihm am Herzen, für den er diese Rolle geschaffen hat.
Herausgekommen ist ein Kammerspiel mit drei herausragenden Darstellern, Jean-Louis Trintignant, Emmanuelle Riva und Isabelle Huppert. Besser geht es nicht. Die Handlung spielt fast ausschließlich in der Wohnung, was sehr gut funktioniert. Es gibt keine Krankenhausszenen oder ähnliches, die müssen hier auch nicht sein.
Der Film ist großartig so wie er ist und äußerst empfehlenswert, aber bestimmt nicht für jeden Geschmack geeignet. Wer nur nett unterhalten werden will, der ist hier falsch. Allen anderen möchte ich dieses besondere Werk sehr ans Herz legen, es lohnt sich. Allein die Darsteller sind eine Klasse für sich und der Regisseur sowieso. Nicht umsonst hat dieser Film bisher bereits zahlreiche Preise gewonnen und jeder einzelne davon ist auch verdient. Michael Haneke macht einfach großartige Filme und wird dafür endlich auch entsprechend ausgezeichnet.
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Sonntag, 24. Februar 2013
Sonntag, 15. August 2010
Die Klavierspielerin
"Die Klavierspielerin" ist ein Film von Michael Haneke aus dem Jahr 2001, nach dem gleichnamigen Roman von Elfriede Jelinek.
Erika Kohut (Isabelle Huppert), eine Frau um die Vierzig, Professorin am Wiener Konservatorium, lebt noch immer mit ihrer Mutter (Annie Girardot) zusammen, mit der sie sogar im gleichen Bett schläft. Von ihrer Mutter gedrillt, sollte sie eigentlich Konzertpianistin werden, aber schließlich ist sie "nur" Klavierlehrerin geworden. Ein Privatleben hat ihr ihre Mutter nie gestattet. Beide sind in einer Art Hassliebe miteinander verbunden.
Es geht um eine Frau, die von ihrer Mutter immer unter Druck gesetzt wurde, nie eigene Gefühle ausleben konnte, sondern immer nur funktionieren musste. Die Mutter beansprucht Erikas Aufmerksamkeit und Zuneigung nur für sich allein. Kontakte zu anderen Menschen versucht sie zu verhindern. Erika selbst ist nicht in der Lage Gefühle zu zeigen oder zu erwidern. Eine eigene Sexualität findet nicht statt, sie ist nur Voyeuristin. Mit ihren Klavierschülern ist sie streng und unbarmherzig, aber wahre Freude an der Musik kann sie selbst nicht empfinden, es scheint ihr eher zur Last geworden zu sein.
Im Laufe der Jahre ist sie kalt und versteinert geworden. Als der junge Walter (Benoît Magimel), einer ihrer Schüler, ihr seine Liebe gesteht, ist sie mit dieser Situation hoffnungslos überfordert. Sie kann sich ihm nicht hingeben, da sie das als Zeichen einer Schwäche auslegt, die sie nicht zulassen kann. Aus dieser Überforderung heraus, versucht sie ihn zu dominieren, wodurch sie Walter allerdings verschreckt. Als sie ihn bittet, sie zu schlagen und zu misshandeln, wandelt sich seine Liebe zu ihr in Abscheu. Im Grunde ihres Herzens sehnt sie sich nach Liebe und Zuwendung, aber die Umstände ihres Lebens hindern sie daran, das zu zeigen. Eine Katastrophe scheint unausweichlich.
Die Leistungen der Schauspieler kann man gar nicht genug loben, allen voran natürlich die fantastische Isabelle Huppert, die einem in ihrer Darstellung den Atem raubt. Ganz große Empfehlung für einen verstörend guten Film.
Erika Kohut (Isabelle Huppert), eine Frau um die Vierzig, Professorin am Wiener Konservatorium, lebt noch immer mit ihrer Mutter (Annie Girardot) zusammen, mit der sie sogar im gleichen Bett schläft. Von ihrer Mutter gedrillt, sollte sie eigentlich Konzertpianistin werden, aber schließlich ist sie "nur" Klavierlehrerin geworden. Ein Privatleben hat ihr ihre Mutter nie gestattet. Beide sind in einer Art Hassliebe miteinander verbunden.
Es geht um eine Frau, die von ihrer Mutter immer unter Druck gesetzt wurde, nie eigene Gefühle ausleben konnte, sondern immer nur funktionieren musste. Die Mutter beansprucht Erikas Aufmerksamkeit und Zuneigung nur für sich allein. Kontakte zu anderen Menschen versucht sie zu verhindern. Erika selbst ist nicht in der Lage Gefühle zu zeigen oder zu erwidern. Eine eigene Sexualität findet nicht statt, sie ist nur Voyeuristin. Mit ihren Klavierschülern ist sie streng und unbarmherzig, aber wahre Freude an der Musik kann sie selbst nicht empfinden, es scheint ihr eher zur Last geworden zu sein.
Im Laufe der Jahre ist sie kalt und versteinert geworden. Als der junge Walter (Benoît Magimel), einer ihrer Schüler, ihr seine Liebe gesteht, ist sie mit dieser Situation hoffnungslos überfordert. Sie kann sich ihm nicht hingeben, da sie das als Zeichen einer Schwäche auslegt, die sie nicht zulassen kann. Aus dieser Überforderung heraus, versucht sie ihn zu dominieren, wodurch sie Walter allerdings verschreckt. Als sie ihn bittet, sie zu schlagen und zu misshandeln, wandelt sich seine Liebe zu ihr in Abscheu. Im Grunde ihres Herzens sehnt sie sich nach Liebe und Zuwendung, aber die Umstände ihres Lebens hindern sie daran, das zu zeigen. Eine Katastrophe scheint unausweichlich.
Die Leistungen der Schauspieler kann man gar nicht genug loben, allen voran natürlich die fantastische Isabelle Huppert, die einem in ihrer Darstellung den Atem raubt. Ganz große Empfehlung für einen verstörend guten Film.
Freitag, 13. August 2010
Der siebente Kontinent
"Der siebente Kontinent" ist der erste Kinofilm von Michael Haneke (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 1989 und gleichzeitig der Beginn einer Trilogie über die emotionale Vergletscherung in der Wohlstandsgesellschaft.
Anna (Birgit Doll) und Georg (Dieter Berner) sind zusammen mit ihrer kleinen Tochter Eva (Leni Tanzer) eine scheinbar ganz normale und sorgenfreie Familie in einem bürgerlichen Umfeld. Annas Mutter ist kürzlich verstorben und es hat eine kleine Erbschaft gegeben. Annas Bruder Alexander (Udo Samel), mit dem Anna zusammen ein Optikergeschäft führt, leidet noch unter dem Tod der Mutter. Georg hat einen neuen Posten in einer großen Firma übernommen, kommt aber mit seinem Vorgesetzten anscheinend nicht besonders gut aus. Dieses erfahren wir aus den Briefen, die Anna an ihre Schwiegereltern schreibt. Diese Briefe vermitteln jedoch in ihrer knapp und eher kühl gehaltenen Art den Eindruck, als gäbe es keinerlei Probleme. Tatsächlich sind die Probleme auch nicht wirklich sichtbar, sondern für Anna und Georg einfach nur erdrückend. Die Alltagsroutine frisst die beiden auf und sie verzweifeln am Leben.
Der Film ist in drei Abschnitte unterteilt. Teil 1 und 2 zeigen jeweils einen Tag aus dem Jahr 1987 und 1988. Teil 3 spielt im Jahr 1989 und beschäftigt sich mit dem minutiös geplanten Selbstmord der Familie. Georg kündigt seinen Job und Anna steigt aus dem Optikergeschäft aus. Offiziell wandern sie nach Australien aus, lösen ihr Bankkonto auf, heben die Ersparnisse ab und verkaufen das Auto. Anna bestellt bei einem Feinkosthändler reichlich Speisen und Getränke für das letzte gemeinsame Essen. Es läuft alles fast wortlos ab, der Plan ist gefasst und wird konsequent durchgezogen.
Die Familie beginnt mit der Zerstörung ihres bisherigen Lebens und das beinhaltet wirklich alles. Die Einrichtung, die Kleidung, die Bilder, sämtliches Mobiliar wird zerstört. Nichts soll übrig bleiben, nichts soll an sie erinnern. Diese Konsequenz lässt einem schon den Atem stocken. Sogar das riesige Aquarium im Wohnzimmer wird zertrümmert, was zumindest bei der Tochter zu Tränen führt, als die Fische auf dem Boden sterben. Zuletzt wird das gesamte Bargeld zerrissen und in die Toilette gespült.
Zum Schluss legt sich die Familie ins Schlafzimmer und vergiftet sich mit angehäuften Medikamenten selbst. Erst stirbt Eva, dann Anna und Georg schreibt den Zeitpunkt ihres Todes an die Wand, dann vergiftet er auch sich.
Es bleibt die Frage nach dem "Warum", die Haneke aber nicht beantwortet, sondern den Zuschauer allein zurücklässt, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Warum diese Familie beschlossen hat, aus dem Leben zu scheiden, kann nur spekuliert werden. Sind sie verzweifelt am alltäglichen Horror, an der immer gleichen Routine? Was tut man, wenn einfach alles zu viel wird, wenn das Leben zur Qual wird? Kann man sie nicht auch verstehen, hat nicht beinahe jeder von uns schon einmal ähnliche Gedanken gehabt? Sicher nicht unbedingt in diesem Ausmaß, aber so fremd wie es scheint, ist es nicht. Bleibt zu hoffen, die eigenen Probleme mit sich und der Welt anders lösen zu können. Michael Haneke hat hier einen sehr schmerzhaften Film geschaffen, der sehr nachdenklich macht und das macht ihn sehenswert, wenn auch nicht gerade für schwache Gemüter.
Wie Michael Haneke im anschließenden Interview erzählt, gab es die wütendsten Proteste übrigens bei der Vernichtung des Geldes und nicht beispielsweise bei dem Mord an der Tochter. Das lässt ja auch tief blicken...
Anna (Birgit Doll) und Georg (Dieter Berner) sind zusammen mit ihrer kleinen Tochter Eva (Leni Tanzer) eine scheinbar ganz normale und sorgenfreie Familie in einem bürgerlichen Umfeld. Annas Mutter ist kürzlich verstorben und es hat eine kleine Erbschaft gegeben. Annas Bruder Alexander (Udo Samel), mit dem Anna zusammen ein Optikergeschäft führt, leidet noch unter dem Tod der Mutter. Georg hat einen neuen Posten in einer großen Firma übernommen, kommt aber mit seinem Vorgesetzten anscheinend nicht besonders gut aus. Dieses erfahren wir aus den Briefen, die Anna an ihre Schwiegereltern schreibt. Diese Briefe vermitteln jedoch in ihrer knapp und eher kühl gehaltenen Art den Eindruck, als gäbe es keinerlei Probleme. Tatsächlich sind die Probleme auch nicht wirklich sichtbar, sondern für Anna und Georg einfach nur erdrückend. Die Alltagsroutine frisst die beiden auf und sie verzweifeln am Leben.
Der Film ist in drei Abschnitte unterteilt. Teil 1 und 2 zeigen jeweils einen Tag aus dem Jahr 1987 und 1988. Teil 3 spielt im Jahr 1989 und beschäftigt sich mit dem minutiös geplanten Selbstmord der Familie. Georg kündigt seinen Job und Anna steigt aus dem Optikergeschäft aus. Offiziell wandern sie nach Australien aus, lösen ihr Bankkonto auf, heben die Ersparnisse ab und verkaufen das Auto. Anna bestellt bei einem Feinkosthändler reichlich Speisen und Getränke für das letzte gemeinsame Essen. Es läuft alles fast wortlos ab, der Plan ist gefasst und wird konsequent durchgezogen.
Die Familie beginnt mit der Zerstörung ihres bisherigen Lebens und das beinhaltet wirklich alles. Die Einrichtung, die Kleidung, die Bilder, sämtliches Mobiliar wird zerstört. Nichts soll übrig bleiben, nichts soll an sie erinnern. Diese Konsequenz lässt einem schon den Atem stocken. Sogar das riesige Aquarium im Wohnzimmer wird zertrümmert, was zumindest bei der Tochter zu Tränen führt, als die Fische auf dem Boden sterben. Zuletzt wird das gesamte Bargeld zerrissen und in die Toilette gespült.
Zum Schluss legt sich die Familie ins Schlafzimmer und vergiftet sich mit angehäuften Medikamenten selbst. Erst stirbt Eva, dann Anna und Georg schreibt den Zeitpunkt ihres Todes an die Wand, dann vergiftet er auch sich.
Es bleibt die Frage nach dem "Warum", die Haneke aber nicht beantwortet, sondern den Zuschauer allein zurücklässt, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Warum diese Familie beschlossen hat, aus dem Leben zu scheiden, kann nur spekuliert werden. Sind sie verzweifelt am alltäglichen Horror, an der immer gleichen Routine? Was tut man, wenn einfach alles zu viel wird, wenn das Leben zur Qual wird? Kann man sie nicht auch verstehen, hat nicht beinahe jeder von uns schon einmal ähnliche Gedanken gehabt? Sicher nicht unbedingt in diesem Ausmaß, aber so fremd wie es scheint, ist es nicht. Bleibt zu hoffen, die eigenen Probleme mit sich und der Welt anders lösen zu können. Michael Haneke hat hier einen sehr schmerzhaften Film geschaffen, der sehr nachdenklich macht und das macht ihn sehenswert, wenn auch nicht gerade für schwache Gemüter.
Wie Michael Haneke im anschließenden Interview erzählt, gab es die wütendsten Proteste übrigens bei der Vernichtung des Geldes und nicht beispielsweise bei dem Mord an der Tochter. Das lässt ja auch tief blicken...
71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls
"71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls" ist ein Film von Michael Haneke (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 1994 und der letzte Teil seiner Trilogie über die "Vergletscherung der Gefühle".
Der Film handelt vom Amoklauf eines 19-jährigen Studenten am Tag vor Heiligabend 1993 in Wien, als dieser in eine Bankfiliale stürmt, dort wild um sich schießt, mehrere Menschen tötet und sich anschließend selbst erschießt. Haneke zeigt in scheinbar zusammenhanglosen Bildern Ausschnitte aus dem Leben der dort anwesenden Menschen in den Wochen vor dem Unglück. Unterbrochen wird das immer wieder durch Nachrichtensendungen, die von den Krisenherden auf der ganzen Welt berichten.
Das Leben der Personen, die hier gezeigt werden, beinhaltet aber bei jedem Einzelnen ein ganz persönliches Drama, eben ein privater Kriegsschauplatz, anders als auf den ständig flimmernden Fernsehbildschirmen, aber nicht weniger tragisch. Die fehlende oder mangelnde Kommunikation der Menschen ist auch hier wieder das Übel, das aufgezeigt werden muss. Denn manchmal ist es eben nur eine Kleinigkeit, die eine Katastrophe auslöst.
Die handelnden Personen sind alle gefangen in ihrer Sprachlosigkeit, sei es der rumänische Waisenjunge, der die Sprache nicht beherrscht, der Rentner, der mit seiner Tochter telefoniert und sich dabei nur mit ihr streitet, das kinderlose Ehepaar, das unbedingt ein Kind adoptieren will, der Geldtransportfahrer, der seiner Frau beim Abendessen unvermittelt "Ich liebe Dich" sagt, woraufhin sie ihn beschimpft und er sie schlägt und eben der Sportstudent, der sich aus welchen Gründen auch immer, eine Waffe besorgt. Diese Geschichten werden miteinander verwoben, bis sie schließlich alle in der Bankfiliale aufeinandertreffen.
Auch dieser Film ist sehr sehenswert und die Bilder wirken auch noch lange nach. Zum schnellen Konsumieren nebenbei eignen sich Hanekes Filme sowieso nicht. Wie auch bei den beiden anderen Teilen der Trilogie gibt es im Anschluss an den Film ein sehr interessantes Interview mit Michael Haneke, auf das ich noch besonders hinweisen möchte. Nebenbei bemerkt finde ich Hanekes Art überhaupt nicht "Oberlehrerhaft", wie oft zu lesen ist, im Gegenteil. Er erweist sich in den Interviews als sehr humorvoller und wortgewandter Erzähler. Sehr empfehlenswert.
Der Film handelt vom Amoklauf eines 19-jährigen Studenten am Tag vor Heiligabend 1993 in Wien, als dieser in eine Bankfiliale stürmt, dort wild um sich schießt, mehrere Menschen tötet und sich anschließend selbst erschießt. Haneke zeigt in scheinbar zusammenhanglosen Bildern Ausschnitte aus dem Leben der dort anwesenden Menschen in den Wochen vor dem Unglück. Unterbrochen wird das immer wieder durch Nachrichtensendungen, die von den Krisenherden auf der ganzen Welt berichten.
Das Leben der Personen, die hier gezeigt werden, beinhaltet aber bei jedem Einzelnen ein ganz persönliches Drama, eben ein privater Kriegsschauplatz, anders als auf den ständig flimmernden Fernsehbildschirmen, aber nicht weniger tragisch. Die fehlende oder mangelnde Kommunikation der Menschen ist auch hier wieder das Übel, das aufgezeigt werden muss. Denn manchmal ist es eben nur eine Kleinigkeit, die eine Katastrophe auslöst.
Die handelnden Personen sind alle gefangen in ihrer Sprachlosigkeit, sei es der rumänische Waisenjunge, der die Sprache nicht beherrscht, der Rentner, der mit seiner Tochter telefoniert und sich dabei nur mit ihr streitet, das kinderlose Ehepaar, das unbedingt ein Kind adoptieren will, der Geldtransportfahrer, der seiner Frau beim Abendessen unvermittelt "Ich liebe Dich" sagt, woraufhin sie ihn beschimpft und er sie schlägt und eben der Sportstudent, der sich aus welchen Gründen auch immer, eine Waffe besorgt. Diese Geschichten werden miteinander verwoben, bis sie schließlich alle in der Bankfiliale aufeinandertreffen.
Auch dieser Film ist sehr sehenswert und die Bilder wirken auch noch lange nach. Zum schnellen Konsumieren nebenbei eignen sich Hanekes Filme sowieso nicht. Wie auch bei den beiden anderen Teilen der Trilogie gibt es im Anschluss an den Film ein sehr interessantes Interview mit Michael Haneke, auf das ich noch besonders hinweisen möchte. Nebenbei bemerkt finde ich Hanekes Art überhaupt nicht "Oberlehrerhaft", wie oft zu lesen ist, im Gegenteil. Er erweist sich in den Interviews als sehr humorvoller und wortgewandter Erzähler. Sehr empfehlenswert.
Das weiße Band
"Das weiße Band" ist ein Film von Michael Haneke (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 2009.
Die Geschichte spielt in einem kleinen Dorf in Norddeutschland kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges und beschäftigt sich in erster Linie mit der Frage nach der Entstehung von Gewalt, hier exemplarisch gezeigt anhand der Dorfgemeinschaft und der einzelnen Familien. Alle Macht und wenn man so will auch alle Gewalt geht hier von den Männern des Dorfes aus, sei es der Baron, der Arzt, der Pfarrer oder auch nur der Bauer. Frauen und Kinder haben keine Rechte und sind den Männern untergeben. Gezeigt wird hier ein System aus permanenten Demütigungen und Bestrafungen.
Der ehemalige Lehrer erzählt die Geschichte rückblickend aus dem Off. Das scheinbar so friedliche Dorfleben wird durch merkwürdige Ereignisse jäh gestört. Es gibt Unfälle und auch Todesfälle, sowie Verletzungen, für die kein Täter gefunden werden kann. Haneke wirft viele Fragezeichen auf, weigert sich jedoch konsequent, auch nur eine Frage zu beantworten. So war ich nach dem Ansehen des Films erst einmal ziemlich ratlos, aber die Geschichte wirkt lange nach und geht nicht aus dem Kopf. Gewaltszenen sind hier übrigens nicht zu sehen, die entstehen nur im Kopf des Zuschauers, da Haneke die Kamera stets abwendet wenn es die Situation erfordert. Da hat man bei Haneke schon ganz andere Dinge gesehen.
Die Idee, gerade den Lehrer als Erzähler auszuwählen scheint genial, denn dieser ist anders als die meisten Charaktere im Film, eine eher weiche und sanfte Figur, eben eher modern, als den alten Sitten nacheifernd. Die zarte Liebesgeschichte soll diesen Aspekt wohl noch unterstreichen, ist aber auch schon fast überflüssig.
Trotz einer Laufzeit von ca. 140 Minuten hat der Film keine Längen und fesselt von Anfang bis Ende. Eingefangen ist das alles in betörend schönen schwarz-weiß Bildern, die eine ganz besondere Atmosphäre schaffen. Die Darsteller sind allesamt großartig, hier vor allem Ulrich Tukur, Burghart Klaußner, Josef Bierbichler und Susanne Lothar. Auch die Kinderrollen sind sehr gut besetzt. Ein sehenswerter Film, der sich wohltuend vom heute so üblichen Mainstream abhebt. Sehr empfehlenswert.
Die Geschichte spielt in einem kleinen Dorf in Norddeutschland kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges und beschäftigt sich in erster Linie mit der Frage nach der Entstehung von Gewalt, hier exemplarisch gezeigt anhand der Dorfgemeinschaft und der einzelnen Familien. Alle Macht und wenn man so will auch alle Gewalt geht hier von den Männern des Dorfes aus, sei es der Baron, der Arzt, der Pfarrer oder auch nur der Bauer. Frauen und Kinder haben keine Rechte und sind den Männern untergeben. Gezeigt wird hier ein System aus permanenten Demütigungen und Bestrafungen.
Der ehemalige Lehrer erzählt die Geschichte rückblickend aus dem Off. Das scheinbar so friedliche Dorfleben wird durch merkwürdige Ereignisse jäh gestört. Es gibt Unfälle und auch Todesfälle, sowie Verletzungen, für die kein Täter gefunden werden kann. Haneke wirft viele Fragezeichen auf, weigert sich jedoch konsequent, auch nur eine Frage zu beantworten. So war ich nach dem Ansehen des Films erst einmal ziemlich ratlos, aber die Geschichte wirkt lange nach und geht nicht aus dem Kopf. Gewaltszenen sind hier übrigens nicht zu sehen, die entstehen nur im Kopf des Zuschauers, da Haneke die Kamera stets abwendet wenn es die Situation erfordert. Da hat man bei Haneke schon ganz andere Dinge gesehen.
Die Idee, gerade den Lehrer als Erzähler auszuwählen scheint genial, denn dieser ist anders als die meisten Charaktere im Film, eine eher weiche und sanfte Figur, eben eher modern, als den alten Sitten nacheifernd. Die zarte Liebesgeschichte soll diesen Aspekt wohl noch unterstreichen, ist aber auch schon fast überflüssig.
Trotz einer Laufzeit von ca. 140 Minuten hat der Film keine Längen und fesselt von Anfang bis Ende. Eingefangen ist das alles in betörend schönen schwarz-weiß Bildern, die eine ganz besondere Atmosphäre schaffen. Die Darsteller sind allesamt großartig, hier vor allem Ulrich Tukur, Burghart Klaußner, Josef Bierbichler und Susanne Lothar. Auch die Kinderrollen sind sehr gut besetzt. Ein sehenswerter Film, der sich wohltuend vom heute so üblichen Mainstream abhebt. Sehr empfehlenswert.
Donnerstag, 12. August 2010
Benny's Video
"Benny's Video" ist ein Film von Michael Haneke (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 1992 und ist der zweite Teil der Trilogie über die emotionale Vergletscherung in der Wohlstandsgesellschaft.
Benny (Arno Frisch) ist ein Teenager, dessen größte und einzige Leidenschaft seine Videokamera ist, mit der er alles um sich herum filmt. Ansonsten ist er mit dem Anschauen von Filmen beschäftigt, der Fernseher läuft ständig, mal mit und mal ohne Ton. Seine scheinbar wohlhabenden Eltern (Angela Winkler und Ulrich Mühe), die beide berufstätig sind und sich nur wenig um ihren Sohn kümmern, haben das Zimmer von Benny mit teurem Equipment ausgestattet. So lebt Benny in seinem abgedunkelten Zimmer und filmt mit seiner Kamera das Leben auf der Straße vor dem Haus, statt einfach aus dem Fenster zu sehen. Das Leben, so wie er es kennt, existiert nur auf dem Bildschirm.
Eines Tages lernt er ein junges Mädchen (Ingrid Stassner) vor der Videothek kennen und nimmt sie mit zu sich nach Hause. Er zeigt ihr ein selbstgefilmtes Video, auf dem auf einem Bauernhof ein Schwein mit Hilfe eines Bolzenschussgerätes getötet wird. Die Aufnahme des Todesschusses wird wieder und wieder gezeigt. Benny zeigt dem Mädchen stolz das Bolzenschussgerät, welches er auf dem Bauernhof entwendet hat. Er hält es ihr gegen den Bauch und sie sagt noch scherzhaft: "Drück doch ab, Feigling!" und er drückt ab. Das Mädchen schreit vor Schmerzen und windet sich auf dem Boden, während die Kamera läuft und alles aufzeichnet. Benny versucht, das Mädchen zu beruhigen, aber sie schreit nur weiter. Dann drückt er ein zweites Mal ab und schließlich ein drittes Mal, dann ist Ruhe.
Nach der Tat scheint Benny ungerührt, er geht in die Küche und isst einen Joghurt, als wäre nichts passiert. Das ist an Kälte und Zynismus kaum zu überbieten und schwer zu ertragen. Anschließend wischt er das Blut auf, verstaut die Leiche im Schrank und verabredet sich mit einem Freund, ohne jede Gefühlsregung.
Als seine Eltern am nächsten Tag wieder zu Hause sind, zeigt er ihnen das Video mit dem Mord an dem Mädchen. Die Eltern sind entsetzt und beraten sich, was denn nun am besten zu tun sei. Völlig irrational beschließen sie, dass die Mutter mit Benny für eine Woche nach Ägypten fliegt, während der Vater in dieser Zeit die Leiche entsorgt.
Wieder zu Hause, scheint alles in Ordnung zu sein, der Vorfall wird ausgegrenzt. Die Eltern nehmen ihr normales Leben wieder auf. Benny jedoch geht zur Polizei und zeigt seine Eltern an.
Bei diesem Film muss man schon mal nach Luft ringen, angesichts dieser emotionalen Kälte in einer Umgebung, in der es kein Mitleid und keine Anteilnahme gibt. Auf die Frage des Vaters, warum er das Mädchen getötet hat, zuckt Benny nur mit den Schultern und sagt: "Ich wollte wissen, wie das ist."
Der Junge scheint in diesem Fall gleichzeitig Täter und Opfer zu sein. Zwar hat er das Mädchen getötet, ohne über die Konsequenzen nachzudenken, für ihn ist halt alles nur Film, aber dann zeigt er seine Eltern an, die seine Tat vertuschen wollten. Jeglicher Sinn für Realität ist ihm scheinbar abhanden gekommen. Das wahre Leben kennt er nicht, in dem alles nur einmal passiert, ohne Vorlauf- und Rücklauftaste. Michael Haneke zeigt auch in diesem Film wieder eine Welt, in der es keine Gefühle mehr gibt und das ist nicht sehr angenehm anzuschauen, aber dafür umso wichtiger und sehenswerter. Sehr empfehlenswert.
Benny (Arno Frisch) ist ein Teenager, dessen größte und einzige Leidenschaft seine Videokamera ist, mit der er alles um sich herum filmt. Ansonsten ist er mit dem Anschauen von Filmen beschäftigt, der Fernseher läuft ständig, mal mit und mal ohne Ton. Seine scheinbar wohlhabenden Eltern (Angela Winkler und Ulrich Mühe), die beide berufstätig sind und sich nur wenig um ihren Sohn kümmern, haben das Zimmer von Benny mit teurem Equipment ausgestattet. So lebt Benny in seinem abgedunkelten Zimmer und filmt mit seiner Kamera das Leben auf der Straße vor dem Haus, statt einfach aus dem Fenster zu sehen. Das Leben, so wie er es kennt, existiert nur auf dem Bildschirm.
Eines Tages lernt er ein junges Mädchen (Ingrid Stassner) vor der Videothek kennen und nimmt sie mit zu sich nach Hause. Er zeigt ihr ein selbstgefilmtes Video, auf dem auf einem Bauernhof ein Schwein mit Hilfe eines Bolzenschussgerätes getötet wird. Die Aufnahme des Todesschusses wird wieder und wieder gezeigt. Benny zeigt dem Mädchen stolz das Bolzenschussgerät, welches er auf dem Bauernhof entwendet hat. Er hält es ihr gegen den Bauch und sie sagt noch scherzhaft: "Drück doch ab, Feigling!" und er drückt ab. Das Mädchen schreit vor Schmerzen und windet sich auf dem Boden, während die Kamera läuft und alles aufzeichnet. Benny versucht, das Mädchen zu beruhigen, aber sie schreit nur weiter. Dann drückt er ein zweites Mal ab und schließlich ein drittes Mal, dann ist Ruhe.
Nach der Tat scheint Benny ungerührt, er geht in die Küche und isst einen Joghurt, als wäre nichts passiert. Das ist an Kälte und Zynismus kaum zu überbieten und schwer zu ertragen. Anschließend wischt er das Blut auf, verstaut die Leiche im Schrank und verabredet sich mit einem Freund, ohne jede Gefühlsregung.
Als seine Eltern am nächsten Tag wieder zu Hause sind, zeigt er ihnen das Video mit dem Mord an dem Mädchen. Die Eltern sind entsetzt und beraten sich, was denn nun am besten zu tun sei. Völlig irrational beschließen sie, dass die Mutter mit Benny für eine Woche nach Ägypten fliegt, während der Vater in dieser Zeit die Leiche entsorgt.
Wieder zu Hause, scheint alles in Ordnung zu sein, der Vorfall wird ausgegrenzt. Die Eltern nehmen ihr normales Leben wieder auf. Benny jedoch geht zur Polizei und zeigt seine Eltern an.
Bei diesem Film muss man schon mal nach Luft ringen, angesichts dieser emotionalen Kälte in einer Umgebung, in der es kein Mitleid und keine Anteilnahme gibt. Auf die Frage des Vaters, warum er das Mädchen getötet hat, zuckt Benny nur mit den Schultern und sagt: "Ich wollte wissen, wie das ist."
Der Junge scheint in diesem Fall gleichzeitig Täter und Opfer zu sein. Zwar hat er das Mädchen getötet, ohne über die Konsequenzen nachzudenken, für ihn ist halt alles nur Film, aber dann zeigt er seine Eltern an, die seine Tat vertuschen wollten. Jeglicher Sinn für Realität ist ihm scheinbar abhanden gekommen. Das wahre Leben kennt er nicht, in dem alles nur einmal passiert, ohne Vorlauf- und Rücklauftaste. Michael Haneke zeigt auch in diesem Film wieder eine Welt, in der es keine Gefühle mehr gibt und das ist nicht sehr angenehm anzuschauen, aber dafür umso wichtiger und sehenswerter. Sehr empfehlenswert.
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