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Samstag, 29. Oktober 2011

The Advocate for Fagdom

"The Advocate for Fagdom" ist ein Film von Angélique Bosio aus dem Jahr 2011 und beschäftigt sich mit dem Werk von Bruce LaBruce.

Der kanadische Filmemacher Bruce LaBruce (Jahrgang 1964) gilt als Begründer der Queercore-Bewegung, auch wenn anscheinend niemand mehr genau erklären kann, was damit eigentlich gemeint ist und wann dieser Begriff erstmals aufgetaucht ist. Egal, denn auch in seinen Werken ist vieles nicht zu erklären, muss es aber auch nicht, weil er die Bilder für sich sprechen lässt. Entweder man kann damit etwas anfangen oder eben nicht. LaBruce ist das "Enfant Terrible" für alle die sich nicht trauen, das Wort "Sex" auszusprechen und ihm geht es dabei hauptsächlich auch noch um schwulen Sex. An dieser Stelle darf das amerikanische Publikum gesammelt in Ohnmacht fallen, während der Meister sich bestens amüsiert.

Bruce LaBruce provoziert in seinen Filmen mit leichter Hand und er ist dabei auch noch politisch hübsch unkorrekt. So verknüpft er beispielsweise Gay-Porno mit politischen Aussagen, lässt Zombies durch die Welt taumeln und Leben retten und noch so einiges mehr. Ich vermute allerdings, dass die meisten Leute, die sich über seine Arbeiten beschweren, diese höchstwahrscheinlich gar nicht kennen. Ist ja auch alles Geschmackssache, nicht jeder muss das gut finden, aber zu verteufeln gibt es hier eben nichts.

Viele Weggefährten kommen hier zu Wort und es gibt jede Menge Geschichten über LaBruce zu erzählen. Unter anderem berichten Gus Van Sant, Bruce Benderson, Rick Castro, Jürgen Brüning, Jey Crisfar, Francois Sagat, Harmony Korine, John Waters, Susanne Sachsse und Antonio Ramirez Ortega von ihren Begegnungen und Arbeiten mit Bruce LaBruce und das ist sehr unterhaltsam.

Rick Castro berichtet beispielsweise von der Premiere von "Hustler White" und davon, wie die Menschen während der Vorstellung aus dem Kino stürmten. Die fabelhafte Susanne Sachsse, die in "The Raspberry Reich" und in "Otto; or, Up with Dead People" mitgespielt hat, bekommt hier die Gelegenheit, einige sehr kluge Dinge sagen zu können. Sie wurde damals übrigens von ihrer Agentur gefeuert, nachdem sie bei LaBruce zugesagt hat. Da verkneife ich mir jetzt mal jeden Kommentar und schüttel einfach nur den Kopf.

Wer die Filme von Bruce LaBruce noch nicht kennt, der sollte das schnellstens nachholen. Wer sein Werk schon kennt, der wird sich über die vielen Ausschnitte und wunderbaren Interviews freuen und sicher mal wieder den einen oder anderen Film anschauen wollen. Es lohnt sich in jedem Fall.

Insgesamt gesehen eine wundervolle und sehr verdiente Würdigung eines herausragenden Künstlers und eines der interessantesten Filmemachers unserer Zeit. Bruce LaBruce selbst entpuppt sich dabei als ausgesprochen sympathisch und sehr humorvoll, es muss also niemand Angst vor ihm haben, im Gegenteil. Ich liebe seine Filme und ich finde diese Dokumentation sehr gelungen. Ganz große Empfehlung.
 

Dienstag, 12. April 2011

L. A. Zombie

"L. A. Zombie" ist ein Film von Bruce LaBruce (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 2010.

Kleine Warnung vorweg: Besonders empfindsame Gemüter sollten hier lieber nicht weiterlesen oder sich wenigstens anschließend nicht beschweren.

Den viel diskutierten Film von Bruce LaBruce gibt es in einer geschnittenen Softcore-Version (ca. 63 Minuten) und in einer Hardcore-Version (ca. 103 Minuten), die vom Berliner Porno-Label "Wurstfilm" vertrieben werden. Ich habe mich für die Hardcore-Version entschieden und war angenehm überrascht, dass mein DVD-Verleih den überhaupt im Angebot hat, was ich sehr lobenswert finde.

Also ran an die Handlung, wobei "Handlung" hier schwer zu definieren ist, immerhin handelt es sich hierbei um einen Gay-Porno. Ein merkwürdiger Zombie (Francois Sagat) läuft durch Los Angeles und begegnet dabei diversen Unfall- und Mordopfern, die er auf ebenso merkwürdige Weise mit seinem schwarzen Ejakulat und Sex zurück ins Leben befördert. Gezeigt wird dabei viel Blut, Dreck und nackte Haut, aber wie immer bei LaBruce eben auch viel Ironie und Satire. Der Film kommt ohne nennenswerte Dialoge aus, ist aber durchgehend mit Musik unterlegt.

Francois Sagat wechselt hier mehrfach die Erscheinungsform. Ist er jetzt wirklich ein Zombie oder doch nur ein extrem gut gebauter Obdachloser mit Knackarsch und zerrissenen Klamotten? Wenn er die Toten durch Penetration zurück ins Leben holt, egal in welche Körperöffnung, dann ist das schon fast zärtlich dargestellt. Ist er vielleicht ein Retter der Menschheit? In seiner Darstellung ist er jedenfalls schon beinahe rührend, das gibt dem Film noch eine besondere Note. Gegen Ende gibt es noch eine nette kleine Orgie mit ein paar muskelbepackten und tätowierten Kerlen, die dann von Drogendealern niedergemetzelt werden und anschließend von unserem Zombie gerettet werden müssen. Ja, er hat viel zu tun.

Zum Schluss landet unser Freund auf einem Friedhof - mit Friedhöfen hat es LaBruce nun mal - und schaufelt sich ein Grab, während blutige Tränen aus seinen Augen laufen. Es scheint, als würde die Gewalt auf den Straßen ihn ohnmächtig machen und er würde deswegen kapitulieren. Das kann natürlich jeder sehen wie er will, ich habe es jedenfalls so empfunden.

Meiner Meinung nach ist dieser Film mal wieder ein schöner Arschtritt für den guten Geschmack und ich fand ihn ziemlich lustig. Warum auch nicht, schließlich werden hier keine Köpfe abgeschlagen, keine Frauen verprügelt und auch keine Kinder misshandelt. Hier haben ein paar Männer Sex miteinander, mehr ist nicht, na und? Kein Grund zu verspannen, ich glaube die hatten alle viel Spaß dabei und das sollte der Zuschauer auch haben, wo ist denn da das Problem? Den großen Skandal sehe ich nämlich nicht und die Szenen sind viel weniger eklig, als ich erwartet habe, trotzdem wird der Film wohl hauptsächlich für Fans von Bruce LaBruce interessant sein, die schon wissen werden, was sie damit anfangen können. Nebenbei bemerkt, ich habe mir kürzlich "Eat, Pray, Love" mit Julia Roberts angesehen und den fand ich weitaus gruseliger als diesen Film. Geschmäcker sind halt verschieden.

Auf jeden Fall kann ich "L. A. Zombie" allen Fans von Bruce LaBruce uneingeschränkt ans Herz legen, schon allein wegen Francois Sagat, der wirklich sehenswert ist und reichlich Gelegenheit hat sich nackt zu zeigen, aber auch sonst ist dieser Film durchaus empfehlenswert. Man muss sich nur trauen und die endlosen drögen Diskussionen einfach ignorieren. Bruce LaBruce hat hier einen gewohnt schrägen und schwulen Zombie-Porno geschaffen, den man sich nicht entgehen lassen sollte. Wie schon in "Otto; or, Up with Dead People" ist der Hauptdarsteller auch hier sehr ambivalent gezeichnet und lässt sich nicht entschlüsseln, was ich aber eher reizvoll finde. Muss denn immer alles erklärt werden? Ich hatte jedenfalls Spaß an dem Film und finde ihn gut gelungen. Ein echter LaBruce eben.

Sonntag, 6. März 2011

Skin Flick

"Skin Flick" ist ein Film von Bruce LaBruce (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 1999. Entstanden ist der Film bei CAZZO Film Berlin und es gibt neben der regulär erhältlichen Fassung (FSK 18) noch eine erweiterte Hardcore-Version, die als "Skin Gang" vertrieben wird.

Es geht um eine kleine Gruppe von Neonazi-Skinheads in London, ihren ganz normalen "Alltag" und ihren Umgang miteinander. All das wird von Bruce LaBruce mit leichter Hand und viel Ironie gezeichnet und gleichzeitig zerlegt. Dadurch nimmt er ihnen den Schrecken, den sie sonst verbreiten und das Unbehagen, das den Zuschauer leicht bei manchen Szenen befallen könnte. Er zeigt seine Protagonisten Dieter, Dirk, Reinhold, Wolfgang und Manfred in ihrem alltäglichen Umfeld, lässt sie sich prügeln, aber gleichzeitig auch zärtlich miteinander sein. Da ist LaBruce wieder ganz in seinem Element, alle Achtung.

Um an Geld zu kommen, überfallen die fünf ein schwules Paar, Karl und Leroy. Sie brechen in die Wohnung ein, rauben die beiden aus und noch so einiges mehr. Zum weiteren Ablauf werde ich mich hier nicht weiter äußern, das sollte sich der interessierte Zuschauer lieber selbst anschauen.

Wir haben es hier natürlich wieder mit einem Gay-Porno zu tun, wobei der Porno in diesem Film definitiv im Mittelpunkt ist, was aber nicht weiter wundert, wenn der Film bei CAZZO entstanden ist. Diese waghalsige Kombination von Neonazis, Faschismus, Homosexualität und Pornografie, das bringt wirklich nur Bruce LaBruce fertig. Ich habe mir diesen Film bereits vor ein paar Wochen einmal angesehen und habe mich angesichts der Thematik zuerst doch ein wenig unwohl gefühlt. Inzwischen habe ich mich aber intensiver mit dem Werk von Bruce LaBruce beschäftigt und der Film fand erneut den Weg in den DVD-Player. Doch auch wenn er mir jetzt besser gefallen hat, so sind mir trotzdem die anderen Filme von LaBruce einfach wesentlich lieber und auch näher.

Insgesamt gesehen ein weiterer provozierender Film vom Meister LaBruce, dem nichts heilig ist und der mit großer Freude Themen zusammen auf die Leinwand bringt, die andere sich eben nicht einmal zu denken trauen. Für diesen Mut und für diese Offenheit muss man ihn einfach lieben und seine Filme selbstverständlich auch. Ohne mutige Filmemacher wie Bruce LaBruce, die konsequent ihren Weg gehen, ohne auf bestehende Konventionen zu achten, wäre die Welt ein ganzes Stück ärmer. Gut, dass es ihn gibt.

Nachtrag: Die Hardcore-Version "Skin Gang" ist gut 30 Minuten länger als die Softcore-Version. Ich habe mir beide Versionen angeschaut und mir hat die längere Fassung besser gefallen. Irgendwie passt hier alles besser zueinander und die Skinheads verlieren hier auch ihren Schrecken. Letztendlich ist es ein Gay-Porno, der sich durchaus sehen lassen kann.
 

Donnerstag, 3. März 2011

Super 8 1/2

"Super 8 1/2" ist ein Film von Bruce LaBruce, der hier wieder für Regie und Drehbuch verantwortlich ist und gleichzeitig die Rolle des Hauptdarstellers spielt, aus dem Jahr 1994.

Hauptfigur ist der ausgebrannte Ex-Pornostar Bruce, dessen Schicksal hier im Stil einer Dokumentation (a cautionary Bio-Pic) erzählt wird. Er trifft auf die Avantgarde-Filmemacherin Googie (Stacy Friedrich), die einen Film über ihn drehen will. Bruce erhofft sich davon ein Comeback in der Szene, aber Googie nutzt ihn und diesen Film nur aus, um dadurch Geld für ein anderes Projekt zu bekommen. Überhaupt nutzt in diesem Film scheinbar jeder den anderen nur aus, um selbst einen Vorteil daraus zu ziehen.

Bruce erzählt aus seinem Leben, von den Filmen, in denen er mitgewirkt hat und dazu laufen Ausschnitte daraus im Hintergrund, oft nur in sehr schlechter Qualität, was allerdings auch so gewollt ist. Bei einigen Filmen hat er sogar selbst Regie geführt und verklärt diese Werke im Nachhinein zu wahren Kunstwerken im Stile eines Andy Warhol. Bei einer Pressekonferenz zu der fertigen Dokumentation sitzt er dann in bester Warhol-Attitüde und mit blonden Haaren vor den Journalisten und antwortet nur gelangweilt und sehr egozentrisch auf die Fragen. Die Presse ist allerdings weniger an ihm, sondern eher an Googie interessiert, was sehr schmerzlich gezeigt wird. Er sitzt später nur noch teilnahmslos am Rande.

Das tägliche Leben von Bruce besteht nur noch aus Nichtstun, Verzweiflung und Alkohol und das geplante Comeback bleibt nur ein Traum. Als ihn dann auch noch sein junger Freund, der Stricher und Pornodarsteller Pierce (Klaus von Bücker) verlässt, bricht Bruce völlig zusammen und landet schließlich in der Klapsmühle.

Auch dieser Film von Bruce LaBruce ist wieder äußerst sehenswert und schön schräg geworden. Mit ca. 100 Minuten Laufzeit ist er vielleicht einen Tick zu lang geraten, denn einige Nebenhandlungen hätten durchaus etwas gekürzt werden können, z. B. die beiden lesbischen Schwestern, die ebenfalls in Googies Filmen auftauchen. Die sind zwar auch toll dargestellt, für den Film aber eigentlich nicht wichtig und so zieht sich das alles ein wenig in die Länge. Macht aber nichts, denn LaBruce ist hier wieder ganz in seinem Element, nimmt nichts wirklich ernst und zieht alles gnadenlos durch den Kakao. In seinen Filmen steckt auch immer ganz viel Satire, das zeigt sich hier wieder sehr deutlich. Der Film ist natürlich auch wieder eine Low Budget-Produktion und in schwarzweiß gedreht.

Bruce LaBruce selbst ist wieder einmal göttlich anzuschauen in seiner Darstellung des kaputten Pornostars, den er wunderbar verkörpert in all seiner Eitelkeit und Egomanie und seiner Hilflosigkeit, mit der Situation in der er sich befindet umzugehen. Dazu gibt es wieder jede Menge Sex- und Blowjob-Szenen, bei denen die Kamera jedes Mal voll drauf hält, also nichts für zartbesaitete Zuschauer. Für die ist der Film aber sowieso nicht gedacht. Alle anderen, die wie ich die Filme von Bruce LaBruce schätzen, werden auch diesen lieben. Ob vor oder hinter der Kamera, der Mann ist einfach genial und seine Filme sind extrem bemerkenswert. Ganz große Empfehlung deshalb wieder von mir und wie immer nicht für jeden Geschmack geeignet.

Mittwoch, 2. März 2011

No Skin Off My Ass

"No Skin Of My Ass" ist ein Film von Bruce LaBruce (Regie, Drehbuch und Kameramitarbeit) aus dem Jahr 1991 und sein erster Langfilm.

Er erzählt die Geschichte eines Friseurs (ebenfalls Bruce LaBruce), der einen jungen und frierenden Skinhead (Klaus von Bücker) im Park aufliest und ihn mit zu sich nach Hause nimmt. Vorher hatte er sich Robert Altmans Film "That Cold Day in the Park" im Fernsehen angeschaut und anschließend einen Spaziergang unternommen, bei dem er den jungen Skin entdeckt hatte. Der Junge redet nicht und wird von dem Friseur in die Badewanne gesteckt und gewaschen, während er quasi ein Selbstgespräch führt.

Es stellt sich heraus, dass der Friseur sich mit dem Thema "Skinheads" ausführlich beschäftigt hat, was hier zweifellos einen gewissen sexuellen Fetischismus darstellt. Ihn interessiert hauptsächlich der ästhetische Gesichtspunkt, der sich in der Kleidung, den Stiefeln und dem kurzen Haarschnitt ausdrückt.

Nach dem Bad führt er den Skinhead in ein Zimmer und schließt ihn dort ein. Er will das Objekt seiner Begierde bei sich behalten. Der Junge kann aber unerkannt entkommen und taucht bei seiner lesbischen Schwester auf, die gerade dabei ist einen Film zu drehen. Zusammen mit ihren Freundinnen plant sie ein für sie wichtiges und revolutionäres Projekt. Ihr Bruder wird dabei mit vor die Kamera gezerrt, muss sich ausziehen und soll die Frauen anmachen, die aber so rein gar nicht an ihm interessiert sind. Er muss sich selbst eingestehen, dass er eigentlich zum Friseur zurück will und so führt ihn sein Weg wieder dorthin. Seine Schwester macht ihm letztendlich klar, dass er doch im Grunde jemanden sucht, den er lieben kann und dass der Friseur genau diese Person ist. Also können die beiden Männer sich endlich ihre Liebe eingestehen, haben sie doch nun das gefunden, wonach sie gesucht haben.

Ich gebe es offen zu, ich habe eine Schwäche für die Filme von Bruce LaBruce und je mehr ich davon sehe, umso mehr mag ich sie. Gut gemachte und ambitionierte Werke von Filmemachern, die den Mainstream ignorieren und voll hinter ihren Werken stehen, lassen mein Herz eben höher schlagen. So auch diese kleine Low Budget-Produktion, die gerade mal 70 Minuten lang ist und in schwarzweiß gedreht wurde. Natürlich ist die Optik nicht toll, aber das gehört einfach dazu. Aufgemacht ist das alles fast wie ein Stummfilm, der natürlich mit Musik unterlegt ist, aber die Dialoge werden aus dem Off gesprochen und vermitteln das Gefühl, als würde man von Texttafeln ablesen, was durch die Einblendung der Untertitel noch unterstrichen wird. Ich finde das sehr gelungen, das gibt dem Film eine ganz besondere Note.

Die Laiendarsteller wirken überaus authentisch und Bruce LaBruce selbst ist auch immer sehenswert. Wie in seinen späteren Werken ist auch hier schon alles schön politisch unkorrekt, es wird viel gequalmt, die - selbstverständlich - lesbischen Frauenfiguren sind mal wieder mit dem Filmemachen und großen Zielen beschäftigt, während die schwulen Männer sich hauptsächlich mit sich selbst und miteinander beschäftigen. Ja, es gibt auch wieder viel nackte Haut zu sehen und reichlich Sex, wobei LaBruce auch deutlich zeigt, dass er keine Scheu hat, sich selbst vor der Kamera zu präsentieren. Braucht er auch nicht, er geht durchaus als optischer Leckerbissen durch, wenn ich das mal so sagen darf.

Das "New Queer Cinema" ist eindeutig sein Bereich und hier tobt er sich auch richtig aus, was man nur begrüßen kann. Seine Filme scheren sich nicht im Geringsten um irgendwelche Konventionen und das ist absolut lobenswert. Filmemacher wie Bruce LaBruce machen keine Filme für jeden Geschmack und das soll mal wieder eine ganz klare Empfehlung sein.

Kleine Anmerkung am Rande: Der Film hat natürlich keine Jugendfreigabe und ist auch nur etwas schwer zu bekommen. Besonderen Dank deshalb an den "Männerschwarm"-Laden in Hamburg, der die DVD des Berliner Wurstfilm-Labels vorrätig hatte.

Dienstag, 8. Februar 2011

Hustler White

"Hustler White" ist ein Film von Bruce LaBruce und Rick Castro, die hier beide zusammen Regie geführt und das Drehbuch geschrieben haben, aus dem Jahr 1996.

Der Film beschäftigt sich mit der Stricher-Szene auf dem Santa Monica Boulevard in Los Angeles. Der affektierte deutsche Journalist Jürgen (Bruce LaBruce) kommt extra nach Los Angeles, um ein Buch über diese Szene zu schreiben. Er begegnet dabei zufällig dem Stricher Monti (Toni Ward) und verliebt sich auf der Stelle in ihn. Monti hat gerade seinen letzten Kunden beklaut und ist auf der Flucht, dabei überfährt er versehentlich einen anderen Stricher.

Wiederholt kreuzen sich die Wege von Jürgen und Monti, aber nie von Dauer. Schließlich kommen beide doch ins Gespräch und Jürgen bietet Monti Geld dafür an, wenn dieser ihm von seinen Erlebnissen und Erfahrungen auf der Straße berichtet. Monti willigt ein und zusammen machen sich beide auf, die Gegend zu erkunden. Jürgen möchte seinem neuen Schwarm näher kommen und während Monti im Pool planscht, scheint es fast soweit zu sein. Doch dann passiert ein Unglück, Monti rutscht aus, fällt in den Pool und stößt sich dabei den Kopf. Als Jürgen mit den Drinks wiederkommt, findet er den scheinbar leblosen Körper vor. Verzweifelt packt er ihn ein und fährt mit ihm an den Strand...

Neben der eher zu vernachlässigenden Story bietet dieser Film tatsächlich einen Einblick in die Stricher-Szene in Los Angeles. Völlig wertungsfrei werden hier die teilweise perversen Gelüste der Kunden gezeigt, ohne diese in irgendeiner Form zu verurteilen. Das ist dem Film hoch anzurechnen, geht es doch schließlich nicht darum, hier irgendjemand anzuklagen.

Rick Castro kennt sich in der Szene gut aus, er hatte als Fotograf schon einige Jahre mit den Strichern dort gearbeitet. Daraus entstand dann die Idee zu diesem Film und Bruce LaBruce agiert hier sowohl vor, als auch hinter der Kamera. Seine Darstellung des Jürgen ist einfach köstlich und herrlich überzeichnet, ich hätte ihm noch stundenlang zuschauen können. Toni Ward ist natürlich hauptsächlich ein optischer Augenschmaus, der hier in erster Linie seinen schönen Körper präsentiert, da stört das fehlende schauspielerische Talent eigentlich nicht.

Insgesamt gesehen ein Film der in keine Schublade passt, das muss er aber auch nicht. Von Dokumentation bis Love-Story ist hier einfach alles enthalten. Das ist natürlich eine Low-Budget-Produktion, was man dem Film auch ansieht, aber das tut hier nichts zur Sache. Die Bilder sind durchweg gelungen und sehenswert, allein schon die extrem kitschige Strand-Szene am Ende ist so schön absurd, da ist es schon fast schade, dass der Film wenig später bereits vorbei ist. Anders als in den sonstigen Werken von LaBruce gibt es hier deutlich weniger Sex zu sehen und wenn, dann behält immer mindestens einer seine Socken an. Ein Hinweis auf die Prüderie in Amerika? Das ist natürlich ziemlich lächerlich, aber es schadet dem Film nicht im Geringsten.

Bruce LaBruce ist jedenfalls absolut hinreißend in seiner Rolle und darf zum Schluss sogar noch ein bisschen an Toni Ward herumfummeln, ganz brav natürlich. Seine Filmfigur fragt dann zum wiederholten Mal "Are you gay or are you straight?" Antwort von Monti: "I'm a Hustler."

Nebenbei bemerkt gibt es in diesem Film deutliche Anspielungen auf so berühmte Werke wie "Sunset Boulevard" und "Tod in Venedig" und Bruce LaBruce ist hier eine geniale schwule Mischung aus Gloria Swanson und Gustav von Aschenbach. Von mir jedenfalls eine große Empfehlung.

"Sunset Boulevard" ist übrigens einer der wunderbarsten Filme, die es gibt und ich würde es nicht wagen, darüber etwas zu schreiben, so großartig ist er. Ich kann aber nur jedem empfehlen, sich dieses Meisterwerk anzuschauen und das dazugehörige Making-Of, das sehr interessante Einblicke in die Filmwelt vermittelt.

Montag, 7. Februar 2011

The Raspberry Reich

"The Raspberry Reich" ist ein Film von Bruce LaBruce (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 2004.

Der Film erzählt von einer kleinen Gruppe Terroristen, die in Berlin den Sohn eines reichen Industriellen entführen wollen. Sie bezeichnen sich selbst als sechste Generation der RAF und nennen sich Gudrun, Che, Andreas und so weiter, als Verbeugung für ihre Vorbilder. Ständig beten sie ihre Thesen rauf und runter, obwohl - eigentlich tut das nur die dominante Gudrun (Susanne Sachsse), die einzige Frau im Team, die anscheinend in der Gruppe den Ton angibt. Die männlichen Mitglieder sitzen eher unbeteiligt daneben und scheinen sich zu fügen, mangels eigener Ideen, wie es scheint.

Gudrun predigt außerdem, die Revolution muss auch eine sexuelle Revolution sein und die sexuelle Revolution muss auch eine homosexuelle Revolution sein. Also ermuntert sie ihre Genossen, es miteinander zu treiben, im Dienst der guten Sache, versteht sich.

Die Entführung des Bankierssohnes Patrick (Andreas Rupprecht) geht über die Bühne, aber zwei wichtige Dinge können unsere Möchtegern-Terroristen noch nicht wissen. Erstens, Clyde, der Patrick ausspionieren sollte, hat längst ein Verhältnis mit diesem angefangen. Und zweitens, Patrick hatte vor kurzem sein Coming-Out und wurde daraufhin von seinem Vater enterbt. Außerdem sympathisiert er sowieso mit der Gruppe, was die eigentlichen Pläne total über den Haufen wirft. Gudrun will aber nichts von Planänderungen wissen und die Sache weiter durchziehen, nur leider hat sie diesmal nicht mit dem Widerstand ihrer männlichen Mitstreiter gerechnet. Diese Revolution ist jedenfalls gescheitert, bevor sie richtig begonnen hat.

Bruce LaBruce hat hier einen extrem schrägen und skurrilen Film hingelegt, der sich wirklich sehen lassen kann. Natürlich ist es auch wieder ein Gay-Porno, es gibt Sex ohne Ende, aber andererseits nimmt LaBruce alles schön politisch unkorrekt auf die Schippe und baut Szenen ein, die teilweise brüllend komisch sind. Besonders Gudrun (Susanne Sachsse ist ein Traum in dieser Rolle) ist herrlich überzeichnet, aber nie lächerlich. Die männlichen Darsteller sind hauptsächlich aus der Porno-Branche und durchweg sehenswert.

Als Vertreter des "New Queer Cinema" hat sich Bruce LaBruce bereits einen Namen gemacht, er ist mit scheinbar kindlicher Freude dabei, bestehende Konventionen mit Vergnügen zu ignorieren und das lässt noch auf einige weitere interessante Werke von ihm hoffen. Seine bisherigen Filme werde ich mir auch noch - soweit verfügbar - anschauen, mehr dazu demnächst. An dieser Stelle zunächst schon mal der Hinweis auf "Otto; or, Up with Dead People", den ich ebenfalls sehr empfehlen kann.

Insgesamt gesehen ist "The Raspberry Reich" ein Film der nicht für jeden Geschmack ist, aber das soll wie üblich mal wieder eine Empfehlung sein. Ich hatte jedenfalls meinen Spaß und finde ihn äußerst sehenswert.

Nachtrag:  Es gibt auch von diesem Film eine Hardcore-Version, die von dem Berliner Porno-Label Cazzo-Film unter dem Titel "The Revolution is my Boyfriend" vertrieben wird. Ich habe mir beide Versionen im Abstand von ein paar Wochen angeschaut und kann da keine großen Veränderungen feststellen. Beide Filme sind mit ca. neunzig Minuten Laufzeit angegeben und obwohl die Hardcore-Version scheinbar mehr Sex-Szenen zu bieten hat, bin ich doch ein bisschen unsicher, wo da wohl geschnitten wurde. Egal, der Film ist und bleibt auf jeden Fall sehenswert, in welcher Version auch immer.

Freitag, 28. Januar 2011

Otto; or, Up with Dead People

"Otto; or, Up with Dead People" ist ein Film des kanadischen Filmemachers Bruce LaBruce (Regie und Drehbuch) aus dem Jahr 2008.

Otto (Jey Crisfar) steigt als Zombie aus seinem Grab. Der junge Untote irrt umher in den Straßen der Provinz und landet schließlich, einer inneren Eingebung folgend, in Berlin. Zwischendurch ernährt er sich von dem blutigen Fleisch überfahrener Tiere. In Berlin nimmt ihn ein schwuler Mann mit nach Hause und Otto kostet dann auch von ihm, woraufhin sich der Mann ebenfalls in einen Zombie verwandelt.

Otto lernt die lesbische Regisseurin Medea Yarn (Katharina Klewinghaus) kennen, deren Geliebte Hella (Susanne Sachsse) ein Stummfilmstar ist und immer in schwarzweiß eingeblendet erscheint. Medea engagiert Otto als Darsteller für ihren Polit-Porno-Zombie-Film als ideale Besetzung. Ihr Bruder Adolf (Guido Sommer) ist als Kameramann dabei tätig. Der Hauptdarsteller des Films ist Fritz und wird von Medea gebeten, sich um Otto zu kümmern, da dieser obdachlos ist. Fritz nimmt Otto mit zu sich nach Hause und bietet ihm sein Gästezimmer an. (Nebenbei bemerkt, Zombies baden nie. Kleiner Scherz aus dem Film.)

Otto hat keine Erinnerungen an sein früheres Leben, aber so nach und nach kommen doch Bruchstücke davon hoch. Er hatte einen Freund, aber was ist geschehen? Ist Otto wirklich ein Zombie oder bildet er sich das alles nur ein?

Das ist ein herrlich verrückter Film, schön schräg und meilenweit vom Mainstream entfernt. Der Soundtrack ist sehr schön morbid und äußerst passend gewählt, wenn auch in einigen Szenen etwas zu dominierend, meiner Meinung nach. Die Film-im-Film-Geschichte funktioniert ebenfalls sehr gut und lässt das Ganze im nachhinein in einem anderen Licht erscheinen.

Die Darsteller können sehr wohl überzeugen, das wird bei Low-Budget-Produktionen ja oft bemängelt. Na und? Mir hat vor allen Dingen Jey Crisfar wirklich gut gefallen.

Es gibt auch ein paar eklige Szenen, z. B. die ganzen Eingeweide, das ist schon etwas speziell, aber es ist eben ein Zombie-Film, damit muss man leben. Die Sache mit der Katze nehme ich aber übel, die war so süß und dann kaut Otto noch auf dem Rest herum... Ein bisschen Sex gibt es auch zu sehen und es gibt noch eine finale Orgie mit den anderen Zombie-Darstellern, die ist auch gut gelungen.

Insgesamt gesehen ein sehr experimenteller schwuler Zombie-Film, der viele Anspielungen enthält, unter anderem auf Homosexualität im Allgemeinen, Gewalt gegen Schwule im Besonderen und Aids. Ich kann den Film nur sehr empfehlen, auch wenn der Anfang vielleicht etwas zu lahm ist, es lohnt sich auf jeden Fall. Wer bereit ist, sich auf einen kleinen, aber feinen und trashigen Independent-Film einzulassen, der ist hier genau richtig.