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Sonntag, 3. Januar 2016

Phoenix

"Phoenix" ist ein Film von Christian Petzold aus dem Jahr 2014. Das Drehbuch schrieb Petzold zusammen mit Harun Farocki und basiert auf dem Krimi "Le retour des cendres" von Hubert Monteilhet.

Deutschland, im Sommer 1945. Die Jüdin Nelly (Nina Hoss) hat das Konzentrationslager Auschwitz überlebt, allerdings mehr tot als lebendig. Mit schwersten Gesichts- und Kopfverletzungen wird sie von ihrer Freundin Lene (Nina Kunzendorf) zur Behandlung in ein Krankenhaus gefahren, wo sich ein Chirurg (Michael Maertens) ihrer annimmt. Nelly will unbedingt wieder so aussehen wie früher, aber der Arzt gibt zu Bedenken, dass dies nicht möglich sein wird und rät ihr, ihren Entschluss zu überdenken. Sie könne sich eine neue Identität zulegen, aber Nelly ist fest entschlossen, an ihrem früheren Aussehen und Leben festzuhalten.

Zurück in Berlin kümmert sich Lene, die bei der Jewish Agency arbeitet, liebevoll um Nellys Wohlergehen, doch auch Monate später ist der Heilungsverlauf noch nicht abgeschlossen und Nelly ist über ihr Aussehen verzweifelt und erkennt sich nicht wieder. Lene will sich um Nellys Erbschaft kümmern, nachdem ihre gesamt Familie getötet wurde und so schnell wie möglich mit Nelly nach Palästina ausreisen, um dort ein neues Leben zu beginnen. Doch Nelly will davon nichts wissen, sie ist auf der Suche nach ihrem Mann Johnny (Ronald Zehrfeld). Was sie jedoch nicht weiß und was ihr Lene bisher verschwiegen hat, Johnny hat seine Frau seinerzeit an die Nazis verraten und trägt Schuld an ihrer Verhaftung.

Endlich findet Nelly Johnny in einer amerikanischen Bar, wo er als Aushilfe arbeitet, doch er erkennt sie nicht. Ihm fällt nur eine gewisse Ähnlichkeit zu seiner vermeintlich toten Ehefrau auf und so macht er der völlig verzweifelten Nelly ein irrwitziges Angebot. Sie soll sich als Nelly ausgeben und ihr Erbe antreten, das sie dann unter sich aufteilen würden. Fassungslos lässt sich Nelly tatsächlich darauf ein und zieht zu Johnny in seine karge Kellerwohnung, in der festen Hoffnung, er würde sie doch noch erkennen. Doch Johnny ist so damit beschäftigt, aus der für ihn fremden Frau ein Abbild Nellys zu erschaffen, dass er die Wahrheit einfach nicht sehen kann oder will. Als er schließlich und endlich begreift, wen er da vor sich hat, ist das für ihn ein Schock und es ist längst zu spät, den Fehler zu korrigieren.

Es wurde viel gemeckert über den Film und seinen Plot, was ich nicht nachvollziehen kann. Sicher muss man sich auf die Geschichte einlassen können, aber das funktioniert eigentlich sehr gut, was hauptsächlich an den großartigen Schauspielern liegt. Es ist eine düstere Geschichte über Schuld, Vergessen, Verdrängung und Lüge. Niemand will wissen oder darüber reden, was in den Jahren zuvor geschehen ist, alles wird ausgeblendet. Das Leben soll weitergehen, als wäre nichts geschehen.

Nelly will um jeden Preis wieder in ihr altes Leben zurück und dort anknüpfen, wo es einst so grausam zerrissen wurde. Erst spät erkennt sie wirklich, welche Schuld Johnny auf sich geladen hat. Zu der Zeit hat sich Lene bereits erschossen, weil sie sich den Toten näher fühlte als den Lebenden und sie die Welt um sich herum nicht mehr ertragen konnte. Und auch Nelly wirkt immer mehr wie ein Gespenst aus der Vergangenheit, die sich nicht wieder herstellen lässt.

Johnny wiederum ist in seinem Aktionismus und natürlich auch in der Verdrängung seiner Schuld so blind, dass er die Frau, die vor ihm steht tatsächlich nicht als seine eigene Ehefrau erkennt. Er hat den für ihn perfekten Plan entwickelt, Freunden und Familie 'seine' Nelly zu präsentieren, die mit rotem Kleid und Schuhen aus Paris in Berlin aus dem Zug steigt. Fühlt sich hier noch jemand an "Vertigo" erinnert? Richtig.

Die Schauspieler sind ein Traum, Nina Hoss, Ronald Zehrfeld und Nina Kunzendorf spielen herausragend und auch die Musik ("Speak Low" von Kurt Weill) passt wunderbar. "Phoenix" ist für mich einer der besten Filme des letzten Jahres und sehr empfehlenswert. Unbedingt anschauen.

Donnerstag, 1. Oktober 2015

Traumland

"Traumland" ist ein Film von Petra Volpe (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 2013. Kamerafrau war hier Judith Kaufmann, die Musik stammt von Apparat (Sascha Ring).

Zürich an Heiligabend. "O du fröhliche...", nein, eher nicht. Die Stadt ist im Weihnachtsrummel, die Menschen hetzen umher, bereiten sich auf das Fest am Abend vor. Alle sind glücklich, alle haben sich lieb, nein, auch das trifft hier nicht zu, das ist nur die Illusion, die Weihnachten verbreitet. Nicht nur hier, sondern überall.

Die Hauptperson in diesem außergewöhnlichen Film ist die achtzehnjährige Mia (Luna Zimic Mijovic), eine junge Prostituierte die aus Bulgarien stammt und hier in Zürich auf den Straßenstrich geht, um Geld für ihre Familie zu verdienen. Am nächsten Tag will sie nach Hause fahren und endlich wieder ihre kleine Tochter sehen, die derweil bei ihrer Mutter lebt. Doch im Laufe dieses Tages wird Mia vier Menschen begegnen, die ihr weiteres Schicksal, ohne es direkt zu wollen, auf furchtbare Weise bestimmen werden.

Die Sozialarbeiterin Judith (Bettina Stucky) arbeitet in der 'Oase', dem Anlaufpunkt für die Prostituierten auf dem Straßenstrich. Sie kümmert sich hingebungsvoll um die Frauen und lebt ihre eigenen Sexfantasien mit einem fremden Mann in einem Hotelzimmer aus, was ihr Ehemann Jonas (Stefan Kurt) schließlich herausfindet. Dieser Heiligabend ist schon mal gelaufen, denn Jonas verlässt Judith.

Der geschiedene Rolf (André Jung) ist ein Kunde von Mia und will den Abend eigentlich mit seiner Tochter verbringen, die aber nichts von ihm wissen will. Seinen alten Vater, der im Pflegeheim wohnt, stößt er vor den Kopf, als er ihn nicht wie geplant abholt, sondern ihm erzählt, er würde mit seiner Familie über Weihnachten verreisen, weil er ihm aus lauter Feigheit noch immer nichts von seiner Scheidung gesagt hat.

Die ältere Spanierin Maria (Marisa Paredes) ist verwitwet und ebenfalls einsam. Ihre einzige Tochter lebt in Hongkong. Maria ist die Nachbarin von Mia und nicht glücklich darüber, mit einer Nutte Tür an Tür zu leben. An diesem Tag fasst sich Maria ein Herz und lädt den ebenfalls verwitweten Spanier Juan (José Ángel Egido) ein, den Abend mit ihr zu verbringen, nicht ganz ohne Hintergedanken und in der Hoffnung auf ein wenig liebevolle Zuneigung.

Die hochschwangere Lena (Ursina Lardi) lebt mit ihrem Mann Martin (Devid Striesow) und ihrem gemeinsamen kleinen Sohn in einem schicken Haus in guten Verhältnissen. Hier scheint alles perfekt zu sein, das Haus, die Familie, bis Lena durch Zufall ein Päckchen Gleitmittel im Auto findet. Die Großeltern reisen zum Heiligabend an, doch Lena löchert ihren Mann weiterhin mit der Frage, ob und warum er zu Nutten geht. Im Familienkreis werden Plätzchen gebacken, alles geht seinen Weg, doch Lena lässt die Frage keine Ruhe.

Judith, Rolf, Maria und Lena, sie alle werden an diesem Tag auf Mia treffen, nicht ahnend, was sie damit anrichten. Mehr will ich hier nicht verraten, das sollte man sich selbst anschauen. Die eine oder andere Episode wird dabei sehr schmerzhaft werden, wenn man sich ansieht, wozu Menschen fähig sind. Es geht hier nicht nur um körperliche Gewalt, es geht um so viel mehr.

Viele Menschen sind einsam, das ganze Jahr über, aber Heiligabend ist der Tag, an dem sie es nicht ertragen können und vor allen Dingen nicht zugeben können, dass sie alleine sind. Es ist ein Makel, den man nicht sichtbar machen will. Petra Volpe greift dieses Thema ganz hervorragend auf und hat einen Film geschaffen, der nachdenklich macht.

Hier ist wirklich alles gelungen, die Bilder von Kamerafrau Judith Kaufmann, die unaufdringliche Musik von Apparat und die fabelhaften Leistungen der durchweg großartigen Schauspieler. Ein absolut sehenswerter Film, der unter die Haut geht und unbedingt angeschaut werden sollte. Ganz große Empfehlung von mir. Sollte man nicht verpassen, denn Filme wie diesen gibt es viel zu selten.

Sonntag, 27. September 2015

Bullhead

"Bullhead" - "Rundskop" ist ein Film von Michaël R. Roskam (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 2011 und das Langfilmdebüt des Belgiers.

Die Handlung beginnt als Krimi, die Polizei ist hinter der 'Hormonmafia' her, die florierende Geschäfte betreibt. Es geht um illegalen Fleischhandel und den verbotenen Einsatz von Hormonpräparaten in der Viehzucht. Daneben wird auch der Konflikt der Einwohner Belgiens untereinander angesprochen, nämlich zwischen den Bewohnern des Nordens, den Flamen, und den Bewohnern des Südens, den Wallonen. Nicht nur, dass man sich nicht mag, man versteht sich auch nicht, denn der Norden spricht niederländisch, der Süden aber französisch.

Das ist aber nur die Rahmenhandlung, die irgendwann auch nicht mehr so wichtig ist. Vielmehr geht es hier um den jungen Viehzüchter Jacky Vanmarsenille (Matthias Schoenaerts), der in der Provinz Limburg lebt. Er betreibt seinen Hof zusammen mit seinem Bruder Stieve (Kristof Renson), der dort mit seiner Familie lebt. Jacky ist ein Außenseiter, ein wortkarger Mensch, der sich aber durch seine imposante Statur Respekt verschafft. Schon früh wird der Zuschauer Zeuge, wie Jacky seinen Körper selbst mit Hormonen und Testosteron behandelt und diese Mittel nicht nur seinen Rindern spritzt.

Schon in seiner Kindheit hat Jacky von seinem Vater gelernt, das Vieh mit den entsprechenden Präparaten zu versorgen, um den Profit zu steigern. Ganz selbstverständlich hat er das übernommen und fortgeführt. Zusammen mit seinem Onkel Eddy (Jean-Marie LeSuisse) und dem befreundeten Veterinär Sam (Frank Lammers) führt er seine Geschäfte aus.

Sam will neue Kontakte knüpfen und in ein Geschäft mit Wallonen einsteigen, was Jacky jedoch missfällt. Gerade erst wurde ein Polizist ermordet, der gegen die Fleischmafia ermittelt hat. Zur gleichen Zeit taucht in Jackys Umfeld sein früherer Jugendfreund Diederik (Jeroen Perceval) auf, der als heimlicher Informant für die Polizei arbeitet. Die beiden ehemaligen Freunde haben sich seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen und Diederiks Auftauchen bedeutet für Jacky die Wiederkehr schmerzhafter Erinnerungen, die nun nicht mehr unterdrückt werden können.

Jacky fährt nach Lüttich, um Kontakt zu Lucia (Jeanne Dandoy) aufzunehmen, die dort eine Parfümerie betreibt. In Lucia hatte er sich zwanzig Jahre zuvor verliebt, diese aber nie angesprochen. Sein linkisches Auftreten verunsichert die junge Frau, die in dem bulligen Mann aber nicht den Jungen von früher erkennt. Währenddessen ermittelt die Polizei weiter und durch Zufall gerät Jacky ins Visier der Beamten. Diederik erkennt die Situation und will seinen Freund retten, aber dafür ist es längst schon zu spät. Jacky weiß, dass er nichts mehr zu verlieren hat und versucht erneut, sich Lucia anzunähern. Die Katastrophe lässt sich jedoch schon nicht mehr aufhalten.

Wow, was für ein Film. Wer ihn bereits gesehen hat, der weiß wovon ich rede. Ich habe hier auch ganz bewusst die tragische Geschichte in Jackys Kindheit unerwähnt gelassen, um die Spannung nicht zu verderben. Der Vorfall wird zwar schon im ersten Drittel des Films gezeigt, ist aber dennoch von enormer Sprengkraft und erklärt das tragische Leben und Leiden Jackys genauer und verdeutlicht gleichzeitig, wie er zu dem wurde, der er heute ist.

Die Darstellung von Matthias Schoenaerts lässt sich eigentlich nicht in Worte fassen, er haut den Zuschauer glatt um. Immer wieder wird er halbnackt in seinem Badezimmer gezeigt, wo er seinen massigen Körper trainiert und sich mit Hormonpräparaten versorgt. Sein trauriges Gesicht nimmt einen dabei gefangen, weil man mit ihm mitleidet. Seine unerfüllte Suche nach Liebe und Zuneigung, nach einem normalen Leben, brennt sich ein. Ich habe selten etwas so Berührendes gesehen.

Kameramann Nicolas Karakatsanis hat großartige Bilder eingefangen und damit eine Atmosphäre geschaffen, die unter die Haut geht. Die Landschaft ist gleichzeitig schön und trist und passt ganz wunderbar zur Handlung. Insgesamt gesehen ist der Film natürlich schwere Kost und nicht für einen netten Filmabend geeignet, aber manchmal muss so etwas auch genau so sein: Ein Film, der nachwirkt und den man so schnell nicht wieder vergisst. Das ist dem Regisseur hier definitiv gelungen.

Von mir gibt es auf jeden Fall eine ganz große Empfehlung, es lohnt sich. Matthias Schoenaerts ist für mich persönlich die Entdeckung des Jahres und gerade in dieser Rolle absolut sehenswert.

      

Mittwoch, 23. September 2015

Eine neue Freundin

"Eine neue Freundin" - "Une nouvelle amie" ist ein Film von François Ozon (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 2014 und beruht lose auf einer Kurzgeschichte von Ruth Rendell.

Claire (Anaïs Demoustier) und Laura (Isild De Besco) waren unzertrennliche Freundinnen seit Kindestagen und ihre Freundschaft sollte für "immer und ewig" halten. Sie teilten alles miteinander, die lebenslustige Laura und die eher schüchterne Claire und waren immer füreinander da. Selbst ihre Hochzeiten fanden am gleichen Tag statt. Laura heiratete David (Romain Duris) und Claire heiratete Gilles (Raphaël Personnaz). Als Laura und David ein Baby bekamen, ein Mädchen namens Lucie, wurde Claire selbstverständlich ihre Patentante. Da war Laura schon schwer erkrankt und starb kurze Zeit später. Bei ihrer Trauerfeier versprach Claire, sich immer um Lucie und David kümmern zu wollen.

Was bis hier schon recht umfangreich klingt, erzählt Ozon in nicht einmal acht Minuten, denn diese Vorgeschichte bereitet den Anfang der eigentlichen Handlung vor, die ab da losgeht. Claire ist in ihrer Trauer um Laura gefangen, sie schafft es nicht David und Lucie zu besuchen, weil sie dort alles nur an ihre tote Freundin erinnern würde. Als sie sich doch endlich zu einem Besuch aufrafft, trifft sie im Wohnzimmer des stattlichen Hauses auf eine blonde Frau, die dem Baby gerade sein Fläschchen gibt. Entsetzt erkennt sie David, der eine Perücke trägt und eines von Lauras Kleidern.

David ist bemüht, Claire seine Verkleidung zu erklären. Zuerst tat er es, um das Baby zu beruhigen, das in ihm die vertraute Mutter zu erkennen glaubte, aber eigentlich hatte er schon immer großes Vergnügen daran, sich Frauenkleider anzuziehen. Laura wusste davon, aber während ihrer gemeinsamen Zeit hat David ihre Weiblichkeit gereicht und das Verlangen ließ nach. Nun aber würde er gerne seine weibliche Seite ausleben wollen und mit Lust Kleider tragen, Perücken aufsetzen und sich schminken. Claires anfängliche Bedenken beginnen zu schwinden, sie freundet sich mehr und mehr mit dem Gedanken an und wird für David zur Verbündeten.

Aus David wird Virginia, erst nur im Geheimen, aber dann unternehmen die beiden auch gemeinsame Shoppingtouren im Einkaufszentrum und haben dabei viel Spaß. David/Virginia wird im Laufe der Zeit immer stilsicherer und auch Claire verändert sich. Sie entdeckt ihre eigene Weiblichkeit und ihre Sexualität neu und profitiert davon. Ihr Ehemann Gilles weiß derweil nichts von Davids Geheimnis. Nur durch Zufall erfährt er von einem gemeinsamen Ausflug der beiden ins Landhaus von Lauras Eltern.

Viel mehr will bzw. kann ich hier nicht erzählen, das muss man sich schon selbst anschauen. Es wird auch noch ein bisschen dramatisch, aber es wird auch noch wunderschön und es ergibt sich eine Liebesgeschichte, wie man sie so wohl noch nicht sehr oft in Filmen gesehen hat.

François Ozon liebt das Melodram, die üppigen Bilder, die großen Gefühle, einfach alles was nicht in den Mainstream passt und das ist auch gut so. Wir sehen Häuser und Grundstücke, die nicht der Norm entsprechen und in denen ohne jeden Zweifel auch ein Douglas Sirk-Film spielen könnte. Genau das ist das Anliegen von Ozon, der sich stets das märchenhafte bewahrt und auch auskostet. Sein Film soll nicht die Realität abbilden, sondern seine Sicht der Dinge, wie sie sein könnte. Und das gelingt ihm auch hier wieder grandios. Vergessen wir hier einfach mal alle überflüssigen Gender-Debatten und erfreuen wir uns an einer zauberhaften Liebesgeschichte, die einfach schön, aber nicht unmöglich ist.

Unterlegt ist das alles mit einer sehr gelungenen Musikauswahl und natürlich mit Bildern, die einfach wunderschön sind. Die Besetzung ist traumhaft gewählt, neben Romain Duris, der mich hier doch sehr positiv überrascht hat, ist es vor allem Anaïs Demoustier, die alle Blicke auf sich zieht. Sehr gelungen.

Was soll ich noch sagen? Ach ja, meine 900. Filmkritik auf diesem Blog und noch dazu ein Film von meinem Lieblings-Regisseur. Da kann ja eigentlich nichts mehr schiefgehen und da ist auch ein bisschen Schwärmerei (wie üblich) erlaubt. Bitte auch auf den kleinen Cameo-Auftritt von Ozon (im Kino) achten. Für den Film gibt es, wie könnte es anders sein, eine ganz große Empfehlung von mir. Unbedingt anschauen und verzaubern lassen. Es lohnt sich.

Montag, 21. September 2015

Die Verlobung des Monsieur Hire

"Die Verlobung des Monsieur Hire" - "Monsieur Hire" ist ein Film von Patrice Leconte aus dem Jahr 1989. Das Drehbuch stammt von Patrice Leconte und Patrick Dewolf und beruht auf dem gleichnamigen Roman von Georges Simenon, der 1933 erschienen ist. Die Musik stammt von Michael Nyman.

Monsieur Hire (Michel Blanc) ist ein Eigenbrötler und hat nur wenige soziale Kontakte. Der Schneider arbeitet allein in seinem kleinen Atelier, wo er sich ein paar weiße Mäuse hält, um die er sich liebevoll kümmert. Die Menschen in seiner Umgebung meiden den Außenseiter weitestgehend und die Kinder spielen ihm Streiche. Gelegentlich besucht Monsieur Hire ein Bordell, aber daran hat er nun auch kein Vergnügen mehr.

Seit einiger Zeit lebt die junge Alice (Sandrine Bonnaire) im Haus gegenüber und Monsieur Hire kann von seiner Wohnung aus das Leben der hübschen Frau, die ihn immer mehr fasziniert, beobachten. Da er nie das Licht einschaltet, dauert es lange, bis Alice ihn am Fenster bemerkt. Während eines Gewitters sieht sie das bleiche Gesicht des Mannes und erschrickt. Mit einer Mischung aus Neugier und Misstrauen versucht Alice nun, die Bekanntschaft von Monsieur Hire zu machen. Will sie ihn nur kennenlernen oder will sie wissen, was er in ihrer Wohnung gesehen hat?

Eine junge Frau aus der Nachbarschaft wurde ermordet aufgefunden, im gleichen Alter wie Alice. Es war ein Raubmord und das Opfer hat sich gewehrt, so dass der Täter sie im Affekt getötet hat. Der ermittelnde Inspektor (André Wilms) verdächtigt Monsieur Hire, genau wie die Nachbarn, denen der Sonderling schon immer suspekt war, mit dem musste ja etwas nicht stimmen. Wer so zurückgezogen und ohne Freunde lebt, dem ist schließlich alles zuzutrauen, so die Meinung der Leute. Monsieur Hire jedoch weiß, wer für den Mord verantwortlich ist. Emile (Luc Thullier), Alices Freund, ein junger Mann mit zweifelhaftem Charakter, hat die Handtasche der ermordeten jungen Frau in der Wohnung seiner Freundin versteckt.

Monsieur Hire bietet Alice an, mit ihm zusammen in die Schweiz zu ziehen. Dort hat er ein kleines Haus und sie wären in Sicherheit. Er schenkt ihr eine Fahrkarte und wartet am Bahnhof auf sie, leider vergeblich. Alice hat sich anders entschieden und setzt damit eine Kette von Reaktionen in Gang, die sich nicht mehr aufhalten lässt. Die einzige Liebe im Leben von Monsieur Hire stürzt ihn ins Verderben.

Was für ein wunderbarer kleiner und stiller Film, gerade mal gut 80 Minuten lang. Für mich wirkte das alles ein bisschen aus der Zeit gefallen, der Film hätte auch gut in den sechziger Jahren spielen können. Im Mittelpunkt stehen die sensationellen Darstellerleistungen von Michel Blanc und Sandrine Bonnaire, die absolut authentisch und berührend sind. Besonders Michel Blanc muss hier erwähnt werden, der seinen Part unglaublich gut spielt, fast immer undurchsichtig bleibt und seinen Monsieur Hire mit einer Strenge und Zärtlichkeit ausstattet, dass einem die Worte fehlen. Die wenigen Begegnungen mit Alice sind voll von unterdrückten Gefühlen, die in seinem Inneren brodeln und dabei fast greifbar werden. Fast meint man, auch Alice würde sich zu ihm hingezogen fühlen und vielleicht tut sie das insgeheim auch. Aber leider will die Geschichte ihren handelnden Personen einfach kein Glück gönnen.

Was bleibt, ist eine tragische Lebens- und Liebesgeschichte, die unter die Haut geht, wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen. Ich kann nur eine ganz große Empfehlung aussprechen, es lohnt sich definitiv, diesem Film eine Chance zu geben.


Samstag, 13. Dezember 2014

Zärtlichkeit

"Zärtlichkeit" - "La tendresse" ist ein Film von Marion Hänsel (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 2013.

Der junge Belgier Jack (Adrien Jolivet) arbeitet als Skilehrer in den französischen Alpen. Als er sich bei einem Skiunfall das Bein bricht und keine Versicherung seinen Rücktransport nach Belgien übernimmt, machen sich seine geschiedenen Eltern auf den Weg, ihren Sohn abzuholen.

Lise (Marilyne Canto) und Frans (Olivier Gourmet) sind seit fünfzehn Jahren getrennt, aber einander immer noch in Freundschaft verbunden. Es fällt kein böses Wort zwischen ihnen, im Gegenteil, sie können über ihre kleinen Macken und Fehler lachen. Der stets überlegt handelnde Frans und die leicht chaotische Lise scheinen zwar sehr unterschiedlich zu sein, aber sie eint die Liebe zu ihrem Sohn Jack und die Erinnerung an ihre gemeinsame Vergangenheit.

Von Belgien aus führt sie der Weg auf einer neunstündigen Autofahrt nach Frankreich, wo Jack bereits aus dem Krankenhaus entlassen wurde und zusammen mit seiner Freundin Alison (Margaux Châtelier) wieder in seiner Unterkunft angekommen ist. Die Wege von Jack und Alison werden sich nun trennen und beide genießen noch die Zeit, die ihnen bleibt.

Nach einem letzten gemeinsamen Abend zu viert, geht es am nächsten Morgen zurück nach Frankreich. Jack macht es sich so gut es geht im Geländewagen seines Vaters bequem, während Lise mit dem Auto ihres Sohnes den beiden nachfährt. Unterwegs nimmt sie den Anhalter Léo (Sergi López) mit, einen Seemann, der auf dem Weg nach Norwegen ist. Léo übernimmt auch für einige Zeit das Steuer, damit Lise schlafen kann und verabschiedet sich bei einem Halt, um weiter per Anhalter Richtung Norden zu kommen.

Am späten Abend erreicht die Familie ihr Ziel, alle sind müde, aber glücklich über den Verlauf der Reise.

Mehr passiert nicht und das muss es auch nicht. Es gibt keine Dramen zu erleben, sondern einfach eine kleine, wenn auch getrennte Familie, die sich gegenseitig hilft und füreinander da ist. Das ist total unspektakulär und wunderschön. Wer auf Action steht, der ist hier definitiv im falschen Film. Mir hat dieser großartige kleine Film, der gerade mal rund 75 Minuten dauert, allerdings ausgesprochen gut gefallen. Wie erholsam, auch mal so eine leise Geschichte erleben zu können, in der praktisch kaum etwas geschieht und die doch von Anfang bis Ende fesselt, wenn man sich darauf einlassen kann.

Die Schauspieler sind ein Traum, allein schon wegen Marilyne Canto und Olivier Gourmet muss man diesen Film lieben. Und auch der immer wunderbare Sergi López verleiht seiner kleinen Rolle einen besonderen Zauber.

Die DVD ist bei Salzgeber erschienen, was ich sehr begrüße, denn sonst wäre dieser fabelhafte kleine Film wohl völlig untergegangen. Ganz große Empfehlung von mir.

 

Sonntag, 14. September 2014

Eastern Boys

"Eastern Boys" ist ein Film von Robin Campillo (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 2013. Kamerafrau war hier Jeanne Lapoirie.

Am Pariser Bahnhof Gare du Nord hängt eine Gruppe osteuropäischer junger Männer herum. In dem ganzen Trubel fallen sie nicht weiter auf, denn hier ist viel los. Reisende sind unterwegs, ebenso Berufstätige, Sicherheitspersonal und viele andere. Einer der jungen Männer ist Marek (Kirill Emelyanov), ein Junge mit einem hübschen Gesicht, der beinahe verletzlich und unschuldig wirkt. Der Geschäftsmann Daniel (Olivier Rabourdin), ein Mann Mitte Fünfzig, verfolgt Marek eine ganze Weile mit seinen Blicken, bis er es endlich wagt, den jungen Mann anzusprechen.

Marek spricht kaum französisch, man verhandelt auf Englisch. Für 50 Euro macht er alles, sagt Marek. Daniel ist ein bisschen verlegen, weiß nicht so ganz, worauf er sich hier einlässt. Doch schließlich gibt er Marek seine Adresse und man verabredet sich für den nächsten Abend. Als Daniel am Tag darauf die Tür seiner schicken Wohnung öffnet, steht dort nicht wie erwartet Marek, sondern die gesamte Gang. Deren Anführer "Boss" (Daniil Vorobyov) lässt keinen Zweifel aufkommen, wer hier jetzt die Oberhand hat. Es wird eine Party gefeiert und so ganz nebenbei die Wohnung ausgeraubt. Daniel muss wortlos mit ansehen, wie sämtliches Mobiliar und persönliche Gegenstände auseinander genommen werden. Auch Marek taucht auf und beide Männer werfen sich nur Blicke zu.

Am nächsten Tag erwacht Daniel wie aus einem Alptraum in seiner demolierten Wohnung. Was nicht geklaut wurde, das wurde zerstört, übrig blieb nur ein Trümmerfeld, um das sich Daniels Putzfrau nun kümmern muss. Am Abend steht dann überraschend Marek vor der Tür, bereit die Verabredung zum Sex nachzuholen. Daniel lässt ihn hinein und das ist der Beginn einer merkwürdigen Beziehung zwischen den beiden so unterschiedlichen Männern, die immer intensiver wird. Ist es erst nur der Sex, entwickelt sich bald schon echte Zuneigung und Daniel sorgt sich immer mehr um Marek, dessen richtiger Name Rouslan ist, und will ihn von der Straße holen und weg von der Gang. Er richtet ihm ein eigenes Zimmer ein, aber Rouslan hat als Illegaler in Paris noch ein weiteres Problem, denn "Boss" hat seine Papiere unter Verschluss und die liegen in einem Schließfach in einem Hotel außerhalb der Stadt.

Es wird noch ganz schön spannend, soviel kann ich schon verraten, mehr aber auch nicht. Der Film ist ein echtes Erlebnis, damit hatte ich gar nicht gerechnet. Trotz einer Lauflänge von gut zwei Stunden stellt sich keine Langeweile ein. Mag der Anfang auch ein bisschen zäh wirken, wird man doch recht schnell in die Geschichte reingezogen und dann kommt man da sowieso nicht mehr raus. Absolut großartig.

Neben dem jungen Kirill Emelyanov als Rouslan/Marek und Daniil Vorobyov als fiesem "Boss", ist es vor allen Dingen Olivier Rabourdin als Daniel, der den Zuschauer hier wirklich von den Sitzen reißt. So eine fantastische Darstellung habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Was dieser Mann allein mit seinen Blicken ausdrücken kann, ist nahezu unbeschreiblich. Besser geht es eigentlich nicht.

Was soll ich noch sagen? Ran an den Film. Von mir gibt es auf jeden Fall eine ganz große Empfehlung, man muss sich aber schon auf den Film und die Handlung einlassen können.


Sonntag, 7. September 2014

Das finstere Tal

"Das finstere Tal" ist ein Film von Andreas Prochaska aus dem Jahr 2014. Das Drehbuch schrieb Prochaska zusammen mit Martin Ambrosch und beruht auf dem gleichnamigen Roman von Thomas Willmann. Kameramann war hier Thomas W. Kiennast.

Ort der Handlung ist ein abgelegenes Tal in Südtirol, Ende des 19. Jahrhunderts. Im Spätherbst taucht ein Fremder (Sam Riley) wie aus dem Nichts im Dorf auf und bittet um Quartier für den Winter. Er ist nicht willkommen, aber mit einem kleinen Beutel voller Goldmünzen erkauft er sich die Zustimmung von Hans Brenner (Tobias Moretti), dem ältesten Sohn des Brenner-Bauern (Hans-Michael Rehberg). Der Fremde, der sich als Greider vorstellt, kommt aus Amerika und ist Fotograf. Er wird bei der Witwe Gader (Carmen Gratl) und ihrer jungen Tochter Luzi (Paula Beer) untergebracht.

Der alte Brenner ist inzwischen bettlägerig, hält aber noch alle Zügel in der Hand. Er bestimmt die Geschicke des Dorfes und seiner Bewohner und niemand wagt es, ihm oder seinen sechs erwachsenen Söhnen zu widersprechen, die vom Charakter her zwischen böse, gemeingefährlich und debil schwanken. Es herrscht eine bedrohliche Atmosphäre in diesem Tal, voller Furcht vor den Brenners.

Greider lebt sich bei den beiden Frauen ein und macht sich nützlich. Luzi wird schon bald den jungen Lukas (Thomas Schubert) heiraten und obwohl sich die beiden lieben, haben sie aus guten Gründen Angst vor der Hochzeit und dem was danach kommt. Die Braut gehört in der Hochzeitsnacht nämlich immer dem alten Brenner, schon seit Jahrzehnten. Eine alte Tradition, vom Brenner selbst eingebracht, der sich niemand widersetzen darf. Nur einmal soll sich ein junges Paar dagegen aufgelehnt haben, mit fürchterlichen Konsequenzen. Seitdem herrscht eisige Stille im Dorf und jeder nimmt das als gegebenes Schicksal hin.

Inzwischen ist der Winter eingezogen und das Tal ist abgeschnitten von der Außenwelt. Kurz hintereinander kommen zwei der Brenner-Söhne bei scheinbaren Unfällen ums Leben, aber Hans Brenner ahnt, dass Greider etwas damit zu tun hatte. Dann steht die Hochzeit von Luzi und Lukas an und Greider befreit das Mädchen aus der Gewalt der Brenner-Brüder, als sie auf dem Weg zum Hof des Alten sind. Nun sind die Fronten geklärt, die Brüder machen Jagd auf Greider und der hat nur noch seine lange geplante Rache im Kopf. Es kommt zu einem atemberaubenden Shoot-Out.

Wow, was für ein Film. Ich muss zugeben, dass ich schon ein wenig skeptisch war wegen der Besetzung mit Sam Riley und Tobias Moretti, denen ich bisher irgendwie nichts abgewinnen konnte, die hier aber beide wirklich gut besetzt sind und perfekt in ihre Rollen passen. Auch die anderen Schauspieler überzeugen sehr, allen voran die junge Paula Beer, die wirklich toll spielt, oder auch Erwin Steinhauer als Pfarrer, Hans-Michael Rehberg als Brenner und viele andere, die auch in den kleinsten Rollen sehenswert sind.

Gesprochen wird insgesamt nur wenig, viel wichtiger sind hier Blicke und Körpersprache. Und dann diese geniale Atmosphäre, die Bilder, die gedeckten Farben, die gesamte Ausstattung, einfach nur grandios. Mehr darüber erfährt man in einem sehr informativen Making-Of auf der DVD, das rund vierzig Minuten dauert und viele Eindrücke von den Dreharbeiten und der Entstehung des Films liefert. Kann ich nur empfehlen, ebenso wie den Audio-Kommentar von Andreas Prochaska, der sehr gelungen ist.

Ein Thema muss ich noch erwähnen und das ist die Musik. Da habe ich in vielen Kritiken gelesen, die würde nicht passen, die Zuschauer würden durch die modernen Songs aus dem Film gerissen und ähnliches. Das kann ich überhaupt nicht unterschreiben, ich finde die Musik extrem gut und gerade auch in der großen Shoot-Out-Szene hervorragend gewählt. Mir ging das gerade in dieser Szene sehr unter die Haut und hat sich zusammen mit den Bildern ins Gedächtnis eingebrannt. Sehr mutige Entscheidung, aber auf jeden Fall geglückt.

Andreas Prochaska hat erneut bewiesen, dass er ein großartiger Regisseur ist und einen ungemein packenden Film hingelegt, der mich schlicht und einfach begeistert hat. Bitte nicht verpassen.


Mittwoch, 27. August 2014

Tom à la ferme

"Tom à la ferme" ist ein Film von Xavier Dolan aus dem Jahr 2013. Das Drehbuch schrieb Dolan zusammen mit Michel Marc Bouchard, dem Autor des gleichnamigen Theaterstücks. Xavier Dolan selbst ist hier nicht nur als Regisseur und Drehbuchautor tätig, sondern auch als Produzent und Hauptdarsteller und zuständig für den Schnitt und die Kostüme. Dies ist sein vierter Spielfilm und wie man aus der Vergangenheit weiß, meistert er diese Aufgaben perfekt. Die Musik stammt von Gabriel Yared, der Kameramann war André Turpin.

Der Mittzwanziger Tom (Xavier Dolan) kommt aus Montreal nach Québec aufs Land, um an der Beerdigung seines Lebensgefährten Guillaume teilzunehmen. Auf dem Hof von Guillaumes Familie trifft er zunächst auf dessen Mutter Agathe (Lise Roy), die nichts von Tom weiß und anscheinend noch nicht einmal etwas von der Homosexualität ihres Sohnes wusste. Agathe lebt dort zusammen mit ihrem anderen Sohn Francis (Pierre-Yves Cardinal), dem älteren Bruder von Guillaume, den dieser aber nie erwähnt hat. Tom gibt sich Agathe gegenüber lediglich als Freund und Kollege Guillaumes aus und wird noch in der ersten Nacht von Francis brutal dazu genötigt, auch bei dieser Version zu bleiben.

Der Mutter wird weiter vorgelogen, Guillaume hätte eine feste Freundin gehabt, seine Kollegin Sarah (Evelyne Brochu), die aber natürlich nicht zur Trauerfeier erscheint. Agathe ist deswegen außer sich. Aus gutem Grund kann Tom seine geplante Trauerrede nicht halten, um sich nicht zu verraten. Agathe erweist sich als sehr verständnisvoll, während Francis zunehmend die Nerven verliert. Die Fassade soll erhalten werden und Tom wird gezwungen, seinen Aufenthalt auf der abgelegenen Farm zu verlängern. Er schlüpft sozusagen in die Rolle seines verstorbenen Geliebten und nimmt dessen Platz in der Familie ein. Doch unter der Oberfläche brodelt es gewaltig, denn Francis erweist sich immer mehr als brutaler Zeitgenosse, dessen Verhältnis zu Tom zwischen Ablehnung und Zuneigung schwankt.

Tom muss einiges einstecken, doch eine Flucht kommt für ihn zunächst noch nicht in Frage. Er findet Gefallen an dem Familien- und Landleben und scheinbar auch an den Erniedrigungen durch Francis. Die beiden Männer kommen sich gefährlich nahe, es entwickelt sich ein perfides Spiel zwischen ihnen. Doch dann erscheint die ahnungslose Sarah, von Tom herbeigerufen, und die Situation wird explosiv.

Francis hat inzwischen das Auto von Tom zerlegt, Agathe reagiert gereizt auf die gefühllose Freundin ihres verstorbenen Sohnes und Tom erfährt im Ort, warum Francis überall ausgegrenzt wird. Nun wird es höchste Zeit, die Farm zu verlassen.

Xavier Dolan hat diesen Film nach seinem vorherigen Drama "Laurence Anyways" als leichte Fingerübung für zwischendurch und in sehr kurzer Zeit gedreht. Herausgekommen ist erneut ein ausgesprochen sehenswerter und sehr spezieller Film, der den Zuschauer von Beginn an packt. Die Atmosphäre ist perfekt eingefangen, die Bilder der Landschaft um den Hof der Familie sind grandios. Bei aller Beschaulichkeit spürt man die latente Bedrohung in jedem Bild, auch wenn sie sich nicht wirklich fassen lässt.

Die Schauspieler sind exzellent, neben Xavier Dolan, der hier erneut sein Können zeigt, sind es vor allen Dingen Lise Roy als verzweifelte Mutter, die wohl mehr weiß, als sie zugibt, als auch Pierre-Yves Cardinal als brutaler und grobschlächtiger Bruder, die vollkommen überzeugen können. Sie alle sind wunderbar anzuschauen und verleihen ihren Rollen echtes Leben.

Die Bilder sind ebenfalls wunderbar, die Weite des Landes, die heftigen Auseinandersetzungen zwischen Tom und Francis, sowie ein Tango der beiden Männer in einer leeren Scheune. Mitunter reine Poesie, aber auch immer kraftvoll und irgendwie bedrohlich. Muss man selbst sehen, das kann man nicht in Worte fassen.

"Tom à la ferme" ist ein Film, den man sich nicht entgehen lassen sollte. Noch ein Wort zum Titel, überall wird der Film unter diesem auch vertrieben, sei es dann auch in der jeweiligen Landessprache, wie z. B. als "Tom at the Farm". In Deutschland läuft er aber als "Sag nicht, wer du bist!". Wieso eigentlich?  Soll das mehr Zuschauer anlocken? Ich finde diese Entscheidung ziemlich albern, den Film aber nicht, der ist sensationell. Ganz große Empfehlung.


Montag, 18. August 2014

Nordsee ist Mordsee

"Nordsee ist Mordsee" ist ein Film von Hark Bohm (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 1976.

In Hamburg-Wilhelmsburg lebt der 14-jährige Uwe (Uwe Bohm, damals noch Uwe Enkelmann) zusammen mit seinen Eltern in einer Hochhaussiedlung. Seine Mutter (Herma Koehn) ist Kassiererin in einem Supermarkt und sein Vater (Marquard Bohm) arbeitet im Hafen, ist meistens betrunken und dann auch gewalttätig. Die meisten Prügel muss Uwe einstecken, aber auch seine Mutter bleibt nicht davon verschont. Stark fühlt sich Uwe nur in seiner Clique, deren Anführer er ist. Hier verschafft er sich Respekt, knackt Automaten und gibt den großen Boss.

Die kleine Gruppe von großmäuligen Jungs und Mädchen hat Spaß daran, andere zu schikanieren, wie z. B. den gleichaltrigen Asiaten Dschingis (Dschingis Bowakow), der zusammen mit seiner Mutter (Katja Bowakow) ebenfalls in der Siedlung wohnt und nur als "Schlitzauge" bezeichnet wird. Er ist für die Gang ein willkommenes Opfer und wird ständig von ihnen drangsaliert.

Nachdem die Gruppe erfolgreich einen Geldspielautomaten geknackt hat, verschwindet Uwe mit den erbeuteten Münzen, um sich davon ein Springmesser zu kaufen. Den anderen erzählt er später, sein Vater hätte das Geld bei ihm entdeckt und einkassiert. Zur gleichen Zeit findet Uwe heraus, dass sich Dschingis ein Floß gebaut hat. Um von sich selbst abzulenken, lenkt er die Aufmerksamkeit der Bande auf das Floß, das von diesen daraufhin zerstört wird. Als Dschingis das bemerkt, geht er auf die Gruppe los, die schnell das Weite sucht. Uwe unterliegt Dschingis bei einem Zweikampf und wird von ihm gezwungen, das Floß zu reparieren.

Am nächsten Tag muss Uwe vor seiner Gang unbedingt wieder den starken Macker markieren, um seine Stellung nicht zu gefährden und klaut ein Auto. Die kurze Spritztour endet allerdings äußerst unsanft, da ihn die Polizei einsammelt und zu seinem Vater nach Hause bringt, der ihn gleich wieder verprügelt. Daraufhin verbündet sich Uwe mit Dschingis und beide wollen von zu Hause abhauen. Sie lassen das Floß zu Wasser, aber damit kommen sie nicht weit. Erst mit einem gestohlenen Segelboot schaffen sie es, auf der Elbe zu bestehen. Doch das ist noch nicht das Ende ihrer Reise, sondern erst der Anfang. Wie es weitergeht? Wer weiß das schon...

Was für ein toller Film, auch heute noch. Ganz ehrlich, der hat die Zeit sehr gut überdauert und fesselt immer noch. Eine schöne Geschichte über Freundschaft und Abenteuer, aber auch über die Kraft, Gegensätze zu überwinden und Freundschaften zu schließen, die man so nicht erwartet hätte. Davon kann man gerade in der heutigen Zeit oft nur träumen, leider.

Für Uwe Bohm war das der erste Film und der Beginn einer großartigen Karriere, sowohl beim Film, als auch beim Theater. Ich sehe ihn immer gerne, solche guten Darsteller wie ihn gibt es leider viel zu selten. Neben ihm glänzen vor allen Dingen der junge Dschingis Bowakow und Marquard Bohm, der Bruder von Hark Bohm, als brutaler Vater. Auf ihn werde ich demnächst noch näher eingehen. Hier ist er extrem fies dargestellt, was perfekt zur Rolle passt, aber da gab es noch andere Rollen, die ihn in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen.

"Nordsee ist Mordsee" ist auf jeden Fall ein Film, der auch heute noch sehr gut funktioniert, egal wie alt er ist. Meine Empfehlung: Unbedingt anschauen!

Montag, 28. Juli 2014

Wer mich liebt, nimmt den Zug

"Wer mich liebt, nimmt den Zug" - "Ceux qui m'aiment prendront le train" ist ein Film von Patrice Chéreau aus dem Jahr 1998. Das Drehbuch schrieb Chéreau zusammen mit Danièle Thompson und Pierre Trividic. Für die wunderbaren Bilder sorgte Kameramann Éric Gautier.

Der Pariser Maler Jean-Baptiste Emmerich (Jean-Louis Trintignant) ist im Alter von 70 Jahren gestorben. Begraben werden möchte er in seiner ungeliebten Heimatstadt Limoges und alle seine Freunde, Bekannten und Verwandten machen sich deshalb mit dem Zug auf den Weg, so wie es der Verstorbene gewünscht hat. Der Sarg mit seinen sterblichen Überresten wird von seinem ehemaligen Pfleger Thierry (Roschdy Zem) mit dem Auto dorthin überführt.

Während der Zugfahrt brechen zwischen den Reisenden diverse Konflikte auf, die teilweise schon jahrelang unter der Oberfläche schwelten und nun in der Enge des Zuges verstärkt ans Licht kommen. Es gibt Eifersüchteleien, Neid, Missgunst, Liebe und Hass, alles ganz nah beieinander, denn hier kann keiner dem anderen wirklich entkommen. Jean-Baptiste selbst hat durch seine exzentrische Art schon zu Lebzeiten für Unruhe und Unfrieden gesorgt, das scheint sich über seinen Tod hinaus zu bewahren. Nach der Beerdigung auf dem Friedhof von Limoges, der mehr "Einwohner" haben soll, als die Stadt selbst, treffen sich alle im Haus von Lucien (Jean-Louis Trintignant), dem Zwillingsbruder des Verstorbenen wieder und die verbalen Kämpfe gehen unvermittelt weiter.

Das Aufeinandertreffen dieser Menschen bringt viele Probleme ans Tageslicht. Beleidigungen und Verleumdungen werden ausgesprochen, es geht aber auch um unausgesprochene Liebe, Lügen, Enttäuschungen und Hoffnungen.

Da gibt es unter anderem das frisch getrennte Paar Claire (Valeria Bruni Tedeschi) und Jean-Marie (Charles Berling), das noch nicht endgültig miteinander fertig ist, sowie Francois (Pascal Greggory), der mit seinem jüngeren Geliebten Louis (Bruno Todeschini) anreist, welcher sich noch im Zug in den jungen Bruno (Sylvain Jacques) verguckt, der allerdings auch ein Geheimnis in sich trägt, bis hin zur geheimnisvollen Viviane (Vincent Perez), die im Haus auftaucht und für eine Überraschung sorgt.

Der Film ist mit großartiger Musik unterlegt und lebt vor allen Dingen von den fabelhaften Schauspielern, die diese rund 120 Minuten Film mit Leben erfüllen und dem Zuschauer ein intimes Kammerspiel der besonderen Art präsentieren. Der erste Teil spielt im Zug, dann ein Zwischenspiel auf dem Friedhof, bis zum letzten großen Akt im Familiensitz der Familie Emmerich. Trotz dieser zwei Stunden Laufzeit treten keine wirklichen Längen auf, wenn man sich auf den Film einlassen kann. Das ist aber wie üblich die Grundvoraussetzung, sonst wird das nichts. Hier wird eben hauptsächlich geredet, Action gibt es nicht. Ich vermute allerdings, es gibt genug Zuschauer, die das verstehen und auch zu schätzen wissen.

Ein wirklich großartiger Film von Patrice Chéreau, der sowohl beim Film, wie auch am Theater zu Hause war und der leider am 7. Oktober 2013 verstorben ist. Seine Filme sind brillant, wenn auch oft speziell, aber immer faszinierend. Sein früher Tod ist ein großer Verlust. Es wäre schön, wenn seine Werke auch hier in Deutschland einfacher zu bekommen wären, als immer nur über Importe. Dieser Film verfügt nur über die deutsche Synchronisation und die französische Originalfassung. Ich hätte den so gerne mit deutschen Untertiteln...

Wie auch immer, ganz große Empfehlung für einen grandiosen Film mit hinreißenden Schauspielern.


Samstag, 14. Juni 2014

Unter Feinden

"Unter Feinden" ist ein TV-Krimi von Lars Becker (Regie und Drehbuch) und basiert auf dem gleichnamigen Roman von Georg M. Oswald.

Erzählt wird die Geschichte der beiden Hamburger Hauptkommissare Mario Diller (Nicholas Ofczarek) und Erich Kessel (Fritz Karl), die seit zwanzig Jahren befreundet sind und zusammenarbeiten. Kessel kommt gerade erst aus der Entzugsklinik, aber sein Drogenproblem hat er immer noch nicht im Griff. Eigentlich sollen die beiden Kommissare einen libyschen Kriegsverbrecher observieren, als Kessel erneut von seiner Sucht übermannt wird. Er sieht ein paar junge Migranten, die auf dem benachbarten Basketball-Platz dealen und die er nach Stoff fragt.

Die Situation eskaliert, denn die jungen Männer erkennen sofort, einen Polizisten vor sich zu haben und geben sich unschuldig, woraufhin Kessel seine Waffe zückt und nur mit Mühe von dem herbeieilenden Diller zurückgehalten werden kann. Fluchtartig verlassen die beiden Polizisten den Basketball-Platz und stürmen in ihrem Auto davon. Als sich ihnen einer der jungen Männer provozierend in den Weg stellt, wird er von Kessel überfahren. Diller versucht die Nerven zu behalten und bringt den verletzten Mann eigenhändig ins Krankenhaus, verschwindet aber noch bevor man ihn entdecken kann.

Dillers Frau Maren (Birgit Minichmayr) arbeitet als Krankenschwester auf der Intensivstation dieses Krankenhauses und wird sich in den kommenden Tagen um den im Koma liegenden Patienten kümmern, ohne zu wissen, was ihr Mann mit diesem Fall zu tun hat. Diller und Kessel haben derweil die Staatsanwältin Soraya Nazari (Melika Foroutan) an der Backe, die in diesem Fall ermittelt und ziemlich hartnäckig ist. Diller tut wie immer alles, um seinen Kumpel zu schützen, aber der gerät immer mehr unter die Räder und in höchste Gefahr. Nebenbei müssen sich die beiden Kommissare aber auch noch um ihren eigentlichen Fall kümmern, was noch schwieriger wird, als eine wichtige Zeugin plötzlich "verschwindet".

Lars Becker zeigt Hamburg hier extrem grau, kalt und düster, was eine großartige Atmosphäre schafft für diesen sehr sehenswerten Krimi. Auch wenn die Handlung teilweise etwas überzogen und unglaubwürdig ist, die Dialoge sind brillant und die sehr guten Darsteller können so begeistern, dass man ihnen einfach alles abkauft. Absolut gelungen.

Die Hauptdarsteller in diesem Hamburg-Krimi sind übrigens alles österreichische Schauspieler und zwar nicht irgendwelche, sondern sozusagen die "Crème de la Crème" oder anders gesagt, "das Zitronencreme-Bällchen auf dem Kosakenzipfel". Mit Nicholas Ofczarek, Birgit Minichmayr und Fritz Karl ist der Film erstklassig besetzt und kann jederzeit überzeugen. Wie überaus angenehm, in einem Fernsehfilm mal solche Darsteller bewundern zu können. Ich muss hier ein bisschen ins Schwärmen geraten, aber die Leistungen der anderen Schauspieler schließen sich nahtlos an. Hier ist jeder perfekt besetzt.

Obwohl der Film für das Fernsehen produziert wurde, ist er nun auch auf DVD erhältlich, was ich sehr begrüße. Bitte unbedingt anschauen, ganz große Empfehlung.
 

Samstag, 17. Mai 2014

Atmen

"Atmen" ist ein Film von Karl Markovics (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 2011 und gleichzeitig sein Regiedebüt. Kameramann war hier Martin Gschlacht.

Die Hauptfigur ist der neunzehnjährige Roman Kogler (Thomas Schubert), der eine fünfjährige Haftstrafe in einer Jugendstrafanstalt verbüßt. Der schweigsame und scheue junge Mann steht kurz vor einer Anhörung, durch die er aus der Haft entlassen werden könnte, doch will er das auch wirklich? Der Zuschauer erfährt nur langsam, was eigentlich mit Roman los ist, warum er im Alter von nur vierzehn Jahren verurteilt wurde und wie seine Vorgeschichte ist. Man muss sich hier auf eine sehr ruhig erzählte Geschichte einlassen, die aber immer dichter wird, je mehr man über Romans Leben erfährt.

Romans Mutter (Karin Lischka) übergab ihren Sohn noch als Baby dem Jugendamt und verschwand aus seinem Leben. In Kinder- und Jugendheimen aufgewachsen, ohne eine feste Bezugsperson, ist aus Roman ein Einzelgänger geworden, der sich nicht in der Gesellschaft auskennt. Die Aussicht auf ein Leben in Freiheit macht ihm Angst. Sein Bewährungshelfer Walter Fakler (Gerhard Liebmann) fordert ihn auf, sich eine Anstellung zu besorgen. Mit wenig Interesse bewirbt er sich bei der Bestattung Wien und wird angenommen. Was nach einem völligen Fehlschlag klingt, wird für Roman die Chance seines Lebens, denn im Umgang mit den Toten und den zuerst noch unfreundlichen Kollegen, wird aus dem schüchternen jungen Mann ein freier Mensch, der sich endlich seiner Vergangenheit stellen kann.

Roman begibt sich auf die Suche nach seiner Mutter. Er will von ihr wissen, warum sie ihn weggegeben hat. Ihre Antworten auf seine Fragen machen Roman klar, was in seinem Leben falsch gelaufen ist und erklären sein Handeln. Endlich kann er verstehen was passiert ist, warum er manchmal keine Luft bekommt und mit diesem Wissen seine Zukunft planen.

Ich will hier nicht weiter ins Detail gehen, dazu ist der Film viel zu gut, das muss sich jeder interessierte Zuschauer selbst ansehen. In ruhigen und unaufgeregten Bildern erzählt Karl Markovics hier die Geschichte eines jungen Mannes, die zu Herzen geht und fesselt. Kameramann Martin Gschlacht findet dafür wunderbare Bilder, die unter die Haut gehen.

Der junge Thomas Schubert ist grandios in seiner Rolle, er spricht zwar kaum, aber er kann allein durch Blicke seiner Figur eine enorme Tiefe verleihen. Was für eine Leistung, sehr außergewöhnlich und bemerkenswert. Neben den anderen wirklich guten Darstellern möchte ich noch besonders den wie immer unvergleichlichen Georg Friedrich erwähnen, der hier als Arbeitskollege Rudolf Kienast erst ein ziemliches Ekel ist und sich später als wahrer Freund erweist. Niemand kann das so gut darstellen wie er.

Also wer auf Action verzichten kann und Lust auf einen sehr guten Film hat, bitte sehr. "Atmen" ist für mich einer der besten Filme der letzten Jahre und ein weiterer Beweis dafür, dass Österreich wirklich begnadete Filmemacher hat. Ganz große Empfehlung.

Sonntag, 11. Mai 2014

Les Salauds

"Les Salauds" - "Bastards" ist ein Film von Claire Denis aus dem Jahr 2013. Das Drehbuch schrieb Denis zusammen mit Jean-Pol Fargeau. Kamerafrau war hier erneut Agnès Godard und der fabelhafte Soundtrack stammt wie so oft von den "Tindersticks".

Marco Silvestri (Vincent Lindon) fährt als Kapitän über die Weltmeere, seine familiären Verbindungen hat er hinter sich gelassen. Da erreicht ihn ein dringender Anruf seiner Schwester Sandra (Julie Bataille) aus Paris. Ihr Mann Jacques (Laurent Grévill) hat sich das Leben genommen, der Familienbetrieb ist am Ende und ihre Tochter Justine (Lola Créton) liegt nach einem schweren sexuellen Missbrauch in der Klinik und spricht nicht mehr. Sandra beschuldigt den reichen Industriellen Edouard Laporte (Michel Subor) am Untergang des Familienunternehmens schuld zu sein, beweisen kann sie es aber nicht. Marco versucht erfolglos, sich ein Bild von den Umständen zu machen. Wohin er auch blickt, es wird alles immer schlimmer, als er es erwartet hatte.

Er mietet sich eine Wohnung in dem Haus, in dem auch Raphaëlle (Chiara Mastroianni), die aktuelle Geliebte des wesentlich älteren Laporte, mit ihrem kleinen Sohn lebt. Joseph ist der Sohn von Laporte und er und seine Mutter werden von diesem großzügig versorgt. Marco beginnt eine Affäre mit Raphaëlle, was Laporte natürlich nicht verborgen bleibt.

Um seine Schwester finanziell zu unterstützen, macht Marco alles zu Geld, was er besitzt, doch auch das reicht nicht, um wirklich zu helfen. Nach und nach bekommt Marco eine Ahnung, wie es tatsächlich um seine Familie steht, auch wenn Sandra sich immer noch sehr bedeckt hält und ihrem Bruder eine Mitschuld an der Tragödie gibt, weil er sich nicht um sie gekümmert hat.

Der sexuelle Missbrauch an Justine und ihre schweren Verletzungen davon ergeben langsam ein Bild, das man lieber nicht gesehen hätte. Eine alte Scheune auf dem Land bildet den Hintergrund für einen Sex-Ring, in dem neben der Familie von Marcos Schwester auch Laporte eine Rolle zu spielen scheint. Laporte selbst ist unangreifbar und hat für alles seine Leute, die die Drecksarbeit für ihn erledigen. Er weiß, wer Marco ist und dass dieser ihn für seine Taten verantwortlich machen will. Um ihn aufzuhalten, nimmt er Raphaëlle den Sohn weg, was zu einer weiteren Tragödie führt.

Dieser Film ist nichts für schwache Nerven, auch wenn er sehr leise und bedächtig daherkommt. Wer hier allerdings Action erwartet, der ist garantiert im falschen Film. Das Grauen entsteht im Kopf, während man die fabelhaften Bilder von Agnès Godard auf sich wirken lässt. Die Stimmung ist düster und bedrohlich, es wird nicht viel gesprochen und auch nicht alles erklärt, muss es aber auch gar nicht. Wenn mit den letzten, unter die Haut gehenden Bildern der Song "Put your love in me" von den "Tindersticks" einsetzt, schnappt man als Zuschauer automatisch nach Luft, weil man nicht glauben will, was man dort sieht. Der Film wirkt noch lange nach, ebenso wie der hypnotische Soundtrack.

Die Schauspieler sind exzellent, allen voran der fabelhafte Vincent Lindon als schweigsamer Rächer ohne wirklichen Plan, die schöne Chiara Mastroianni als Geliebte und der großartige Michel Subor als Verkörperung des Bösen. In den Nebenrollen tummeln sich mit Alex Descas und Grégoire Colin alte Bekannte aus früheren Filmen von Claire Denis, die wie immer sehr sehenswert sind.

Ein moderner Film Noir, dessen Bilder man nicht so schnell aus dem Kopf bekommt und damit meine ich nicht nur den Blick auf einen am Boden liegenden blutigen Maiskolben, der einen Schaudern lässt. Claire Denis gehört zu den besten französischen Regisseurinnen die es gibt, doch leider sind ihre Filme in Deutschland nicht so bekannt und auch nur schwer zu bekommen. "Les Salauds" habe ich mir in der französischen Originalfassung mit englischen Untertiteln auf DVD gekauft, ob er irgendwann auch mit deutschen Untertiteln zu haben sein wird, halte ich für fraglich. Schade, hier sperrt man das interessierte Publikum gleich wieder aus, bzw. überlässt es sich selbst, den Film irgendwie zu beschaffen. Mehr Aufmerksamkeit hätten die Filme von Claire Denis auf jeden Fall verdient. Ganz große Empfehlung.


Sonntag, 27. April 2014

Hedwig and the Angry Inch

"Hedwig and the Angry Inch" ist ein Film von John Cameron Mitchell (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 2001. Die Musik stammt von Stephen Trask. Mitchell war bereits seit 1994 mit den Arbeiten an "Hedwig" beschäftigt, ehe es im Jahr 1998 als Off-Broadway-Stück Premiere hatte und schon nach kurzer Zeit zum Erfolg wurde. Daraufhin entstand der Plan, den Stoff zu verfilmen, mit John Cameron Mitchell als Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller. Ein gewagtes Experiment, das hundertprozentig funktioniert hat.

Die Geschichte von Hedwig wird durch die zahlreichen und wirklich großartigen Rock-Songs erzählt, schließlich sind wir hier in einem Musical, wenn auch in einem sehr besonderen. Keine Angst vor dem Wort Musical, das hier ist etwas völlig anderes.

Die Titelfigur Hedwig (John Cameron Mitchell) ist als Hansel in Ost-Berlin aufgewachsen, wo er mit seiner Mutter (Alberta Watson) gelebt hat, nachdem diese sich von Hansels Vater getrennt hatte. Der erwachsene Hansel verliebt sich 1988 in den amerikanischen Sgt. Luther Robinson (Maurice Dean Wint), der ihn heiraten und mit in die Staaten nehmen will. Zuvor muss sich Hansel jedoch einer Geschlechtsumwandlung unterziehen, bei der allerdings einiges schief geht. Robinson heiratet Hansel, der sich jetzt Hedwig nennt, und nimmt ihn mit nach Amerika, trennt sich aber bald von ihm, vor allem wegen der missratenen Operation.

Hedwig sitzt allein und verlassen in einem Trailer-Park fest und sucht nach einer Aufgabe. Schließlich gründet sie eine Band, wird deren Sängerin und tourt durch das Land. Sie verliebt sich in den jungen Tommy (Michael Pitt), der ihr ihre Songs klaut und damit als Tommy Gnosis Karriere macht. Hedwig wird verbittert, muss von ihrer Managerin Phyllis Stein (Andrea Martin) davon abgehalten werden, Tommy auf Schritt und Tritt zu folgen und auch ihre neue Beziehung zu Yitzhak (Miriam Shor) steht unter keinem guten Stern. Doch das ist noch nicht das Ende der Geschichte...

"Hedwig and the Angry Inch" ist ein überaus erfolgreiches Musical, das immer wieder durch die Presse geht. In Deutschland hat z. B. Sven Ratzke damit großen Erfolg als Hedwig feiern können und aktuell steht Neil Patrick Harris als Hedwig in New York auf der Bühne. Zu meiner großen Schande muss ich gestehen, die DVD bereits seit zwei Jahren zu besitzen und irgendwie vergessen zu haben. Nun endlich habe ich den Film gesehen und bin total begeistert davon. Wie konnte ich dieses Juwel nur so lange ignorieren? Ein echtes Versäumnis.

Die DVD ist immer noch nur als Import zu bekommen, verfügt aber über englische Untertitel, das sollte also kein Problem darstellen. Als Bonus gibt es unter anderem eine ausführliche Dokumentation über die Entstehung von "Hedwig" als Bühnenstück und als Film, sowie die einzelnen Songs. Das alles ist sehr gut gelungen.

Ich gerate hier ins Schwärmen und möchte wirklich jedem diesen Film empfehlen, dabei habe ich noch gar nicht die herausragende Leistung von John Cameron Mitchell erwähnt, der hier unglaublich brillant vor und hinter der Kamera agiert und die Songs auch noch selbst singt. Er ist dabei nicht nur wunderschön anzuschauen, sondern trägt das ganze Stück allein. Jede Gefühlsregung kann man in seinem Gesicht ablesen, von glücklich bis traurig, alles ist perfekt eingefangen. Er ist hier der Star, aber der Rest der Besetzung ist ebenso sehenswert.

Also, ran an den Film und viel Spaß mit "Hedwig and the Angry Inch". Es lohnt sich. Und wer sich hier fragt, wer ist eigentlich Mann oder Frau? Wen interessiert das überhaupt? Genießt den Film und die Musik.

Sonntag, 20. April 2014

Cutter's Way

"Cutter's Way" ist ein Film von Ivan Passer aus dem Jahr 1981. Das Drehbuch stammt von Jeffrey Alan Fiskin und beruht auf dem Roman "Cutter and Bone" von Newton Thornburg.

Ein paar Worte vorweg: "Cutter's Way" ist ein ganz besonderer Film, den ich vor einigen Monaten das erste Mal gesehen habe und der mich seitdem nicht mehr losgelassen hat. Wenn man sich ein wenig in die Geschichte hinter dem Film einliest, dann kann man erfahren, dass ihm leider kein Erfolg beschieden war. Der Film hat seine Zeit und sein Publikum verfehlt, ist weitgehend unbekannt, wird aber unter Film-Fans als Geheimtipp gehandelt und das völlig zu Recht.

Die Handlung spielt in Santa Barbara. Hier lebt der attraktive, aber mittellose Richard Bone (Jeff Bridges), ein junger Mann um die Dreißig, in den Tag hinein. Tagsüber arbeitet er im Yachthafen, soll potenzielle Kunden für Segelboote interessieren, während er nachts als Gigolo reiche und gelangweilte Frauen trifft. Sein bester Freund ist Alex Cutter (John Heard), ein verbitterter und zynischer Vietnam-Veteran, der im Krieg ein Auge, einen Arm und ein Bein verloren hat. Cutter trinkt zuviel, ebenso wie seine Frau Maureen (Lisa Eichhorn), für die das Leben an der Seite ihres Mannes längst zur Qual geworden ist, der sie nichts mehr entgegenzusetzen hat. Richard, Alex und Maureen wohnen zusammen in einem Haus und Maureen ist beiden Männern in Liebe verbunden, was ihre Situation nicht einfacher macht. Nie würde sie ihren Mann verlassen und auch Richard könnte sich niemals aufraffen, seinem Freund die Frau auszuspannen. Sie alle sind einander ausgeliefert, bilden aber eine verschworene Gemeinschaft, die trotzdem irgendwie funktioniert.

Eines Nachts bleibt Richard mit seinem klapprigen Wagen in einer Seitenstraße liegen. Er bemerkt hinter sich ein anderes Fahrzeug und einen Mann mit Sonnenbrille, der etwas in einem Müllcontainer ablädt. Am nächsten Morgen wird dort die Leiche einer jungen Frau gefunden und Richard wird verhaftet, weil sein Auto immer noch dort steht. Er wird stundenlang verhört und schließlich freigelassen, gilt aber als wichtiger Zeuge.

In Santa Barbara wird gefeiert und es finden Paraden statt, die Richard zusammen mit Alex und Maureen besucht. Als der reiche Öl-Unternehmer J.J. Cord (Stephen Elliott) an Richard vorbeireitet, glaubt dieser, in ihm den verdächtigen Mann aus der letzten Nacht wiederzuerkennen. Das ruft seinen Freund Alex auf den Plan, der von nun an alles daran setzt, dem vermeintlich Schuldigen den Mord nachzuweisen. Wie besessen macht sich Alex an die Arbeit, Cord als Mörder der jungen Frau zu überführen. Der verbitterte Alex sucht ein Ventil, endlich jemanden büßen zu lassen, einen der reichen und erfolgreichen Männer, die sich selbst nie die Hände schmutzig machen und immer davon kommen, weil sie mit ihrem Vermögen unantastbar sind. Er will sich rächen, für all das was man ihm angetan hat. Zusammen mit Valerie Duran (Ann Dusenberry), der Schwester der ermordeten Frau, geht er auf einen Rachefeldzug, der alle ins Verderben stürzen wird.

An dieser Stelle eine kleine Warnung, wer auf leichte Unterhaltung steht, der sollte von diesem Film Abstand nehmen. Hier wird es einem nicht leicht gemacht, die Handlung ist sperrig und die Charaktere sind es auch. Wer sich aber darauf einlassen kann, der wird mit einem wunderbaren Film belohnt, der sich zwar nie so richtig greifen lässt, aber definitiv unter die Haut geht. Das liegt natürlich in erster Linie an der fantastischen Besetzung mit Jeff Bridges, der hier übrigens umwerfend gut aussieht, dem damals noch nahezu unbekannten John Heard, der seine Rolle großartig spielt und der fabelhaften Lisa Eichhorn. Dieses Trio trägt den ganzen Film und begeistert einfach und allein durch glaubhaftes Schauspiel. So müssen gute Filme sein und nicht anders.

Es ist eine Schande, dass dieses Juwel so unbekannt ist. Anfang der Achtziger Jahre war das Bombast-Kino angesagt (ist das heute anders?) und dieser Film hatte keine Chance. Die Zeit des "New Hollywood" war vorbei, genau da möchte ich ihn aber einordnen. Ein toller Film, der jeden Zuschauer verdient hat, eben ein Meisterwerk, wenn auch ein verkanntes.


Sonntag, 19. Januar 2014

Die Zeugen

"Die Zeugen" - "Les témoins" ist ein Film von André Téchiné aus dem Jahr 2007. Das Drehbuch schrieb Téchiné zusammen mit Laurent Guyot und Viviane Zingg.

Der hübsche junge Manu (Johan Libéreau) kommt im Sommer 1984 nach Paris, um seine ältere Schwester Julie (Julie Depardieu) zu besuchen, die angehende Opernsängerin ist und ein Zimmer in einem Stundenhotel bewohnt. Im Gegensatz zu seiner Schwester, die eher schüchtern und zurückhaltend ist, steckt Manu voller Leben und stürzt sich sogleich ins Nachtleben der Stadt und besucht die einschlägigen Cruising-Plätze. In einem Park lernt er den älteren Arzt Adrien (Michel Blanc) kennen, der auf der Suche nach hübschen jungen Männern ist. Zwischen ihnen entwickelt sich gleich eine besondere Freundschaft, die allerdings rein platonisch bleibt, sehr zu Adriens Bedauern.

Adrien verliebt sich auf der Stelle in Manu und beide verbringen viel Zeit miteinander. Zusammen besuchen sie Freunde von Adrien in ihrem Ferienhaus am Meer. Sarah (Emmanuelle Béart), eine Kinderbuchautorin, und ihr Mann Mehdi (Sami Bouajila), ein Inspektor bei der Sittenpolizei in Paris, sind gerade Eltern eines kleinen Jungen geworden und besonders Sarah kommt mit der neuen Situation nicht klar. Sie fühlt sich überfordert mit dem Kind, kann keine Beziehung zu ihm aufbauen und leidet zudem noch unter einer Schreibblockade.

Sarah und Mehdi führen eine offene Ehe. Sie lieben sich, aber sie gestatten sich gegenseitig Affären, um ihre Liebe am Leben zu erhalten. Völlig unerwartet beginnen Manu und Mehdi eine leidenschaftliche Affäre miteinander, die den anderen Beteiligten aber zunächst verborgen bleibt. Manu nimmt einen Job auf einem Campingplatz an, der außerhalb von Paris liegt. Hier wird er regelmäßig von Mehdi besucht, während Adrien sich in Paris in seine Arbeit stürzt, um über den Verlust von Manus Gesellschaft hinwegzukommen.

Adrien versucht sich mit anderen Bekanntschaften zu trösten, aber es klappt nicht. Als er Manu besucht, erzählt ihm dieser, sich mit Mehdi zu treffen. Adrien ist außer sich vor Wut, doch dann entdeckt er an Manus Oberkörper merkwürdige Flecken und lässt ihn untersuchen. Manu hat Aids, diese neue und noch weitgehend unbekannte Krankheit, die bereits zahlreiche Tote gefordert hat. Der immer schwächer werdende Manu zieht sich zurück und trifft Mehdi nicht mehr.

Als Mehdi von Manus Zustand erfährt überkommt ihn Panik. Er und Sarah lassen sich testen, doch erst durch Adrien erfährt Sarah die Wahrheit über Manu und Mehdi. Manu stirbt schließlich und Sarah verarbeitet seine Lebensgeschichte in einem Roman.

Adrien hat einen neuen jungen Freund, den Amerikaner Steve (Lorenzo Balducci), der ihn wieder zurück ins Leben holt. Julie wird Paris verlassen, um nach München zu gehen, wo gerade französische Sänger gesucht werden. Zum ersten Geburtstag von Sarahs und Mehdis Sohn besuchen Adrien und Steve die kleine Familie wieder in ihrem Haus am Meer. Vieles ist passiert im letzten Jahr, aber das Leben geht weiter...

Der Film ist in drei Kapitel aufgeteilt: "Die schöne Zeit - Sommer 1984", "Krieg - Winter 1984/1985" und "Wieder Sommer - 1985". In wirklich wunderschönen Bildern von Kameramann Julien Hirsch erzählt André Téchiné hier eine zu Herzen gehende Geschichte, die sehr berührend ist, aber nie kitschig oder deprimierend wird. Auch wenn der Tod und besonders die damals noch tödliche Krankheit im Mittelpunkt stehen, hier wird das Leben gefeiert. Das ist dem Regisseur extrem gut gelungen. Er verharmlost nichts, er zeigt vielmehr auf, wie Aids in das Leben der Menschen Einzug gehalten hat. Einige Kritiker könnten das ein bisschen zu seicht finden, aber das ist es ganz und gar nicht.

Bei der Besetzung hat André Téchiné ebenfalls ein sehr gutes Händchen gehabt, denn schon allein der junge Johan Libéreau ist eine wahre Offenbarung. Er ist absolut hinreißend und gewinnt mit seinem unglaublichen Lächeln sofort alle Herzen. An seiner Seite können aber Michel Blanc und Sami Bouajila ebenso überzeugen, die fabelhaft in ihren Rollen sind. Bei den weiblichen Darstellerinnen ist besonders Julie Depardieu zu erwähnen, die Manus Schwester verkörpert. Eine kleine, aber feine Rolle. Zu Emmanuelle Béart möchte ich mich hier nicht weiter äußern, ihre Schlauchbootlippen machen es mir unmöglich, sie als Schauspielerin ernst zu nehmen.

Insgesamt gesehen ein absolut empfehlenswerter Film, der gerade neu auf DVD erschienen ist und den man nicht verpassen sollte. Nur im Original mit deutschen Untertiteln, so wie es sein soll.


Samstag, 11. Januar 2014

Sorcerer

"Sorcerer" - "Atemlos vor Angst" ist ein Film von William Friedkin aus dem Jahr 1977. Das Drehbuch stammt von Walon Green und basiert auf dem Roman "Le salaire de la peur" von Georges Arnaud. William Friedkin hat diesen Film Henri-Georges Clouzot gewidmet, der den gleichen Stoff bereits 1953 verfilmt hat. Die Rechte für den Roman hatte immer noch Georges Arnaud, trotz der ersten Verfilmung durch Clouzot, doch Friedkin besuchte auch den schon schwer erkrankten Clouzot, um sein Einverständnis einzuholen.

Die Handlung ist zum großen Teil identisch mit der in Clouzots "Lohn der Angst", allerdings gelingt es Friedkin hier doch, einen völlig eigenständigen Film zu entwerfen. Er zeigt am Anfang die Vorgeschichte seiner vier Protagonisten, die in Vera Cruz, Jerusalem, Paris und New Jersey spielt. Alle vier haben Dreck am Stecken und müssen untertauchen. Sie alle landen in einem kleinen Ort irgendwo in Südamerika, haben kein Geld und keine Zukunft. Es muss schon ein Wunder geschehen, um von hier wieder verschwinden zu können.

Nach der Explosion auf einem Ölfeld, das nur mit einer gezielten Sprengung zu löschen ist, werden zuverlässige Männer gesucht, die eine Ladung Nitroglyzerin dorthin transportieren können. Es ist eine heikle Aufgabe, denn der Sprengstoff wurde falsch gelagert und kann bei der kleinsten Erschütterung hochgehen. Die Fahrer müssen gut zweihundert Meilen mit der gefährlichen Fracht überstehen. Es wird eine Höllentour, denn Straßen gibt es hier nicht wirklich und der Dschungel steckt zudem voller Überraschungen.

Die vier Männer, die sich mit zwei Lastkraftwagen auf den Weg machen, sind Dominguez (Roy Scheider), Nilo (Francisco Rabal), Serrano (Bruno Crémer) und Martinez (Amidou). Als Lohn winken ihnen viel Geld und neue Pässe, also ein neues Leben, falls sie den Auftrag erfolgreich ausführen können.

Der Alptraum beginnt. Mit selbst zusammengebauten Lastkraftwagen, die aussehen als hätte ein Monster sie gefressen und wieder ausgespuckt, machen sich die vier Männer auf den Weg durch den Dschungel. Die Wege sind brüchig und voller Gefahren und die Straßenkarte erweist sich als nutzlos. Die Nerven liegen blank und die Angst ist spürbar. Den Höhepunkt bildet die Überquerung einer schwankenden und brüchigen Hängebrücke während eines Unwetters. Das ist nervenzerfetzend bis zum Umfallen und mit Abstand das gruseligste, das ich bisher gesehen habe.

Doch damit hören die Schwierigkeiten nicht auf, denn plötzlich liegen auch noch etliche Bäume im Weg, die nicht einfach nur so weggeschafft werden können. Blanke Verzweiflung, trotziger Mut und unbedingte Entschlossenheit treiben die Männer voran, die auf gar keinen Fall aufgeben wollen. Doch auch hier überlebt nur einer der Männer (Roy Scheider) und kann den Sprengstoff übergeben. Wieder zurück im Dorf wartet auf ihn aber eine ganz andere Überraschung...

Was für ein genialer Film, den leider kaum jemand kennt, weil er seinerzeit ein Flop war. Zur falschen Zeit erschienen, als niemand dieses düstere Meisterwerk sehen wollte. Die DVD ist bisher nur als Import zu bekommen, aber es soll irgendwann eine Neuveröffentlichung geben, habe ich jedenfalls gelesen. Das Original geht rund 120 Minuten, die deutsche Fassung jedoch nur etwa 88 Minuten. Die Import-DVD hat die originale Fassung mit der gesamten Länge.

Wünschenswert wäre eine Fassung mit deutschen Untertiteln, obwohl gar nicht so viel gesprochen wird, es ist auch so gut verständlich, und ein paar Extras zum Film. Friedkins Kommentar dazu wäre natürlich sehr zu begrüßen.

Wie auch immer, der Film ist toll und absolut sehenswert. Es gibt viele sensationelle Szenen, wie z. B. am Ende, wenn Roy Scheider wie in einem Fiebertraum in der Gegend umherirrt "Where am I goin'". Besonders erwähnenswert ist auch die hypnotische Musik von Tangerine Dream, die den Film perfekt untermalt.

Es ist wirklich schade, dass dieser fabelhafte Film so unbekannt ist. William Friedkin ist einer der besten Regisseure aller Zeiten und auch dieses Werk sollte endlich entsprechend gewürdigt werden. Zudem hat er hier mit Roy Scheider und Bruno Crémer zwei überragende Darsteller gefunden, die das Publikum in ihren Bann ziehen. Sehr gelungen.

Sonntag, 5. Januar 2014

Oslo, 31. August

"Oslo, 31. August" ist ein Film von Joachim Trier aus dem Jahr 2011. Das Drehbuch schrieb Trier zusammen mit Eskil Vogt und beruht auf dem Roman "Le feu follet" von Pierre Drieu La Rochelle.

Gezeigt werden die letzten 24 Stunden im Leben von Anders (Anders Danielsen Lie), der eigentlich in zwei Wochen aus der Entzugsklinik entlassen werden soll, wo er längere Zeit wegen seiner Drogenabhängigkeit verbracht hat. Nun gilt er als geheilt und soll wieder auf eigenen Füßen stehen, aber Anders weiß, dass ihm dazu die Kraft und die Motivation fehlen.

Seine erste Nacht außerhalb der Klinik hat er mit einer Freundin von früher verbracht, aber nichts dabei empfunden, wie er später seinem Freund Thomas (Hans Olav Brenner) berichten wird. Anders fährt nach Oslo, weil er dort ein Vorstellungsgespräch hat. Zuvor jedoch besucht er seinen alten Freund Thomas, der mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern ein ganz normal bürgerliches Leben führt. Anders deutet an, nicht zu wissen, wie es weitergehen soll, aber Thomas reagiert darauf nur mit den üblichen Floskeln. Später gesteht aber auch er, sich sein Leben anders vorgestellt zu haben.

Das Vorstellungsgespräch bei einer Zeitung bricht Anders ab, als ihn der Redakteur nach den fehlenden Jahren in seinem Lebenslauf fragt, den Jahren, in denen Anders abhängig war und gedealt hat. Zu dem verabredeten Treffen mit seiner Schwester erscheint nur deren Freundin, die mit Ausflüchten ankommt und erst im Laufe des Gesprächs zugibt, dass seine Schwester Angst vor dem Treffen hatte. Sie gibt ihm die Schlüssel für das Haus der Eltern, welches verkauft werden soll.

Am Abend geht Anders auf eine Party, wo er einige Bekannte aus früheren Zeiten trifft. Er kann jedoch mit ihnen und ihrem Leben nichts anfangen, sie aber auch nicht mit ihm. Am Ende führt ihn sein Weg zu seinem früheren Dealer, bei dem er sich Stoff besorgt. Ein kurzer Besuch in einem Club und eine Begegnung mit einer jungen Studentin können Anders aber nicht mehr von seinem ursprünglichen Vorhaben abbringen. Konsequent bringt er das zu Ende, was er schon den ganzen Tag über vorhatte.

"Ich bin 34 und habe nichts" hatte er noch am Vormittag zu Thomas gesagt, der konnte aber die Trauer und Verzweiflung in diesen Worten nicht verstehen. Für Anders jedoch, der mit seinem Leben innerlich schon abgeschlossen hatte, war es der letzte Versuch, verstanden zu werden.

Der Film geht definitiv unter die Haut und das liegt in erster Linie an Anders Danielsen Lie, der so beeindruckend seine Rolle verkörpert, dass man als Zuschauer automatisch den Atem anhält. Sein verlorener Blick drückt den ganzen inneren Schmerz aus, der ihn blockiert und nicht mehr loslässt. Eine grandiose Leistung.

Louis Malle hat dieses Thema bereits 1963 unter dem Titel "Le feu follet" - "Das Irrlicht" verfilmt, mit Maurice Ronet in der Hauptrolle. Ich kann beide Filme nur sehr empfehlen, man muss sich aber darauf einlassen können. Es wird traurig und deprimierend, aber wichtig und sehenswert ist es auf jeden Fall. Joachim Trier hat einen Film geschaffen, der einen nicht kaltlässt und mit Anders Danielsen Lie den perfekten Darsteller gefunden. Ganz große Empfehlung.


Mittwoch, 25. Dezember 2013

Cruising

"Cruising" ist ein Film von William Friedkin (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 1980 und basiert auf einem Roman von Gerald Walker. Die Dreharbeiten fanden 1979 statt, es war die Zeit vor Aids, der Krankheit, die alles verändern sollte.

In der schwulen Lederszene von New York geht ein Serienkiller um, deshalb beauftragt Captain Edelson (Paul Sorvino) den Polizisten Steve Burns (Al Pacino) als Undercover-Cop zu ermitteln, weil er äußerlich gut in das Beute-Schema des Täters passt. Der heterosexuelle Burns hat keine Ahnung, worauf er sich bei dieser Sache einlässt, aber die Aussicht auf eine schnelle Beförderung beflügelt ihn. Seiner Freundin Nancy (Karen Allen) darf er nichts von seinem Auftrag erzählen und er erscheint auch nur noch selten bei ihr.

Burns taucht nun ab in eine Welt, die ihm völlig fremd ist. Nur langsam macht er sich vertraut mit den Dingen, die ihm dort in den Clubs begegnen. Die Suche nach dem möglichen Serien-Killer wird für ihn auch eine Suche nach sich selbst, denn mehr und mehr verliert er die Kontrolle über sein bisheriges Leben und muss sich fragen, wie und wo er seine Leidenschaft ausleben kann.

Eine Antwort darauf liefert der Film nicht, ebenso wenig wer denn nun der tatsächliche Mörder ist. Das alles lässt William Friedkin in der Schwebe hängen und alle Möglichkeiten offen. Tatsächlich liefert der Film mehr Fragen als Antworten, was durchaus so gewollt war. Ich empfehle übrigens ausdrücklich die Extras auf der DVD anzuschauen, denn hier erfährt man sehr viel über die Entstehungsgeschichte von "Cruising", den Protest der schwulen Community, die Behinderungen der Dreharbeiten und noch vieles mehr. Diese Extras sind 2007 entstanden und beinhalten zahlreiche Interviews mit den Schauspielern und natürlich mit Regisseur William Friedkin. Von ihm stammt auch der sehr gute Audio-Kommentar, den man ebenfalls nicht verpassen sollte.

"Cruising" ist bis heute sehr umstritten, entweder man liebt ihn oder man hasst ihn. Friedkin ging damals als Vorbereitung auf seinen Film in diese Clubs und hat gefilmt, was ihm vor die Linse kam. Auch bei den diversen Themen-Nächten war er dabei. Wenn er im Audio-Kommentar darüber berichtet, selbst im Jockstrap dort aufgetaucht zu sein und sich für den hässlichsten Mann im ganzen Club gehalten zu haben, dann fällt man vor Lachen fast vom Stuhl. Eine herrliche Vorstellung.

Neben Al Pacino, der hier sehr zurückgenommen spielt und sich nie in die Karten sehen lässt, welche Gefühle und Gedanken er nun wirklich hat, gibt es noch eine ganze Reihe von Darstellern, die den Film sehenswert machen. Da wären z. B. der wunderbare Paul Sorvino oder auch Richard Cox, Don Scardino, James Remar, Gene Davis, William Russ und natürlich Karen Allen, die einzige Frau im Team.

Ich persönlich halte "Cruising" für ein Meisterwerk und kann ihn immer wieder sehen, die Faszination ist ungebrochen. Ganz große Empfehlung.