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Donnerstag, 16. Juni 2011

Offene Herzen

"Offene Herzen" - "Les Corps Ouverts" ist der mehrfach preisgekrönte Debütfilm von Sébastien Lifshitz aus dem Jahr 1998 und erscheint jetzt erstmals in Deutschland auf DVD. Das Drehbuch schrieb Lifshitz zusammen mit Stéphane Bouquet.

Der achtzehnjährige Rémi (Yasmine Belmadi), der zusammen mit seinem schwerkranken Vater (Mohamed Damraoui) und seiner Schwester (Dora Dhouib) in Paris lebt, ist wie die meisten Jugendlichen in seinem Alter auf der Suche nach sich selbst und seinem Platz im Leben. Sexuelle Beziehungen hat er sowohl zu Männern, als auch zu Frauen, aber das ist für ihn eigentlich kein Thema. Durch einen Aushang in der Schule, in dem es um ein Filmprojekt geht, lernt er den älteren Marc (Pierre-Loup Rajot) kennen, mit dem er eine Affäre beginnt, doch er ist noch zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um diese Beziehung zu vertiefen.

Insgesamt gesehen ist das hier auch keine klassische Coming Out-Geschichte, sondern eher eine Coming of Age-Story, in der Rémi mit seinem Schulfreund (Malik Zidi) herum hängt, sich um seinen Vater kümmert, im Pornokino sexuelle Kontakte mit einem Unbekannten (Sébastien Lifshitz) hat und in der Nacht durch Paris streift. Wohin es ihn letztlich führen wird und was aus ihm wird, das erzählt der Film nicht, das liegt allein in der Fantasie des Zuschauers.

Der Film dauert nur ca. 45 Minuten, aber er erzählt trotzdem ganz viel und ist wirklich extrem sehenswert. Das liegt zum großen Teil an dem hervorragenden Yasmine Belmadi, der hier eine fantastische Leistung zeigt und auch später noch mit Sébastien Lifshitz und unter anderem auch mit Francois Ozon zusammen gearbeitet hat. Leider ist er bereits 2009 im Alter von nur 33 Jahren bei einem Unfall mit einem Motorroller gestorben, was wirklich ein Jammer ist. Seine Filme sind aber immerhin ein schönes Andenken an ihn. Sehr empfehlenswert.

Auf der jetzt erschienenen DVD befindet sich als Bonus noch der Kurzfilm "Ein Sohn" der Regisseurin Amal Bedjaoui aus dem Jahr 2003.

Dienstag, 14. Juni 2011

Wild Side

"Wild Side" ist ein Film von Sébastien Lifshitz aus dem Jahr 2004. Das Drehbuch schrieb Lifshitz erneut zusammen mit Stéphane Bouquet.

Die Transsexuelle Stéphanie (Stéphanie Michelini) lebt in Paris und verdient ihren Lebensunterhalt als Prostituierte. Privat lebt sie in einer gut funktionierenden Dreierbeziehung mit dem jungen Stricher Djamel (Yasmine Belmadi) und dem Exil-Russen Mikhail (Edouard Nikitine). Als ihre Mutter (Josiane Stoléru) schwer erkrankt, machen sich die Drei auf den Weg nach Nordfrankreich, in den Heimatort von Stéphanie.

Die Gegend ist kalt, einsam und unwirtlich. Hier, weit weg von dem Trubel des Lebens in Paris, wird nicht nur Stéphanie mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, auch Djamel und Mikhail holt die Erinnerung an die eigene Kindheit und Familie ein. Als Stéphanie das Dorf vor siebzehn Jahren verlassen hat, hieß sie noch Pierre. Ihr Vater und ihre Schwester waren eines Tages fort, allerdings lässt die Geschichte offen, was mit ihnen passiert ist. Stéphanie hat den Verlust der geliebten Schwester nie ganz verkraftet. Ihre Mutter sagt ihr jetzt auf den Kopf zu, wie gut es sei, dass ihr Vater sie nicht mehr so sehen konnte, nachdem er sich so sehr einen Sohn gewünscht hatte. Zur Lebenssituation ihrer Tochter äußert sie sich nicht explizit, aber man kann ahnen, was sie darüber denkt.

Nachdem ihre Mutter gestorben ist, löst Stéphanie den Haushalt auf und fährt zusammen mit Djamel und Mikhail wieder zurück nach Paris. Der Tod ihrer Mutter ist für Stéphanie der endgültige Abschied von der Kindheit, aber sie ist nicht allein. Die Drei haben sich gefunden und sind jetzt ihre eigene kleine Familie.

Die Familien in den Filmen von Sébastien Lifshitz sind immer irgendwie kaputt oder unvollständig. Der Vater ist meist abwesend oder tot und die Mutter ist oft depressiv, so auch hier. Aber bei aller Traurigkeit, dieser Film entlässt einen mit einem Gefühl der Hoffnung. Hier haben sich drei Menschen gefunden, die sich gegenseitig Halt und Stärke geben und die sich lieben. Das ist mehr, als es in den meisten herkömmlichen Familien gibt.

Insgesamt gesehen ein schöner und stiller Film, der zu Herzen geht und tief bewegt. Die Darsteller sind allesamt sehr gut besetzt und absolut herausragend. Die Rückblenden in die Kindheit sind dabei ebenfalls sehr gelungen und schön inszeniert. Das Milieu, in dem die Drei in Paris leben, ist glaubhaft eingefangen und keine der Figuren wird für ihr Handeln verurteilt und warum sollten sie das auch. Ganz große Empfehlung.

Das Making-Of ist sehenswert, aber mit 60 Minuten viel zu lang geraten, hier hätte man locker die Hälfte streichen können. Interessanterweise entpuppt sich die fabelhafte Kamerafrau Agnès Godard, die auch schon mit Claire Denis und vielen anderen gearbeitet hat, hier als etwas prüde, was den Dreh der Sexszenen angeht, wobei es da wirklich keinen Grund zur Aufregung gibt.

Sonntag, 12. Juni 2011

Sommer wie Winter

"Sommer wie Winter" - "Presque Rien" ist ein Film von Sébastien Lifshitz aus dem Jahr 2000 und gleichzeitig der erste lange Spielfilm von Lifshitz, der hier zusammen mit Stéphane Bouquet auch das Drehbuch schrieb.

Der achtzehnjährige Mathieu (Jérémie Elkaim) verbringt die Sommerferien mit seiner Mutter, seiner jüngeren Schwester und einer Tante in einem Haus am Meer. Die Situation innerhalb der Familie ist angespannt, denn erst kürzlich starb das jüngste Kind mit nur drei Jahren an Krebs. Die Mutter, die sich drei Jahre lang nur um das kranke Kind gekümmert hat, während die beiden älteren auf sich allein gestellt waren, hat den Verlust noch nicht verkraftet und verbringt die meiste Zeit im Bett, benebelt von Medikamenten. Der Vater lässt sich erst gar nicht sehen und schiebt seine Arbeit vor.

Mathieu und seine Schwester verbringen ihre Tage am Strand, wo Mathieu eines Tages den jungen Cédric (Stéphane Rideau) kennenlernt. Zwischen den beiden hübschen jungen Männern entwickelt sich schnell eine heftige Affäre, auch wenn Mathieu erst noch Probleme damit hat, seiner Familie gegenüber seine Gefühle für Cédric einzugestehen. Doch am Ende der Ferien beschließt er, nicht zurück nach Paris zu fahren, sondern zu Cédric nach Nantes zu ziehen und dort zu studieren.

Die schönen sommerlichen Bilder werden unterbrochen von Aufnahmen aus dem kalten Winter. Anderthalb Jahre sind vergangen, Mathieu hat gerade einen Selbstmordversuch hinter sich und er hat sich von Cédric getrennt. Die Psychiaterin im Krankenhaus rät ihm, an den Ort der ersten Begegnung mit Cédric zu fahren, um dort eventuell mehr über sich zu erfahren. Mathieu kehrt also zurück in das Haus am Meer. Jetzt, im Winter, ist alles verlassen, kalt und einsam. Er sucht Kontakt zu einem früheren Freund von Cédric, als würde er Antworten erwarten, ohne aber die Fragen zu kennen. Was immer auch in diesen anderthalb Jahren passiert ist, eines ist ganz klar, Mathieu ist erwachsener und reifer geworden.

Warum sich Mathieu und Cédric getrennt haben und weshalb Mathieu sich das Leben nehmen wollte, darüber kann man nur spekulieren. Von einer Depression ist kurz die Rede und das wäre eine mögliche Erklärung, aber manchmal sind die Dinge eben so, wie sie sind und Menschen handeln auch nicht immer rational.

Dadurch dass Sébastien Lifshitz den Figuren ihr Geheimnis lässt, bleibt der Film angenehm in der Schwebe. Die beiden jungen Darsteller sind ganz bezaubernd, besonders Jérémie Elkaim, der eine enorme Entwicklung durchmacht. Sehr gelungen. Man sollte sich für diesen Film viel Zeit und Muße nehmen, denn der Anfang ist etwas spröde und es dauert ein bisschen, bis es wirklich interessant wird. Hat man sich aber einmal darauf eingelassen, dann funktioniert der Film sehr gut. Ich persönlich habe aber auch zwei Anläufe gebraucht, bis ich in der richtigen Stimmung dazu war. Nun kann ich aber definitiv eine Empfehlung aussprechen, es lohnt sich wirklich.

Insgesamt gesehen ein Film mit schönen Bildern und sehr gelungener Musikuntermalung. Viele Fragen bleiben unbeantwortet, was ich aber überhaupt nicht schlimm finde.

Als Extra befindet sich auf der DVD noch der Kurzfilm "Une Robe d'Été" von Francois Ozon aus dem Jahr 1996, den ich ebenfalls sehr empfehlen kann.

Eine Warnung noch am Ende: Bitte den Film unbedingt im Original mit Untertiteln anschauen. Ich habe lediglich den Trailer in der deutschen Synchronisation gesehen und war entsetzt. Die Synchronstimmen machen hier wirklich - mal wieder - alles kaputt und ruinieren die ganze Atmosphäre des Films.

Mittwoch, 2. Februar 2011

Plein Sud

"Plein Sud" ist ein Film von Sébastien Lifshitz aus dem Jahr 2009. Das Drehbuch stammt von Stéphane Bouquet und Vincent Poymiro.

Die Geschichte dreht sich um Sam (Yannick Renier), der mit seinem alten Ford unterwegs ist von Frankreich nach Spanien. Er hat zwei Anhalter bei sich, die jüngeren Geschwister Léa (Léa Seydoux) und Mathieu (Théo Frilet). In einem Einkaufszentrum gabelt Léa noch Jérémie (Pierre Perrier) auf und so machen sie sich zu Viert auf den Weg, den außer Sam niemand kennt.

Sam hat seinen Vater früh verloren, das wird in Rückblenden gezeigt. Vater und Mutter stritten sich im Auto und der Vater hat sich selbst durch einen Schuss in den Kopf getötet, was Sam vom Haus aus mit angesehen hat. Die Mutter (Nicole Garcia) hat daraufhin den Verstand verloren, kam in eine Anstalt und Sam und sein jüngerer Bruder kamen in Pflegefamilien. Nun, zwanzig Jahre später, hat sich seine Mutter wieder bei ihm gemeldet und Sam ist auf dem Weg zu ihr nach Spanien, wo sie jetzt lebt. Im Gepäck hat er die Waffe, mit der sein Vater sich einst erschossen hat.

Zunächst handelt der Film aber von Sam und seinen drei Anhaltern und da liegt auch schon das Problem, denn außer schönen Bildern von hübschen Menschen, die sich ausgesprochen infantil benehmen gibt es hier nicht viel zu erzählen. Léa ist schwanger, Jérémie ist scharf auf sie und Mathieu ist schwul, das ist die kurze Zusammenfassung. Es gibt ein bisschen Sex am nächtlichen Strand zwischen Léa und Jérémie und zwischen Sam und Mathieu, aber das war es dann auch schon.

Sam, der einsame Cowboy, fährt alleine weiter nach Spanien. Hier, im letzten Teil, wird es endlich interessant und zwar bei der Begegnung mit seiner Mutter. Da erreicht der Film die Tiefe, die ihm bis dahin gefehlt hat, wenn auch nur für einen kurzen Moment. Das Ende ist dann allerdings auch wieder nicht so ganz geglückt und wirkt ein bisschen zu sperrig.

Meiner Meinung nach will der Film viel mehr sein, als er eigentlich ist. Die Geschichte um den Jungen, der den frühen Tod des Vaters und die Abwesenheit der Mutter nicht verarbeiten konnte, ist ja gut gemeint, aber nicht besonders gut umgesetzt. Die langsame Erzählweise stört mich dabei nicht, aber es läuft alles so ins Leere. Da muss der Zuschauer selbst entscheiden, ob der Film für ihn funktioniert oder nicht.

Mich persönlich hat die wackelige Handkamera gestört, die zwar authentisch wirken soll, aber eigentlich nur nervt, besonders wenn das wie hier als Stilmittel benutzt wird. Die merkwürdige Konstellation mit den drei Anhaltern verläuft auch im Sande, denn von ihnen erfährt man rein gar nichts. Sie tauchen auf und irgendwann geht die Geschichte eben ohne sie weiter, ohne jede Erklärung. Letztlich gibt es ein paar schöne Bilder, die Sonne scheint und die Landschaft ist hübsch, aber das war es dann auch schon. Gut, Yannick Renier und Théo Frilet sind sehr hübsch anzuschauen und auch passend besetzt, das möchte ich noch erwähnen, aber insgesamt hat mich der Film nicht so ganz überzeugt. Schade, das hätte wirklich besser sein können, denn der Ansatz war schon gut.

Empfehlenswerter finde ich von Sébastien Lifshitz die Filme "Sommer wie Winter" und "Wild Side", sowie seinen Debütfilm "Offene Herzen".